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    Naturschutz, Naturschutzgroßprojekt, Regionalentwicklung

    Hohe Schrecke - Alter Wald mit Zukunft: Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz besucht Thüringer Naturschutzgroßprojekt

    Braunsroda/Bonn, 12. August 2010: Gut ein Jahr nach dem Startschuss besucht heute die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Prof. Dr. Beate Jessel, das Naturschutzgroßprojekt „Hohe Schrecke - Alter Wald mit Zukunft“, um sich vor Ort über den Stand und die weiteren Schritte des Vorhabens zu informieren. Das Projekt ist eines der fünf Sieger des bundesweiten Wettbewerbes „idee.natur - Naturschutzgroßprojekte und ländliche Entwicklung“.

    Die BfN-Präsidentin begrüßt dabei das deutliche Bekenntnis der Thüringer Landesregierung zu dem Vorhaben, das sogar namentlich in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und SPD im Oktober 2009 erwähnt wird. Demnach soll das Vorhaben insbesondere durch den Verzicht auf weitere Veräußerungen von im Eigentum des Landes befindlichen Flächen unterstützt werden.

    Das vom Bund und dem Freistaat Thüringen geförderte Naturschutzgroßprojekt „Hohe Schrecke“ sieht eine enge Verzahnung ungenutzter und naturnah bewirtschafteter Waldbereiche vor. Ziel ist es, das gesamte Waldgebiet zusammenhängend in einem möglichst naturnahen Zustand zu bewahren und weiterzuentwickeln. Dabei ist insbesondere beabsichtigt, rund 1.000 Hektar alten Buchenwaldes vollständig aus der Nutzung zu nehmen. Auf weiteren ca. 3.500 Hektar soll so naturnah gewirtschaftet werden, dass der hohe Altholzanteil erhalten bleibt bzw. gefördert wird. In der ersten Phase des Projektes gilt es zunächst, einen detaillierten Pflege- und Entwicklungsplan zu erarbeiten und mit den Akteuren vor Ort abzustimmen, wozu mehr als eine Million Euro zur Verfügung gestellt werden. 75 Prozent der Ausgaben trägt dabei der Bund, 15 Prozent der Freistaat Thüringen und 10 Prozent der Projektträger, die Naturstiftung David. Bei erfolgreichem Abschluss der ersten Förderphase stehen weitere 9 Millionen Euro bereit, um den Pflege- und Entwicklungsplan umzusetzen. Die Bundesmittel für das Naturschutzgroßprojekt stammen aus dem Förderprogramm „chance.natur – Bundesförderung Naturschutz“ des Bundesumweltministeriums; hinzu kommen weitere 1,25 Millionen Euro des Bundeslandwirtschaftsministeriums, die für eine nachhaltige und naturverträgliche Regionalentwicklung eingesetzt werden sollen.

    „Zusammen mit den Buchenwäldern des Hainichs im gleichnamigen Nationalpark und der Hainleite ist die Hohe Schrecke Teil eines ausgedehnten Laubwaldgebietes, das einen Verbund von überwiegend buchengeprägten Waldbiotopen mit internationaler Bedeutung bildet“, betonte Prof. Jessel bei ihrer Visite vor Ort. „Die verschiedenen Waldbiotope in der Hohen Schrecke sind dabei beispielhaft für die in Deutschland natürlicherweise eigentlich vorherrschenden Buchenwaldökosysteme“.

    Auch für einen sanften Tourismus, die regionale Energieversorgung aus nachwachsenden Rohstoffen und interessante Naturerlebnisangebote erhofft man sich aus dem Naturschutzgroßprojekt wesentliche Impulse für die Region. Eine naturgemäße Forstwirtschaft soll Chancen für eine gestärkte Regionalentwicklung bieten und zudem Akzeptanz in der Bevölkerung für das Projekt schaffen. „Ohne Lösungen, die die Anliegen der Menschen vor Ort berücksichtigen, wie zum Beispiel die Möglichkeit weiterhin Brennholz in der Hohen Schrecke werben zu können, geht es nicht“ erklärt Prof. Jessel.
     
    Die BfN-Präsidentin möchte sich vor Ort davon überzeugen, inwieweit der integrative Leitgedanke des Wettbewerbs vorbildlich umgesetzt wird. Dazu stehen auch Treffen und Gespräche mit Kommunalvertretern und -vertreterinnen auf dem Plan: „Unser Wunsch ist es, dass neue Entwicklungsmodelle und regionale Partnerschaften entstehen und dauerhaft weiterverfolgt werden. Damit kann eindrucksvoll gezeigt werden, dass auf Naturschutz gründende Konzepte vielversprechende Perspektiven für Mensch und Natur bieten.“

    Hintergrund
    Die Hohe Schrecke ist ein über 7.000 Hektar großes, nahezu unzerschnittenes Waldgebiet in Nordthüringen an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Sie gehört zu einem der naturschutzfachlich wertvollsten Waldgebiete Deutschlands. Der nördliche Teil des Projektgebiets (13.452 Hektar) gehört zum Kyffhäuserkreis, der südliche liegt im Landkreis Sömmerda. Im Zentrum des Projektgebiets befindet sich das 6.029 Hektar große Kerngebiet. Nach Jahrhunderten extensiver Bewirtschaftung und 50 Jahren als militärisches Sperrgebiet haben sich dort reich strukturierte Waldlebensräume mit hohem Altholzanteil entwickelt und erhalten. Große Teile des Waldes entsprechen der potenziell natürlichen und für Mitteleuropa typischen Vegetation, insbesondere dem bodensauren Buchenwald. Zudem sind moorige Lebensräume zu finden. Das nachgewiesene Vorkommen von 600 Großpilzarten ist ein beispielhafter Beleg für die große Artenvielfalt. Das Waldgebiet wird von einem Gürtel aus Streuobstwiesen, Brachflächen, Hecken sowie Trocken- und Magerrasen umschlossen. Die historisch gewachsenen Kulturbiotope werden extensiv landwirtschaftlich genutzt und weisen einen guten Erhaltungszustand auf. Projektträger ist die Naturstiftung David. Sie arbeitet eng mit dem Verein „Hohe Schrecke - Alter Wald mit Zukunft e.V.“ und der 2002 von allen 14 Kommunen gegründeten Arbeitsgemeinschaft Hohe Schrecke zusammen.

    Derzeit wird in einer ersten Phase des Projektes der Pflege- und Entwicklungsplan erarbeitet. Nachdem Machbarkeit und Erfolgsaussichten des Projekts realistisch eingeschätzt und fachlich abgesichert sind, beginnt in einer zweiten Phase die konkrete Umsetzung der Maßnahmen, um das Gebiet möglichst dauerhaft für eine naturschutzgerechte Entwicklung zu sichern.

    Die Ziele Im Rahmen des Projekts soll das Waldgebiet Hohe Schrecke in seiner Naturnähe bewahrt und weiter entwickelt werden. Die Waldflächen, die sich im Besitz Thüringens befinden, werden vom Land in das Projekt eingebracht. Das beispielhafte Nutzungskonzept zum Erhalt der artenreichen Buchenwaldgesellschaften sieht u. a. die enge Verzahnung ungenutzter und naturnah genutzter Waldbereiche vor. Sanfter Tourismus, regionale Energieversorgung aus nachwachsenden Rohstoffen und Naturerlebnisangebote sind ebenso wie eine naturnahe Forstwirtschaft die Säulen, auf denen eine gestärkte Regionalentwicklung aufbauen kann. Zu den wichtigsten Maßnahmen des Projektes gehören Grunderwerb, Ausgleichszahlungen, Besucherlenkung sowie biotopeinrichtende und -lenkende Maßnahmen. Rund 1.000 Hektar alten Waldes sollen im Rahmen des Projektes vollständig aus der Nutzung genommen werden. Das Prinzip „Schutz durch Nutzen“ setzt dort an, wo nicht komplett auf Nutzung verzichtet wird: 3.500 Hektar Wald sollen naturnah mit hohem Altholzanteil bewirtschaftet werden und auf bis zu 200 Hektar ist eine Mittelwaldnutzung mit regionaler Verwertung als Energieholz geplant. Weitere Projektziele sind die konsequente Abkehr von der Nadelholzwirtschaft sowie die Aufwertung der Gewässerstruktur. Die Naturnähe der Waldflächen soll unter dem Motto „Erlebnisort Biodiversität“ für touristische Angebote genutzt werden - in enger Vernetzung mit weiteren Attraktionen der Region wie der Himmelsscheibe von Nebra oder dem Nationalpark Hainich mit seinem Baumkronenpfad sowie den Gesundheitsangeboten der nahen Kurorte. Im Projektbereich der Hohen Schrecke ist dabei die Entwicklung neuer, naturverträglicher Besuchermagneten geplant. Zur Umsetzung aller Ziele wird eine optimierte Zusammenarbeit zwischen den Akteuren angestrebt.

    idee.natur und chance.natur Startschuss des Projektes war im Juli 2009. Das Bundesumweltministerium stellt mehrere Millionen Euro über einen Zeitraum von bis zu 12 Jahren bereit und beteiligt sich damit mit 75 Prozent an der Fördersumme. 25 Prozent steuern der Freistaat Thüringen sowie der Projektträger bei. Hinzu kommen Fördermittel aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium für flankierende, umwelt- und naturschutzgerechte Maßnahmen der ländlichen und regionalen Entwicklung über eine Laufzeit von fünf Jahren.

    Der bundesweite Wettbewerb „idee.natur“ war im Juli 2007 vom Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium ausgeschrieben worden. Ziel war es, neue zukunftsweisende Konzepte für Naturschutzgroßprojekte in Deutschland zu entwickeln, die beispielhaft Naturschutz und ländliche Entwicklung miteinander verknüpfen. Schwerpunkte des Wettbewerbs waren Wälder, Moore und urbane/industrielle Landschaften. Fünf Regionen - darunter auch die Hohe Schrecke - haben sich mit ihren Konzepten für neue Naturschutzgroßprojekte in dem Wettbewerb durchgesetzt. Sie wurden aus 10 Finalisten von insgesamt 122 teilnehmenden Regionen von einer interdisziplinär besetzten Jury im Mai 2009 ausgewählt.
    „idee.natur“ ist ein gutes Beispiel, dass sich mit einer engen Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg neue Entwicklungsmöglichkeiten für Mensch und Natur ergeben können. Der Wettbewerb ist Teil einer Optimierungsstrategie des Bundesförderprogramms für Naturschutzgroßprojekte, „chance.natur“. Mit diesem Programm unterstützt der Bund seit 1979 ausgewählte Regionen dabei, besonders schützenswerte und gesamtstaatlich repräsentative Teile von Natur und Landschaft großräumig zu sichern. Dabei verpflichten sich das jeweils zuständige Bundesland sowie der Projektträger - auch über die begrenzte Bundesförderung hinaus - zu einem nachhaltigen Schutz und einer naturverträglichen Entwicklung des Projektgebietes. Bundesweit gibt es derzeit 29 laufende und 45 erfolgreich abgeschlossene Naturschutzgroßprojekte. Insgesamt wurden seit 1979 über 390 Millionen Euro Bundesmittel für die Sicherung und Entwicklung bundesweit bedeutsamer Landschaftsausschnitte bereitgestellt. Mit einem jährlichen Etat von derzeit 14 Millionen Euro ist das Programm einer der größten Naturschutz-Fördertitel in Deutschland. Die Mittel stammen aus dem Haushalt des Bundesumweltministeriums. Für die naturschutzfachliche Betreuung des Förderprogramms sowie die organisatorische und haushalterische Umsetzung ist das Bundesamt für Naturschutz verantwortlich. Informationen  zum Bundesförderprogramm für Naturschutzgroßprojekte finden sich unter  http://www.bfn.de/0203_grossprojekte.html.

Letzte Änderung: 30.08.10

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