Bundesamt für Naturschutz

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Schädlingsbekämpfung in Wäldern und Artenschutz

Naturschutzrelevanz der Bekämpfungsmaßnahmen

Zur besseren Orientierung über die Naturschutzrelevanz von Bekämpfungsmaßnahmen veranstaltete das BfN im April 2014 einen Fach-Workshop mit dem Ziel, den aktuellen Sachstand aus Sicht des Artenschutzes zusammenzutragen und sich über Schutzziele, Bewertung von Maßnahmen, Abwägungs- und Vorsorgeprinzipien bei der Bekämpfung von Schädlingen in Wäldern am Beispiel des Eichenprozessionsspinners auszutauschen. Zudem sollten naturschutzfachliche Empfehlungen abgeleitet werden.

Zusammenfassung der Workshop-Ergebnisse

Im Rahmen eines BfN-Workshops zur „Naturschutzfachlichen Bewertung von Bekämpfungsmaßnahmen gegen den Eichenprozessionsspinner in Wäldern“ haben sich Experten von Hochschulen (Universität Lüneburg, Forschungsinstitut Senckenberg, Hochschule Weihenstephan, Universität Trier, Universität Erlangen-Nürnberg), Naturschutzverbände (u. a. NABU, Bund Naturschutz), Behördenvertreter und weitere Sachverständige über den aktuellen Forschungsstand zur Thematik ausgetauscht. Danach ist bei Betrachtung der langjährigen Bestandsentwicklung und der historischen Verbreitung eine in den letzten zehn Jahren anhaltend hohe Bestandsdichte des Eichenprozessions­spinners festzustellen. Die Ursachen für die regional anhaltenden Massenvermehrungen sind komplex, werden aber im Wesentlichen auf die Witterungsbedingungen der letzten Jahre sowie auf eine erhöhte Anfälligkeit der Eiche (u. a. durch erhöhte Stickstoffwerte und Trockenstress und damit Reduzierung der Abwehrstoffe) für Schadinsekten zurückgeführt. Der Teilnehmerkreis stellte fest, dass zur Risikominimierung gesundheitlicher Schäden auch aus naturschutzfachlicher Sicht eine Bekämpfung des Eichenpro­zessions­spinners in Siedlungsnähe (Öffentliche Einrichtungen, Kindergärten, Altenheime etc.) bei entsprechendem Befall sinnvoll ist. Eine Bekämpfung erfolgt in diesem Fall als Maßnahme zum Gesundheitsschutz ausschließlich über das Biozidrecht mit den hier geltenden Bestimmungen.

Bei einer Bewertung der aktuellen Bekämpfungspraxis in Wäldern ist aus naturschutzfachlicher Sicht dagegen die Tatsache entscheidend, dass jeder Einsatz eines Pflanzenschutzmittels deutliche und längerfristig wirkende Umweltauswirkungen zeigt. Die eingesetzten Bekämpfungsmittel (Dipel ES, Dimilin, Karate) wirken nicht selektiv auf den Eichenprozessionsspinner. Da sie darüber hinaus oft großflächig ausgebracht werden, ist der gesamte Lebensraum mit der dort vorkommenden Vielfalt an Arten direkt und auch indirekt über Nahrungsketten, Parasiten und Destruenten betroffen. Diese Zusammenhänge wurden in den Vorträgen und Diskussionen deutlich gemacht. So wurde beispielsweise dargelegt, dass bei der Ausbringung von bekanntermaßen weitgehend schmetterlingsspezifischen Bekämpfungs­mitteln wie Dipel ES je nach regionalem Vorkommen ein Spektrum von bis zu 366 der in Deutschland vorkommenden Schmetterlingsarten unmittelbar geschädigt werden können, die an und von der Eiche leben. Unter diesen finden sich 63 Arten, die auf der Roten Liste gefährdeter Tiere Deutschlands gelistet sind und von denen 12 sogar als vom Aussterben bedroht eingestuft werden. Weitere 19 Arten gelten nach der Bundesartenschutzverordnung als besonders oder streng geschützt.

Die Risikoeinschätzung, die vor einer Anwendung von Insektiziden in Wäldern vorgenommen werden muss, berücksichtigt bislang nach Einschätzung des Workshop-Teilnehmerkreises nur unzureichend Aspekte des Artenschutzes. Es fehlen wissenschaftliche Studien, in denen die Aussagekraft zur Folgen­einschätzung qualitativ hoch ist. Hier wurde dringender Forschungsbedarf festgestellt. Der Teilnehmerkreis hält daher Untersuchungen für erforderlich, in denen die Auswirkungen von nichtselektiv wirkenden Bekämpfungsmitteln auf geeignete Testorganismen untersucht werden. Dabei geht es um Auswirkungen auf mit dem Zielorganismus systematisch verwandte Organismen, sensible Arten und Arten verschiedener trophischer Ebenen, jeweils unter Berücksichtigung der bekannten Wirkweise des Mittels. Weiterhin werden fundierte Studien mit ausreichend langen Untersuchungszeiträumen (mindestens zwei Jahre) für notwendig erachtet sowie die standardmäßige Erhebung von Daten einer „Nullprobe“ (Situation auf der Fläche vor dem Einsatz des Bekämpfungsmittels) als Vergleichsfläche, die adäquate Auswertungen ermöglicht.

In den Niederlanden wurde ein Leitfaden zum Umgang mit den Auswirkungen von Massenvermehrungen des Eichenprozessionsspinners entwickelt, welcher ein der Befallssituation angepasstes abgestuftes Verfahren vorsieht und Aspekte des Artenschutzes bei der Entscheidung zur Wahl von Art und Umfang von Bekämpfungsmaßnahmen berücksichtigt. Diese Vorgehensweise, bei der in einem ersten Schritt eine Risiko-Inventarisierung vorgenommen wird, im zweiten Schritt ein Monitoring sowie die Dokumentation und schließlich im letzten Schritt die Handlungsmöglichkeiten abgewogen werden und die Bekämpfung erfolgt, wurde vom Teilnehmerkreis als vorbildlich gewertet. Er empfiehlt daher ein vergleichbares Vorgehen für Bekämpfungsmaßnahmen in deutschen Wäldern zu entwickeln. 

Letzte Änderung: 10.11.2014

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