Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Florenkartierung in Deutschland

Gegenstand

Die Flora umfasst die Artenvielfalt, die nach den Gesichtspunkten der botanischen Taxonomie und Systematik erfasst und gegliedert wird. Sie wird als Auflistung der Pflanzensippen eines Gebietes dargestellt und drückt den phylogenetisch entstandenen Artenreichtum und das genetische Entwicklungspotential der Pflanzenwelt aus. Sie repräsentiert das Angebot an Arten einer Region, aus dem sich Pflanzengesellschaften bzw. die Vegetation zusammensetzen.

Unter der Bezeichnung Florenkartierung findet in Deutschland die Bestandeserhebung und Kartierung der Gefäßpflanzen (Farn- und Blütenpflanzen) statt. Die Kartierungen anderer Pflanzengruppen laufen unter den entsprechenden Bezeichnungen (z.B. Kartierung der Moose, Kartierung der Armleuchteralgen). Die Kartierungen bei den mittlerweile taxonomisch als eigenes Organismenreich geltenden Pilzen werden analog  z.B. als Kartierung der Großpilze, Kartierung der Flechten etc. bezeichnet. Selbstverständlich wird weiterhin von einer Moosflora, Algenflora etc. gesprochen, während für „Pilzflora“ oder „Flechtenflora“ noch keine dem neu definierten Organismenreich Pilze gerechten Ausdrücke eingeführt sind.

Organisatorischer Hintergrund

Die Florenkartierung in Deutschland ist ihrem Ursprung nach ein Teil der in den 60er Jahren von Wien aus propagierten und seither von dort aus international koordinierten Mitteleuropa-Kartierung. Für ihre flächendeckende Koordination in Deutschland (damals BRD und DDR) wurden zunächst an den Universitäten Göttingen (später Bochum und Regensburg) bzw. Halle zentrale Koordinationsstellen eingerichtet, mit der Aufgabe, den flächendeckenden Kartierungsprozess auf ehrenamtlicher Beteiligungsbasis zu initiieren, die regionalen Erhebungsergebnisse zusammenzuführen und in einheitlichen Verbreitungskarten der Pflanzenarten darzustellen. Mit der Vereinigung wurde eine einzige deutsche „Zentralstelle für die floristische Kartierung Deutschlands“ mit den Bereichen Nord, Süd und Ost geschaffen. Das Bundesamt für Naturschutz war an diesem Prozess unterstützend beteiligt. Es hat zwischen Ende der 1980er und Anfang der 2000er Jahre die Aktivitäten der Zentralstelle zur Aktualisierung der Florenkartierung und Einrichtung einer Zentralen Datenbank der Florenkartierung sowie des darauf fußenden Informationssystems FloraWeb mit Forschungsmitteln gefördert. Das Informationssystem FloraWeb wird vom BfN als Daueraufgabe in Kooperation mit der Zentralstelle bzw. deren Nachfolger (s.u.) weitergeführt. Darüber hinaus setzt sich das BfN aktiv für die Bereitstellung der Software für Datenerfassung und -kommunikation für die Florenkartierung ein.

Netzwerk Phytodiversität Deutschland (NetPhyD)

Vor dem Hintergrund des wachsenden Interesses an der Auswertung der Bestands- und Verbreitungsdaten der Florenkartierung für Naturschutz, einschließlich dessen internationaler Belange, für Wissenschaft und flächenbezogene Planungen, erwies es sich Anfang der 2000er Jahre als sinnvoll, in die Zentralstelle diejenigen Disziplinen mit einzubeziehen, die für die wissenschaftliche und naturschutzbezogene Auswertung bzw. Anwendung der Kartierungsergebnisse besonders relevant sind. Unter der neuen Bezeichnung „Zentralstelle für die Phytodiversität Deutschlands“ (ZePhyD) schlossen sich den alten Koordinationsstellen der Florenkartierung neue Bereiche an, wie Vegetationsdatenbanken (FH Freising-Weihenstephan), Biologie und Ökologie der Pflanzenarten (Uni Regensburg, Uni Oldenburg, UFZ Leipzig-Halle), Populationsgenetik (Uni Osnabrück), Arealkunde (Uni Halle) u.a. Um als juristische Person auftreten zu können wurde die Vereinsform gewählt und 2006 der Verein „Netzwerk Phytodiversität Deutschland“ (NetPhyD) gegründet. In dessen Rahmen wurde als Ersatz der alten Zentralstelle die neue Koordinationsstelle Florenkartierung eingerichtet. Diese ist am Zentrum für Biodokumentation des Saarlandes (ZfB) als Aufgabe angesiedelt. Neben der Kontinuität des Informations- und Kommunikationssystems der Florenkartierung (FloraWeb/BfN) ist damit erstmalig auch die Kontinuität der Koordinationsaufgaben bei der bundesweiten Florenkartierung unabhängig von unregelmäßig verfügbaren Fordermitteln gewährleistet.

Ehrenamtliche Aktivitäten

Basis der flächendeckenden Bestandserhebung und Kartierung der Flora in Deutschland wird auch in Zukunft die ehrenamtliche Geländeerhebung auf breiter Beteiligungsbasis Fachkundiger sowie die taxonomische Betreuung durch Spezialisten bleiben. Letztere haben sich zeitlich parallel zum NetPhyD-Entstehungsprozess im Verein zur Erforschung der Flora Deutschlands zusammengeschlossen und die Kooperation beider Vereine mit Beteiligung des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) ist geplant. Vor allem angesichts der Tatsache, dass es notwendig ist, im ehrenamtlichen Florenkartierungsprozess zunehmend auch den Bedürfnissen themenspezifischer Monitoring-Ansätze Rechnung zu tragen, erscheint es unverzichtbar, dass auch die Bundesländer ihrerseits die regionalen Aktivitäten weiterhin unterstützen und voran treiben.

Veröffentlichungen

In gedruckter Form liegen die Ergebnisse der bundesweiten Florenkartierung bisher nur in den beiden Teilatlanten für das ehemalige Staatsgebiet der alten BRD (Atlas der Farn- und Blütenpflanzen Westdeutschlands, Haeupler und Schönfelder 1988) sowie für die neuen Bundesländer (Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Ostdeutschlands, Benkert et al. 1996) vor.  Die Herausgabe eines aktualisierten Kartenwerkes für das gesamte deutsche Staatsgebiet ist für ca. 2010 von NetPhyD in Kooperation mit dem BfN geplant. 

Methode

Methodisch wurde bei der deutschen Rasterkartierung an die von Mattfeld vorgeschlagene Vorgehensweise angeknüpft, bei der das Messtischblatt (Blatt der topografischen Karte im Maßstab 1:25 000) als Basis-Flächenbezug bei der Geländeerhebung dient. Länder- und regionale Kartierungen sind z.T. noch erheblich genauer.

Die Datenbank FlorKart

Florenkartierung 1989-1997:
Organisationsstruktur und Datenfluss
 zur vergrößerten Ansicht
Schema Florenkartierung

Die elektronische Datenverarbeitung, die bei der Florenkartierung von Beginn an vorgesehen war, konnte bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit zentraler Datenerfassung an einem Großrechner in Ulm eingeführt werden. In einer anschließenden Phase wurden die Kartierungsdaten aus ganz Deutschland, welche seit der ersten Phase in einer Reihe von Kartierungsvorhaben erhoben wurden, im Rahmen eines F+E -Vorhabens in einer zentralen Datenbank FlorKart am BfN (bis 1993: Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie) zusammengeführt. Bis 2000 konnte die Datenbasis von 1,2 Mio. auf 14 Mio. Datensätze erheblich erweitert werden. Mit einbezogen wurden die verschiedenen Landesbehörden für Naturschutz, die zwischenzeitlich eigene Länderprojekte angestoßen und durchgeführt haben.
Zur Gewährleistung des reibungslosen Datenflusses zwischen den regionalen Kartierungsprojekten und der zentralen Datenbank wurde allen Kartierern die Erfassungssoftware FLOREIN, die zwischenzeitlich von RECORDER D abgelöst wurde, kostenlos zu Verfügung gestellt. Auf diese Weise konnte die Datenerhebung und die Fehlerkontrolle bei der Datenerfassung in die Hände der regionalen Verantwortlichen gelegt werden. Die Datenerhebung wird zu einem großen Teil von ehrenamtlichen Mitarbeitern, aber auch von Wissenschaftlern an Universitäten und den Naturschutzbehörden der Länder geleistet. Diese senden ihre Daten an Regionalstellen, welche die  abschließende Datenkontrolle übernehmen. Auf der nächsten Ebenen übernimmt die Zentralstelle für die floristische Kartierung Deutschlands das Datenmanagement und die Datenharmonisierung.

Logo Floraweb

Nach 1997 erfolgte in kleinerem Umfang die Durchführung der bundesweiten Datenharmonisierung und Korrektur der Status-Einstufungen. Ergänzend dazu und in Synergie mit der Beteiligung des BfN am Aufbau des Bundesinformationssystems Genetische Ressourcen (BIG) und an GEIN (German Environmental Information Network) inzwischen umbenannt in  Portal U, wurde der Aufbau von  FloraWeb als internetbasiertes Informationsangebot zu Pflanzen und Vegetation in Deutschland gefördert. Mit FloraWeb und dem darin integrierten dynamischen Kartendienst zur Erzeugung von Verbreitungskarten aus der Datenbank FlorKart wurde der Bestand an Daten für einen Deutschen Verbreitungsatlas im Messtischblattraster öffentlich und frei zugänglich gemacht. FloraWeb ist seit 2000 online und ist eine dynamisch aus Datenbankinhalten erzeugte Web-Flora mit einem breiten Spektrum an Informationen zu Verbreitung, Areal, Gefährdung, Schutz, Taxonomie und Nomenklatur, Biologie und Ökologie wild wachsender Gefäßpflanzen in Deutschland. Im Rahmen von FloraWeb wurden im BfN inzwischen verschiedene webbasierte Werkzeuge für die kooperative Fortschreibung zentral gespeicherter Datenbestände entwickelt.

Auswertungsmöglichkeiten in FloraWeb/FloraMap

Mit Hilfe des in  FloraWeb eingebauten Benutzer-Tools FloraMap können Recherchen nach Artkombinationen, die nach verschiedenen Kriterien zusammengestellt wurden, durchgeführt werden. Neben biologischen und ökologischen Eigenschaften, stehen Status, Schutz, Gefährdung und Verantwortlichkeit Deutschlands als Auswahlkriterien zur Verfügung. Die Ver­breitung der durch die Auswertungs­möglichkeiten zusammengestell­ten Artengruppen kann in ent­sprechenden Karten dargestellt werden.

Begleitprojekte

Als Begleitprojekte von internationalem Standard  entstanden im Zuge der Floristischen Kartierung Deutschlands die Standardliste der Gefäßpflanzen (Wisskirchen und Haeupler 1998) und der Bildatlas der Gefäßpflanzen Deutschlands (Haeupler und Muer 2000).

Zukünftige Herausforderungen und Auswertungsmöglichkeiten

Die Kartierung der niederen Pflanzen, für die bisher noch keine bundesweiten Verbreitungsatlanten vorliegen, ist Gegenstand zukünftiger Aktivitäten. Die floristische Kartierung in Deutschland ist aber mit der Erstellung von Verbreitungsatlanten noch lange nicht abgeschlossen. Vielmehr sollte die Datenerfassung ständig fortgeführt werden, da sie zahlreiche Ziele verfolgt und vielfältige Auswertungsmöglichkeiten in sich birgt. Neben der Feststellung der Areale von Pflanzen und deren Gesamtverbreitung in Europa helfen floristische Daten bei der Ursachenforschung für Pflanzenareale (ökologische Faktoren, Klima, Bodenfaktoren, Ausbreitungsbiologie), unterstützen florengeschichtliche Analysen sowie systematische und taxonomische Untersuchungen. Für Bewertung von Seltenheit und/oder Gefährdung vom Pflanzenarten und der Ermittlung der Verantwortlichkeit Deutschlands für die Erhaltung von Pflanzenarten sind sie unersetzbar.
Aktuelle Bedeutung kommt der floristischen Kartierung für die Erfassung und Dokumentation der Auswirkungen des globalen Klimawandels und Validierung der vorhergesagten Arealverschiebungen zu.


Literatur

  • Rolf Wisskirchen, Henning Haeupler: Standardliste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1998. ISBN 3800133601
  • Henning Haeupler, Thomas Muer: Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2000. ISBN 3800133644

Weitere Informationen

 FloraWeb ist das online-Informationsangebot des BfN über die wild wachsenden Pflanzenarten, Pflanzengesellschaften und die natürliche Vegetation Deutschlands

 Neoflora bietet Informationen zu invasiven gebietsfremden Pflanzenarten in Deutschland

 WISIA, das wissenschaftliche Informationssystem zum internationalen Artenschutz

Werkzeuge zur Datenerfassung

Letzte Änderung: 09.12.2008

 Artikel drucken