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Philipp Leopold Martin (1815-1885*) – seine Publikationen zum Naturschutz

In ihrem  Beitrag in der Zeitschrift "Natur und Landschaft" weisen die beiden BfN-Bibliothekare Rainer Koch und Gerhard Hachmann nach, dass Philipp Leopold Martin 1871 nach gegenwärtigem Kenntnisstand erstmals das Wort "Naturschutz" im heutigen Sinn verwendet und publiziert hat und die erste, umfassende, programmatische Abhandlung zum Thema "Naturschutz" geschrieben hat.


Philipp Leopold Martin

(aus: P.L. Martin (Hrsg.): Praxis der Naturgeschichte. Erster Teil: Taxidermie. 3. Auflage. – Weimar: Voigt, 1886, Vorseite)

Martin, 1815 in Gnadenberg bei Bunzlau/Schlesien geboren, gilt als Begründer der modernen Museumsdermoplastik. Obwohl er Autodidakt war, nie eine Universität besuchte und keinen akademischen Titel besaß, fand er seit seinem 36. Lebensjahr am Zoologischen Museum in Berlin und seit 1859 am Stuttgarter Naturalienkabinett eine Anstellung. Seine in den Jahren 1864 bis 1882 veröffentlichte mehrbändige "Praxis der Naturgeschichte" wurde für Jahrzehnte zu einem Standardwerk der Tierpräparation und begründete seinen Ruf als moderner Dermoplast.
Martins Interesse ging jedoch weit über seine eigentliche Tätigkeit als Tierpräparator hinaus. Er beobachtete die als Folge der fortschreitenden Industrialisierung auftretenden Veränderungen in der Natur und einen schon damals einsetzenden Artenschwund. Martin starb 1885 im 70. Lebensjahr in Stuttgart.
Seine Naturschutzgedanken kommen vor allem in den folgenden Publikationen zum Ausdruck, die hier als Ergänzung zu o.g. Aufsatz von Koch/Hachmann vollständig oder in Auszügen zum Nachlesen angeboten werden:

 

  • Die Aufsatzreihe  "Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz" (1871/1872): siebenteilige Artikelserie; veröffentlicht in "Der Waidmann" 3 (1871/72) H. 1-7
    Martin verwendet erstmals das Wort "Naturschutz" im heutigen Sinn und legt die erste programmatische Abhandlung zum Thema "Naturschutz" vor.
  • Der Aufsatz  "Eine Freistätte der Natur im nördlichen Amerika", veröffentlicht in "Der Waidmann" 4 (1872) Nr. 4, S. 25-26.
    Martin berichtet über die Gründung des Yellowstone-Nationalparks und sieht seine Forderungen nach "Freistätten für die Natur" aus dem o.g. Waidmann-Aufsatz von 1871/1872 bestätigt.
  • Das Buch  "Unsere Sänger in Feld und Wald" (Stuttgart: Levy und Müller, 1873)
    Martin macht darin auf seine Vordenker zum Thema "Artenverarmung" aufmerksam und setzt sich für den Schutz der gesamten Natur ein.
  • Der Aufsatz  "Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen" (1874); erschienen in: Der Zoologische Garten 15 (1874) S. 331-335
    Martin macht auf die Folgen der Vergiftung von Nahrungsketten aufmerksam.
  • Das Buch "Mensch und Thierwelt im Haushalt der Natur" (Stuttgart: Levy u. Müller 1880)
    Eine populäre Schrift, in der Martin seine Gedanken zum Natur- und Artenschutz als Buch zusammenfasst. Die Forderung nach Errichtung einer staatlichen "Centralleitung" für den Naturschutz sowie ein dazugehöriges Reichsnaturschutzgesetz zeigen, wie weit Martin seiner Zeit voraus war. Aus digitalisierungstechnischen Gründen wird diese Schrift in 3 Teilen zur Verfügung gestellt.
     Teil 1
     Teil 2
     Teil 3
  • Das Buchkapitel  "Praxis der Naturgeschichte", 3. Teil, 2. Hälfte: "Allgemeiner Naturschutz" (Weimar: Voigt, 1882)
    Die Naturschutzgedanken werden in dem Kapitel "Allgemeiner Naturschutz" nochmals in einem wissenschaftlichen Umfeld dargestellt (Auszug). Es ist das erste Buch, welches das Wort "Naturschutz" auf dem Titelblatt trägt. Erst viele Jahre später (1903) wird Ludwig Dimitz: "Ueber Naturschutz und Pflege des Waldschönen" das nächste Buch mit dem Wort "Naturschutz" im Titel veröffentlichen.
  • Lexikon "Illustrirte Naturgeschichte der Thiere" (Leipzig: Brockhaus, 1882-1884 ): In seinen letzten Lebensjahren widmete sich P.L. Martin der Herausgabe seines 4-bändigen Lexikons "Illustrirte Naturgeschichte der Thiere" – konzipiert als "wirklich praktisches Handbuch der populären Naturgeschichte", um "die Naturwissenschaft zum Allgemeingut des Volkes zu machen".
    Die Bände "Kriechthiere und Lurche; Fische" und "Insekten, Tausendfüßer und Spinnenthiere" stammen von namhaften Wissenschaftlern; die Bände "Vögel" (Auszüge als  Teil I und  Teil II) und "Säugethiere" (Auszüge als  Teil I und  Teil II) stammen aus seiner Feder. Insbesondere in den Säugetier-Kapiteln über Fledermäuse, Wühlmäuse, Büffel, Robben und Wale sowie in den Vogel-Kapiteln über Spechte, Sperlingsvögel, Rabenvögel und Eulen fasst Martin seine Gedanken zum Natur- und Artenschutz für die breite Öffentlichkeit noch einmal zusammen.
  •  Nachruf der Söhne zum Tod ihres Vaters: erschienen als Vorwort, in: Praxis der Naturgeschichte. Erster Teil: Taxidermie. 3. Auflage. – Weimar: Voigt, 1886, S. V-XII
    Ein bewegender Nachruf der Söhne auf die Lebensleistungen des Vaters.

Eine  Auswahlbibliographie gibt einen Überblick über die thematisch vielfältige Publikationstätigkeit von Philipp Leopold Martin.

Der  Lebenslauf von Philipp Leopold Martin gibt Informationen über die wichtigsten beruflichen und privaten Ereignisse in seinem Leben.

Das Wort "Naturschutz" nach Martins Tod in der Welt der Wissenschaft
Bei weiteren Recherchen entdeckten die Verfasser einen Aufsatz des Zoologen und Vererbungsforschers Wilhelm Haacke aus dem Jahr 1886 mit dem Titel "Bioekographie, Museenpflege und Kolonialthierkunde", veröffentlicht in "Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft" Bd. 19 (N.F. Bd. 12) (1886), S. 790-849. Darin verwendet Haacke, ebenfalls vor der bisher bekannten Erstverwendung von Rudorff, das Wort "Naturschutz" (S. 819):
"Die durch Beschäftigung mit der Bioekographie erzeugte Liebe zur Heimath wird endlich den Wunsch herbeiführen, die Naturschönheiten derselben erhalten zu sehen. Naturschutz zu predigen ist unnütz, wo Kenntniss der Natur fehlt. Wo sie aber vorhanden ist, ist das Naturschutzpredigen ziemlich überflüssig. Wer die heimathliche Natur kennt und liebt, wird sie auch schützen."
Haackes wie selbstverständliche Verwendung des Wortes wirkt, als habe er Martins Publikationen gekannt.
Der Aufsatz steht im Internet als Digitalisat zur Verfügung:
 http://www.biodiversitylibrary.org/page/8702946

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* Die Angaben zu Martins Todesjahr variieren in der Literatur zwischen "1885" und "1886". Die Autoren bezogen sich in ihrem "Natur und Landschaft"-Aufsatz auf "1886" und nannten als Beleg den Nachruf der Söhne zum Tod ihres Vaters, datiert mit "Frühjahr 1886". Nach neueren Recherchen wurde eine Anzeige zum Tode von P.L. Martin in der Zeitschrift "Der Zoologische Garten" 26 (1885) S. 96 gefunden. Darin wird der Todestag mit 8. März 1885 angegeben; im Vorwort der Söhne wird hingegen der 7. März genannt. Letzte Gewissheit brachte ein von den Autoren angeforderter Auszug aus dem  Sterberegister der Stadt Stuttgart, wonach Martin am 7. März 1885 gestorben ist.

Letzte Änderung: 22.02.2012

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