Zehn Anforderungen an eine moderne Naturschutzpolitik in Deutschland aus Sicht des Bundesamtes für Naturschutz anlässlich des zehnjährigen BfN-Jubiläums
1. Naturerbe bewahren
Zur Bewahrung des Naturerbes in Deutschland ist zum einen die Entwicklung eines kohärenten nationalen Schutzgebietssystems (Biotopverbund) notwendig. Der Verinselung wertvoller Lebensräume in der Landschaft wird damit entgegengewirkt. Zum anderen muss zukünftig dem dynamischen Prinzip "Natur Natur sein lassen" mehr Raum gewährt werden. Besonders bedeutsam ist die Erhaltung des "Grünen Bandes" (ehemaliger innerdeutscher Grenzsteifen).
2. Auen schützen - Hochwasservorsorge stärken
Fast alle Flüsse und Auen in Deutschland wurden durch Begradigung, Regulierung, Eindeichungen und Staustufen ihrer natürlichen Dynamik beraubt. Diese Maßnahmen beschleunigen und verstärken das Hochwassergeschehen, so dass im Zusammenwirken mit Starkniederschlägen die Hochwasserkatastrophen zunehmen. Um die Hochwasservorsorge zu stärken und wertvolle Naturräume zu erhalten sind aktuelle und potenzielle Auen zu sichern und weitere Bereiche durch Rückverlegung der Deichlinien zu reaktivieren. Um eine wirksame Hochwasservorsorge zu gewährleisten, sollte die Fläche der Überflutungsräume bis 2020 mindestens verdoppelt werden. Ebenfalls bis 2020 sind mindestens 50 % der verbauten kleineren Fließgewässer zu renaturieren und die Retention in den Einzugsgebieten zu fördern.
3. Flächeninanspruchnahme reduzieren
Die ungebrochene, fortschreitende Flächeninanspruchnahme durch Siedlung, Gewerbe und Verkehr widerspricht dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung. Sie führt zu einem andauernden Verlust an Freiflächen für Naturschutz, Landwirtschaft, Ressourcen- und Hochwasserschutz und mindert die Funktionsfähigkeit dieser Flächen durch Randwirkungen und eine zunehmende Zerschneidung und Verinselung unserer Freiflächen. Eine Trendwende bei der Flächeninanspruchnahme ist nicht in Sicht. Um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, ist entsprechend der Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes das Wachstum der Siedlungs- und Verkehrsflächen bis 2020 von derzeit 120 ha auf 30 ha pro Tag zu reduzieren.
4. Naturschutzgerechte Nutzungen garantieren und stärken
Art und Intensität der Nutzungen sind von entscheidender Bedeutung für Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt. Ihre natur- und landschaftsverträgliche Ausgestaltung ist eine wesentliche Voraussetzung, um den negativen Trend der Gefährdung von Arten und Lebensräumen aufzuhalten. Die Integration von Naturschutzanliegen in Nutzungsbereiche ist deshalb zu verbessern und weiter auszubauen. Insbesondere sollen bei der grünen Gentechnik ökologische Risiken vermieden, die Landwirtschaft naturverträglich gestaltet, die Waldwirtschaft naturgemäß betrieben und eine naturverträgliche Sportentwicklung gefördert werden.
5. Integrierte regionale Entwicklung stärken
Die Entwicklung und Erhaltung einer artengerechten, regionaltypischen Natur- und Kulturlandschaft und einer naturverträglichen Land- und Forstwirtschaft ist ein zunehmend wichtiger Faktor für eine erfolgreiche regionale Entwicklung, z.B. durch naturgerechten Tourismus, durch Vermarktung naturverträglich erzeugter, regionaler Produkte oder auch durch die Ansiedlung von Handel und Gewerbe mit hohen Ansprüchen an die Umweltqualität. Mit sektoral übergreifenden, integrierten Projekten und Maßnahmen, die dem Naturschutz und gleichzeitig wirtschaftlichen und sozialen Zielen dienen, können die Potenziale der Natur für eine regionale Entwicklung optimal erschlossen und neue erfolgversprechende Kooperationen und Allianzen für eine naturgerechte, nachhaltige Entwicklung geschaffen werden. Integrierte Projekte können insbesondere auch die nachhaltige und naturgerechte Entwicklung von Großschutzgebiete (Naturparken, Biosphärenreservaten und Nationalparken mit ihrem Umfeld) fördern sowie Akzeptanz und Engagement für Naturschutz erhöhen.
6. Rechtlichen Rahmen ausschöpfen, Grundlagen und Instrumente verbessern
Mit dem internationalen Übereinkommen über die Biologische Vielfalt entwickelt sich der Naturschutz zu einer Grundlage für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung, die ökologisch, ökonomisch und sozial ausgewogen ist. Dies erfordert die Integration naturschutzfachlicher Ziele in alle Felder der Politik und die Entwicklung verschiedenster Allianzen mit anderen Akteuren. Diese Aufgabe kann nur interdisziplinär und ressortübergreifend gelöst werden. Hierzu sind der bestehende rechtliche Rahmen voll auszuschöpfen und die Grundlagen und Instrumente des Naturschutzes zu verbessern. So sollte bis 2004 eine nationale Biodiversitätsstrategie entwickelt werden.
7. Naturschutzforschung stärken
Eine zielgerechte Naturschutzforschung stellt die zentrale Grundlage für die künftige Naturschutzpolitik und -praxis dar. Entsprechende Förderprogramme (Forschungs- und Entwicklungsvorhaben des BMU, Förderschwerpunkte des BMBF, des BMVEL usw.) sind zu stärken.
8. Zustand von Natur und Landschaft dokumentieren und überwachen
Daten zum Zustand und zur Veränderung der Naturgüter und der biologischen Vielfalt müssen als Entscheidungsgrundlage für die Politik zur Verfügung stehen, wenn die richtigen Prioritäten gesetzt werden sollen. So muss ein leistungsfähiges Beobachtungsprogramm von Natur und Landschaft erarbeitet werden.
9. Internationale Zusammenarbeit verstärken
In einer globalisierten Welt muss Deutschland als wohlhabendes Industrieland seine Vorbildfunktion wahrnehmen und sowohl aktiv wie auch offensiv Verantwortung für den weltweiten Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen übernehmen.
10. Kommunikationsoffensive Naturschutz
Der Naturschutz braucht im Sinne des "Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt" einen gesellschaftlichen Rückhalt. Dieser kann gestärkt werden, wenn die Verantwortung für die Erhaltung der Lebensgrundlagen und die Vorteile einer nachhaltigen Naturnutzung überzeugend kommuniziert werden. Ziel einer bundesweiten "Kommunikationsoffensive Naturschutz" ist es, die Menschen für den Schutz und eine nachhaltige Nutzung der Natur zu mobilisieren und gleichzeitig eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die Naturschutzpolitik zu bekommen. In Deutschland fehlt im Naturschutz eine vergleichbare Einrichtung wie z.B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Eine zentrale Naturschutzinformationsstelle als Informationsquelle ist aber für eine funktionierende Bürger- und Zivilgesellschaft unerlässlich.

