Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Naturverträglicher Hochwasserschutz

Eckpunktepapier vorsorgender Hochwasserschutz

Das Hochwasser vom Mai/Juni 2013 hat erneut gezeigt, dass die Anstrengungen für einen vorsorgenden Hochwasserschutz dringend verstärkt werden müssen. Nach dem "Jahrhunderthochwasser" 2002 an Elbe und Donau wurden zwar viele Maßnahmen geplant und umgesetzt. Diese überwiegend technischen Lösungen wie z.B. Deicherhöhung und -sanierung verbesserten zwar den lokalen Hochwasserschutz, verlagerten damit aber die Problematik oftmals weiter flussabwärts. Für den Schutz von Siedlungen ist der technische Hochwasserschutz weiterhin unabdingbar, reicht aber für sich genommen nicht aus. Ein vorsorgender Hochwasserschutz muss neben technischen Maßnahmen und einer Minderung der Schadenspotenziale unbedingt auch die Rückgewinnung von Auenflächen beinhalten. Mit dem Eckpunktepapier will das BfN die fachliche und politische Diskussion über die notwendigen Konsequenzen aus der letzten Hochwasserkatastrophe bereichern.
 Eckpunktepapier für einen vorsorgenden Hochwasserschutz

 Karte "Verlust der Überschwemmungsflächen"

 Deichrückverlegung an der Elbe/Lenzen

 Deichrückverlegung an der mittleren Elbe Lödderitz

 Mehr Informationen zum Auenzustand

Hochwasser und Überschwemmungen an Flüssen sind natürliche Phänomene, die durch die Aktivitäten des Menschen beeinflusst und verändert werden. Sie sind in erster Linie von der räumlichen Verteilung und Intensität von Niederschlägen (ggf. auch Tauwetter) und der Abflusssituation im Einzugsgebiet abhängig.

Extreme Hochwasserereignisse häufen sich

So beruhten die drei extremen Elbehochwasser seit 2002 unmittelbar auf extremen und lang anhaltenden Niederschlägen. Die Häufung dieser natürlichen Ereignisse in den letzten Jahren ist auffällig. In den beiden letzen Jahrzehnten traten an den großen Strömen häufiger „Jahrhunderthochwasser“ auf, so z. B. am Rhein 1983, 1988, 1993 und 1995, an der Donau 1988, Pfingsten 1999 sowie jeweils im August 2002 und 2005, an der Oder im Sommer 1997 und an der Elbe im August 2002, im Januar 2003 und im April 2006. Zu den Ursachen gehören Vordeichungen und Staustufen, die beispielsweise an der Donau den Hochwasserablauf erhöht und beschleunigt haben. Im Vergleich zu  1954 hat sich dort die Hochwassersituation wesentlich verschärft.

Das Ausmaß der Hochwasser ist somit teilweise eine Folge des oftmals verfehlten Umgangs mit unseren Flüssen und deren Einzugsgebieten. Die Begradigung von Bächen und Flüssen, der Bau von Staustufen und der damit oft einhergehende Verlust von Auen, die immer noch zunehmende Flächenversiegelung, großflächige Entwässerungen und die intensivere Nutzung von Überschwemmungsflächen sind „menschengemachte“ Ursachen für extreme Hochwasserereignisse. 


Silberweidenwald im Isarmündungsgebiet, Foto: Henrik Hufgard

Bedeutung der Auen für Hochwasserschutz

Naturnahe Flüsse und die dazugehörigen Auen sind durch eine ständige Dynamik von Hoch- und Niedrigwasser geprägt. Damit wird einerseits für den Erhalt der an diesen Wechsel angepassten Lebensgemeinschaften der Aue gesorgt, andererseits wirken Auen als natürliche Retentionsflächen für Hochwasser: das Wasser wird zurückgehalten, der Wasserabfluss gebremst und die stromabwärts liegenden Flussbereiche entlastet.

An fast allen Strömen wurden die einst ausgedehnten Auen durch Kanalisierung, Staustufenbau und flussnahe Deiche auf einen Bruchteil reduziert. Der Rhein und die Elbe büßten an den deutschen Abschnitten ca. vier Fünftel ihrer Auen ein. Die Einschnürung und Begradigung der Flüsse beschleunigt den Hochwasserabfluss. Durch die Eindeichungen wurden die Auen von den Flüssen abgetrennt und nutzbar für die Landwirtschaft, für den Siedlungsbau und Verkehrswege.


Diese Nutzungen verstärken den schnellen Abfluss des Wassers einerseits und sind andererseits der Hochwassergefahr als erstes ausgesetzt. Sie führen damit zu den immens hohen volkswirtschaftlichen Kosten der extremen Hochwasserereignisse. Durch die Beschleunigung des Hochwasserabflusses bleibt den Menschen heute nicht nur weniger Zeit, sich auf die schnelleren, höheren und häufigeren Hochwasser einzustellen. Ebenso steigt die Gefahr, dass sich die Hochwasser des jeweiligen Hauptstromes mit denjenigen der Nebenflüsse überlagern und das Hochwasserrisiko erhöhen.

Auenschutz und Hochwasservorsorge

Hochwasserschutz aus Sicht des Naturschutzes gewährt den Flüssen wieder mehr Raum und ermöglicht eine natürliche Dynamik der Überschwemmungsräume und damit das Überleben funktionsfähiger Auen. Die Funktion der Auen als natürliche Überschwemmungsgebiete muss nicht nur aus Sicht des Naturschutzes, sondern auch aus Gründen des vorsorgenden Hochwasserschutzes so weit wie möglich wiederhergestellt werden. Gleichzeitig müssen die noch vorhandenen naturnahen Auen, beispielsweise an Donau, Elbe und Rhein erhalten und langfristig gesichert bleiben, und dürfen nicht durch weiteren Staustufenbau und Eindeichungen oder nicht angepasste sonstige Nutzungen gefährdet werden.

Der Hochwasserschutz und die Bereitstellung von Überschwemmungsflächen sind in den für den Gewässerschutz relevanten Richtlinien und Gesetzen verankert. Mit der Änderung des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) durch das 2005 in Kraft getretene Hochwasserschutzgesetz wurden die Rechtsgrundlagen für den vorbeugenden Hochwasserschutz in Deutschland deutlich verbessert. Verlangt werden die Erstellung von Hochwasserschutzplänen und die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten mit einem grundsätzlichen Bebauungsverbot an Gewässerstrecken mit drohenden Hochwasserschäden auf der Grundlage eines 100-jährlichen Hochwassers.

In Europa sollen der vorbeugende Hochwasserschutz und das Risikomanagement mit der Hochwasserrisikomanagementrichtlinie in einem flusseinzugsgebietsbezogenen Ansatz umgesetzt werden (RL 2007/60/EG). Unter Beachtung der Bedeutung von natürlichen Überschwemmungsgebieten soll das Hochwasserrisiko bewertet, Hochwassergefahren- und -risikokarten sowie Hochwasserrisikomanagementpläne erstellt werden. 

Beispielhafte Projekte zum Auen- und Hochwasserschutz sind im Heft 112 der Schriftenreihe "Naturschutz und biologische Vielfalt" in Steckbriefen dargestellt. Einen schnellen Überblick über die dort beschriebenen Auenprojekte [Nr. 1 - 33] bekommen Sie  hier ..


Hochwasserschutz durch Rückdeichung

Hochwasserschutz durch Gewässerrenaturierung und die Erhaltung von Auenlandschaften spielen sowohl in dem seit 1979 bestehenden Förderprogramm „Naturschutzgroßprojekte“ als auch in besonderem Maße im 1989 gestarteten „Gewässerrandstreifenprogramm“ eine herausragende Rolle.   Aktuelle Beispiele

Auch im Naturschutzgroßprojekt  Lenzener Elbtalaue in Brandenburg wird durch Deichrückverlegung natürlicher Überschwemmungsraum in einer Größenordnung von 450 ha geschaffen werden. Der Gleichklang von Natur- und Hochwasserschutz schafft auch hier Synergieeffekte, allerdings wäre ein Gesamtkonzept für die Elbe wichtig, das Naturschutz- und Hochwasservorsorge miteinander und mit den Anliegen des Schiffsverkehrs verbindet. 

Das Naturschutzgroßprojekt  Mittlere Elbe zwischen Dessau und der Saalemündung umfasst den größten zusammenhängenden Auwaldkomplex Mitteleuropas. Ziel des Vorhabens ist der Schutz und die Wiederherstellung einer intakten, naturnahen und waldreichen Überflutungsaue, wobei die Sicherung der flusstypischen Dynamik, der Erhaltung und Erweiterung der Überschwemmungsflächen sowie der Sicherung des Auwaldkomplexes im Mittelpunkt steht. Durch eine Deichrückverlegung wird Retentionsraum von mindestens 600 ha für die Hochwasservorsorge wieder gewonnen.


Letzte Änderung: 06.08.2013

 Artik