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Positionspapier des BfN zum Wisent (Bison bonasus)

Ausgangslage

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Die Verbreitung des Wisents (Bison bonasus) erstreckte sich ehemals über die westlichen, zentralen und süd-östlichen Teile von Europa. Am Beginn des 20. Jahrhunderts war der Wisent nahezu ausgerottet und vollständig aus der freien Natur verschwunden. Die damals letzten Tiere wurden in freier Wildbahn 1919 in Polen und 1927 im Kaukasus durch Wilderei ausgerottet (Pucek et al. 2004). Der Verlust des Lebensraums durch die Ausweitung menschlicher Siedlungen sowie der Land- und Forstwirtschaft waren neben Jagd und Wilderei die Hauptursachen für den Rückgang und das Verschwinden der Art aus der freien Wildbahn zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute sind die hohe menschliche Siedlungsdichte, die große Entfernung zwischen den osteuropäischen Auswilderungsprojekten und potenziell geeigneten Lebensräumen im Westen und der Mangel an Wanderkorridoren die Hauptgründe für das fehlende Vorkommen dieser Art in Westeuropa.

Zur Erhaltung dieses Wildrinds wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein Zuchtprogramm begonnen, das zu einer Erholung des Bestandes führte, allerdings mit stark reduzierter genetischer Vielfalt und hoher Inzuchtgefahr. Trotz dieser Zuchterfolge ist die Art weiterhin stark gefährdet [Rote Listen: Welt (IUCN 2007): „endangered“ (EN); D (Boye et. al. 1998): „ausgestorben“ (0)]. Die geringe Anzahl Gründertiere und die dadurch bedingte geringe genetische Ausgangsdiversität führte zu einer eingeschränkten genetischen Variabilität des heutigen Wisentbestandes und, gekoppelt mit den Folgen von genetischem Drift, zum Verlust eines großen Teils des ursprünglichen Genpools sowie zu bislang noch nicht eindeutig identifizierten Krankheiten, die sich negativ auf die Reproduktion auswirken. Als weiterer Gefährdungsfaktor ist die mögliche Hybridisierung frei lebender Wisente mit Amerikanischen Bisons oder Bison-Wisent Hybriden, in Gegenden in denen beide nebeneinander vorkommen, anzusehen (Zablotskaya et al. 2004).

Heute (nach Wiedereinbürgerung) existieren Vorkommen frei lebender Wisent-Herden in Polen, Weißrussland, der Slowakei, Litauen, Russland und der Ukraine (Mitchell-Jones 1999; Perzanowski et al. 2004; Pucek et al. 2004; WWF Polen 2004). In Deutschland wurden im Dezember 2005 vier Wisente im Eleonorenwald, einem umzäunten 1000 ha großem Waldgebiet im Emsland (Niedersachsen), ausgesetzt (NLWKN 2005).
Der weltweite Gesamtbestand beträgt gegenwärtig rund 3800 Individuen; davon leben mehr als die Hälfte in freier Wildbahn.

Für den Erhalt des Wisents hat die EU eine besondere Verantwortung. Entsprechend wird der Wisent auch im Anhang II der FFH-Richtlinie als prioritäre Art geführt. Nach Bundesnaturschutzgesetz handelt es um eine streng geschützt Art (FFH Anhang IV). Der Wisent unterliegt nach § 2 Bundesjagdgesetz dem Jagdrecht; er ist als Wildtier ohne Jagdzeit eingestuft. Damit genießt er auch jagdrechtlichen Artenschutz und darf ganzjährig nicht bejagd werden.
In den letzten Jahren wird intensiv diskutiert, welche Rolle großen Pflanzenfresser in natürlichen und halbnatürlichen Ökosystemen Mitteleuropas zukommt bzw. in der Vergangenheit zukam. Beim Wisent handelt es sich um die einzige in diesem Raum noch vorkommende Wildrindart und gleichzeitig den letzten frei lebenden Vertreter des Ernährungstyps der „Grazer“. Entsprechend hoch ist das wissenschaftliche und naturschutzfachliche Interesse an der Klärung der Frage, welche Bedeutung der Wisent für die Entwicklung künftiger Wildnisgebiete und ihre Dynamik haben kann. Somit besteht aus Sicht des Naturschutzes nicht nur eine große Verantwortung im Hinblick auf die Arterhaltung sondern auch Forschungsbedarf bezüglich der von dieser Art ausgefüllten Funktionen im Ökosystem. 

Position des BfN

In Deutschland leben nahezu 500 Wisente vor allem in Wildgehegen und Zoos. Dies entspricht mehr als einem Drittel des im Internationalen Zuchtbuch für den Wisent registrierten Weltbestands in Gehegehaltung (EBAC 2007). Hieraus ergibt sich aus Sicht des BfN eine herausragende Verantwortung Deutschlands für die Erhaltungszucht des Wisents. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Erhalt der genetischen Variabilität und des Gen-Pools bei den Zuchtbemühungen zu. Hierzu ist eine internationale Koordination unverzichtbar. Eine enge Zusammenarbeit aller Wisentzuchten mit dem gegenwärtig im polnischen Nationalpark Białowieża geführten Internationalen Zuchtbuch (European Bison Pedigree Book, EBPB) ist daher erforderlich. Zugleich sollte durch Einbindung von internationalen Experten auf dem Gebiet der Erhaltungszucht in die Zuchtbemühungen um den Wisent dafür Sorge getragen werden, dass die internationalen Nachzuchten mit Blick auf eine optimale Eltern-Paar-Bildung erfolgen, um die noch vorhandene genetische Diversität bestmöglich zu erhalten. Dies schließt auch künstliche Besamung u.ä. nicht aus. Vorrangiges Ziel muss sein, genetisch stabile und weniger anfällige Populationen aufzubauen. Die „Bestückung“ von Schaugehegen und kleineren Beständen, die für andere Zwecke vorgesehen sind, sollte dagegen vorrangig mit aus populationsgenetischen Gesichtspunkten weniger bedeutsamen Tieren erfolgen, um das Risiko zu minimieren, wertvolle Zuchttiere (mit seltenen Allelen oder Merkmalskombinationen) zu verlieren. Letztere sollten ausschließlich in Zuchtbeständen gehalten werden. Um die Durchführung einer optimierten Erhaltungszucht zu gewährleisten, sollte zudem die Erfassung der genetischen Ausstattung sowohl der frei lebenden Wisentherden bzw. -populationen als auch möglichst aller Ex-Situ-Exemplare intensiv angestrebt und die entsprechenden Daten zentral vorgehalten werden.

Die  IUCN/SSC Bison Specialist Group – Europe hat im Conservation Action Plan zum Wisent (Pucek et al. 2004) Schutzstrategien formuliert, die vom BfN generell unterstützt werden. In Umsetzung dieser Strategien wurde u.a. im September 2007 das European Bison Advisory Center (EBAC) gegründet, das eng mit dem EBPB zusammenarbeitet. Das EBAC soll zu einem zentralen Informations- und Beratungszentrum für den Wisent ausgebaut werden. Dies umfasst die Zuchtberatung auf der Grundlage populationsgenetischer Erkenntnisse (Nowak et al. 2004, Olech 1998, Olech 2007/2008 mdl.) und die wissenschaftliche Beratung bei Wiedereinbürgerungsprojekten. Seit September 2007 existiert auch eine Internetseite des EBAC [ http://ebac.sggw.pl].

Aus Sicht des BfN ist es erforderlich, dass alle Wisenthaltungen in Deutschland mit diesem internationalen Beratungszentrum zusammenzuarbeiten und jeweils zeitnah Veränderungen im Tierbestand dorthin bzw. an das Internationale Zuchtbuch (EBPB) melden. Weiterhin sollten die genetischen Identitäten aller Zuchttiere in Deutschland erfasst und auf eine strenge Trennung der existierenden beiden Zuchtlinien geachtet werden (Olech 2004). Auch sollten die Nachzuchtbemühungen in Deutschland durch einen Ausbau der internationalen Kooperation optimiert werden.
Das langfristige Ziel aller Schutzmaßnahmen ist die Erhaltung überlebensfähiger Wisentpopulationen. Aus populationsökologischen und populationsbiologischen Gesichtspunkten gelten Herden von mindestens 100 Tieren als gesichert, d. h. das Risiko des Aussterbens in Folge von demographischen und umweltbedingten Zufallsereignissen ist hinreichend niedrig (Pucek 2004). In Regionen, in denen die Voraussetzungen dafür erfüllt sind [u.a. gesellschaftliche Akzeptanz, ausreichende Lebensraumverfügbarkeit und -qualität (Pucek et al. 2004)] sollte versucht werden, die Bedingungen für frei lebende Wisentpopulationen als Bestandteil natürlicher Wald- und Wald-Offenland Ökosysteme zu schaffen. Dabei stehen die Erhaltung bzw. die Vergrößerung und länderübergreifende Vernetzung der frei lebenden Populationen in Polen, Weißrussland und dem Baltikum sowie in den Karpaten an erster Stelle (Balciauskas 1999, Perzanowski  2004, Perzanowski et al. 2004, Pucek et al. 2004, ZGF 2005).

Für Mitteleuropa bzw. Deutschland sieht das BfN in Übereinstimmung mit der IUCN Bison Specialist Group in Bezug auf diese Voraussetzungen (s. Pucek 2004) aber noch Forschungsbedarf. Um die nötigen Kenntnisse zur Ökologie, dem Verhalten und dem Management sowie der Rolle des Wisents in Ökosystemen zu gewinnen bzw. zu vertiefen und belastbare Einschätzungen zur Akzeptanz bei der Bevölkerung und zu den sozioökonomischen Auswirkungen vorzunehmen, können systematische Studien auch an Beständen in halbwilder Haltung in diesem Raum wichtige Beiträge liefern. Deshalb unterstützt das BfN die Einrichtung räumlich begrenzter, halbwilder Wisenthaltungen in Deutschland, sofern diese ex-situ-Projekte entsprechend den oben genannten Zielsetzungen wissenschaftlich begleitet werden. Sie eröffnen, bei Vorliegen der nötigen Voraussetzungen [s.o. und Guidelines for Re-introductions (IUCN 1998)], auch eine Perspektive zur „in situ-Erhaltung“ des Wisents in Form einer Wiedereinbürgerung in der freien Natur in Mitteleuropa.

Literatur

  • Balciauskas, L. (1999): European Bison (Bison bonasus) in Lithuania: status and possibilities of range extension. - Acta Zoologica Lituanica. Biodiversity 9 (3): 3-18.
  • Boye, P., Hutterer, R. & Benke, H. (1998): Rote Liste der Säugetiere (Mammalia). – In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands. – Münster (Landwirtschaftsverlag) - Schr.-R. f. Landschaftspfl. u. Natursch. 55: 33-39.
  • EBAC (2007): Database – European bison in captivity -  http://ebac.sggw.pl
  • IUCN (1998): Guidelines for Re-Introduction. Prepared by the IUCN/SSC Re-Introduction Specialist Group. - IUCN, Gland, Switzerland and Cambridge, UK, 10 pp.
  • IUCN (2004): 2004 IUCN Red List of Threatened Species. -  www.iucnredlist.org
  • Mitchell-Jones, A. J., Amori, G., Bogdanowicz, W., Kryštufek, B., Reijnders, P. J. H., Spitzenberger, F., Stubbe, M., Thissen, J. B. M., Vohralík, V. & Zima, J. (1999): The Atlas of European Mammals. – Lonndon (Academic Press), 496 S.
  • NLWKN (2005): Vier Wisente im Eleonorenwald ausgewildert. – Pressemitteilung vom 22.12.2005,  http://www.nlwkn.niedersachsen.de/master/C15239273_L20_D0_I5231158.html
  • Nowak Z., Bukowczyk I., Charon K.M., Olech W. (2004): Genetic polymorphism in the European bison population. - Proceedings of the Conference „European Bison Conservation”, 30 September – 2 October 2004, Bialowieza, Poland, p 97.
  • Olech, W. (1998): The inbreeding of European bison (Bison bonasus L.) population and its influence on viability. - 49th EAAP meeting, Warsaw, August 24-27.
  • Olech, W. (2004): Separation of European bison lines in captive breeding. - Proceedings of  the Conference „European Bison Conservation”, 30 September – 2 October 2004, Bialowieza, Poland, pp 99-100.Perzanowski, K., (2004): The restitution of the European bison in the Bieszczady Mountains as a component of renaturalisation of mountains ecosystems. - Roczniki Bieszczadzkie 9: 151-156.
  • Perzanowski, K., Olech, W. & Kozak, I. (2004): Constraints for establishing a meta-population of the European bison in Ukraine. - Biological Conservation 120(3): 345-353.
  • Petersen, B. & Ellwanger, G. (Bearb.) (2006): Das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000. Ökologie und Verbreitung von Arten der FFH-Richtlinie in Deutschland. Band 3: Arten der EU-Osterweiterung. - Schr.-R. f. Landschaftspfl. u. Natursch. 69/3, 188 S.
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  • WWF Polen (2004): Natura 2000 Shadow List in Poland. Detailed Analysis of Habitat Directive Implementation. Synthetic Approach to Bird Directive Implementation. – Warschau, 179 S.
  • Zablotskaya, L. V., Zablotsky, M. & Zablotskaya, M. M. (2004): Origin of the Hybrids of North American and European Bison in the Caucasus Mountains. - In: Pucek, Z., Belousova, I. P., Krasinska, M., Krasinski, Z. A. & Olech, W. (2004): European Bison. Status Survey and Conservation Action Plan. - Gland, Switzerland and Cambridge, UK - IUCN/SSC Bison Specialist Group. IUCN: 49-52.
  • ZGF (Zoologische Gesellschaft Frankfurt von 1858 e.V.) (2005): ZGF Projekte 2005 – Frankfurt - Kurzprofile der Naturschutzprojekte weltweit, 60 S.

Letzte Änderung: 28.05.2008

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