Bundesamt für Naturschutz

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Artenschutzprojekt soll Zwerggänse retten


Ultraleicht-Flugzeuge zeigen Zwerggänsen sichere Zugroute
Neue Erkenntnisse zu Wanderrouten sollen Erfolg bringen
Nachweis genetisch reiner Zuchttiere gelungen

BfN-Präsident Vogtmann: Klimawandel bedroht bis 30 Prozent der Pflanzen- und Tierarten - Neue Wanderungsmöglichkeiten und ein Verbund an Lebensräumen können Verluste mindern

Bonn, 17. Januar 2007: Mit einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion will die Aktion Zwerggans e.V. zusammen mit internationalen Partnern die Population der letzten skandinavischen Zwerggänse retten. Die Zwerggans (Anser erythropus) ist zwar streng geschützt wird aber auf ihrer östlichen Zugroute zusammen mit der intensiv bejagten Blässgans abgeschossen. Der Kern des Artenschutzprojektes ist die Wiederherstellung einer früheren, heute sicheren Zugroute. Dabei werden 25 junge Zwerggänse im Spätsommer mit zwei Ultraleichtflugzeugen von Nordschweden über Dänemark nach Deutschland an den Niederrhein zur Überwinterung geleitet. Von dort werden sie sich im Frühjahr selbständig auf den Weg zum Brut- und Sommergebiet in Nordschweden machen. Die Zugroute haben sie sich auf dem Hinflug für immer eingeprägt.

"Angesichts des sich abzeichnenden Klimawandels und des hohen Zerschneidungsgrads der Landschaft in Europa zeigt die Aktion Zwerggans, wie wichtig naturbelassene adäquate Lebensräume als "Trittsteine" auf den Wegen der Zugvögel sind. Nach den Modellrechnungen von Klimaforschern wird mit einem Verlust von 5 - 30 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten für Deutschland gerechnet," sagte der Schirmherr der Aktion, Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). "Nur durch die Verbindung der Lebensräume können Arten, die von der Verschiebung von Klimazonen betroffen sind, neue und für sie geeignete Lebensräume finden und ihr Areal ihren Ansprüchen an die Umweltbedingungen entsprechend verlagern. Im europäischen Rahmen werden die notwendigen Gebiete, wo Zugvögel, hier die Gänse ruhen und "auftanken" können, durch das europäische Netzwerk Natura 2000 ( FFH - und Vogelschutz-Richtlinie) geschützt. Die FFH - und Vogelschutz-Richtlinie sind die effektivsten Instrumente, die die EU zur Erhaltung der biologischen Vielfalt geschaffen hat", erläuterte BfN-Präsident Vogtmann.

Die Situation für die skandinavische Population ist besonders dramatisch: 1950 schätzten Forscher den Bestand noch auf 10.000 Vögel. Heute leben dort nur noch weniger als 100 Tiere mit knapp 20 Brutpaaren. In Europa zählt die Zwerggans zu den am stärksten bedrohten Vogelarten. In Schweden und Finnland brüten keine Zwerggänse der ursprünglichen Population mehr, die letzten verbliebenen Vögel werden in Norwegen vermutet. Trotz des weltweiten Verbots werden die Zwerggänse während des Zuges und in den Überwinterungsgebieten abgeschossen, weil sie gemeinsam mit Blässgänsen ziehen. Die starke Ähnlichkeit mit der Blässgans wird der Zwerggans zum Verhängnis. Die Verluste kann die Population durch ihre natürliche Fortpflanzungsrate nicht mehr ausgleichen.

Der Gänseforscher Dr. Johan Mooij hat als Koordinator der nationalen Gänsezählungen die Beobachtungsdaten von 1900 bis heute aus Schweden und Deutschland ausgewertet. Die Analyse dieser Daten zeigt eine traditionelle Zwerggans-Wanderroute von Lappland entlang der schwedischen Küste nach Südschweden auf, die sich dann entlang der Deutschen Nordseeküste fortsetzt. Aufgrund der schutzgebiets- und jagdrechtlichen Situation scheint diese alte Route bestens geeignet für den Aufbau einer neuen stabilen Population.

Voraussetzung für den Erfolg eines Wiedereinbürgerungsprojekts ist die genetische Reinheit der Zuchttiere, die für die Wiedereinbürgerung verwendet werden. Dieser Nachweis ist Prof. Dr. Michael Wink und seinen Mitarbeitern von der Universität Heidelberg gelungen. Dazu wurde die DNA von 270 Zwerggänsen aus Zuchtbeständen und wilden Populationen durch Sequenzierung von DNA-Markern und durch DNA-Fingerprintverfahren untersucht. Die genetischen Untersuchungen zeigten, dass die Zwerggänse aus deutschen Zuchtbeständen für eine Nachzucht im Projekt Zwerggans geeignet sind.

Beim internationalen Pilotprojekt Aktion Zwerggans / Operation Fjällgås / Operation Lesser Whitefront werden die Eier der getesteten Vögel ab Mitte Mai nach Nordschweden gebracht und dort künstlich ausgebrütet. Bereits vor dem Schlüpfen werden die Küken im Ei mit den Geräuschen des Flugzeugmotors vertraut gemacht. Nach dem Schlüpfen prägen die Betreuer dann die Küken auf sich und das Fluggerät. Im Gefolge des Ultraleichtflugzeuges lernen die Tiere in Lappland das Fliegen und prägen sich dabei ihr späteres Brutgebiet ein.

Sobald die jungen Gänse kräftig genug sind, beginnt der Zug in das Überwinterungsgebiet. Er startet Mitte August in den Bergen Nordschwedens und endet Anfang Oktober auf der Bislicher Insel am Niederrhein. Dieses europäische Vogelschutz- und FFH -Gebiet ist eines der wichtigsten Überwinterungsgebiete für arktische Gänse in Deutschland. Dort angekommen, reduzieren die Betreuer schrittweise den Kontakt zu den Zwerggänsen. Die Jungvögel schließen sich mehr und mehr den anderen Gänsen an und fliegen mit ihnen zu den nahen Futter- und Übernachtungsplätzen. Im Frühjahr ziehen die Zwerggänse dann - diesmal ohne menschliche Begleitung - selbständig zurück nach Lappland. Den Weg dorthin haben sie sich auf dem ersten Flug für immer eingeprägt.

Das Projekt wurde vom Deutschen Aero Club initiiert und maßgeblich vorbereitet. Zusammen mit der Allianz Umweltstiftung, dem Bundesamt für Naturschutz und weiteren starken Partnern soll es ab 2007 umgesetzt werden.

Projektpartner:

Aktion Zwerggans e.V.; (Projektträger), Allianz Umweltstiftung (Hauptförderer), Biologische Station im Kreis Wesel, Bundesamt für Naturschutz (Wissenschaftliche Beratung), Deutscher Aero Club (DAeC; Initiator und ideeller Träger), Friends of the Lesser White-fronted Goose Finland, Institut für Biodiversität Netzwerk e.V., IPMB/Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Lycksele Zoo, Swedish Association for Hunting and Wildlife Management, Tierpark Cottbus

Letzte Änderung: 17.01.2007

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