Blinde Passagiere
Von „Blinden Passagieren“ und illegal verschleppten Gefangenen

(Petereit/Peschutter,IFM-GEOMAR 12/2006) Die Meerwalnuss breitet sich neuerdings auch in der Ostsee aus. Als Neozoon und unerwünschter Beifang macht die hübsche Miniqualle den Fischern das Leben schwer
Es herrscht Aufruhr unter den Tier- und Pflanzenarten unserer Welt! Ein stiller Aufruhr, aber jeder Mensch kann ihn registrieren, der aufmerksam liest und hört und der es sehen will. In unserem Zeitalter der ungebremsten Mobilität, in der sich jeder Mensch heute in Hamburg, morgen in Rio de Janeiro und übermorgen in Alaska aufhalten kann, sind besondere Vorsichtsmaßnahmen und auch ein paar Spezialkenntnisse nötig, um sich „natürlich korrekt“ zu verhalten. In Zeiten, in denen es kinderleicht ist, dass man 120.000 Flugkilometer und mehr im Jahr absolvieren kann (das entspricht dann einer 3-fachen Erdumrundung), gibt es keine wirkliche Nähe und Ferne und auch keine unüberwindlichen Hindernisse. Unsere große, weite Welt ist zu einem Spielball geschrumpft.
Es gibt fast keinen Erdwinkel mehr, der so entlegen ist, dass ich ihn nicht innerhalb von einer Woche erreichen kann. Das gilt umgekehrt auch für einzelne Tier- und Pflanzenarten, die unbeabsichtigt als „Blinde Passagiere“ den Handelsgütern beigemengt, oder im Bilgewasser eines Schiffes unbewusst eingeschleppt, oder in Radkästen der Fahrzeuge mitgebracht werden. Und das gilt in besonderem Maße auch für Pflanzen und Tiere, die als „Urlaubssouvenirs“ illegal in Brotdosen und Plastikflaschen aus dem Urlaubsland mitgebracht werden. Kaum jemand übersieht die Konsequenzen, die das haben kann.
Auch Krankheitserreger gehören zum Ökosystem des Menschen

(James Gathany, CDC @wikipedia.de) Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) ist eine in den süd- und südostasiatischen Tropen und Subtropen beheimatete Stechmückenart, die durch ihre Blutmahlzeit Krankheiten wie das Dengue-Fieber überträgt. In den letzten Jahrzehnten ist diese Art weltweit durch Warentransporte und Reiseaktivitäten verschleppt worden und breitet sich seit den 1990er Jahren auch in Europa aus

(Quelle natdet) Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) kann Überträger von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), das ist eine Form von Hirnhautentzündung, und der Lyme-Borreliose sein. Auch bei ihm ist eine räumliche Ausbreitung der Krankheitserreger festzustellen, das heißt, es gibt immer mehr infektiöse Tiere in seinem angestammten Verbreitungsgebiet.
Einwanderung neuer Arten hat es auch durch Handel und Wandel des Menschen immer schon gegeben. Im Unterschied zu früher hat sich aber mit dem Flugzeug als normalem Transport- und Verkehrsmittel das Ausbreitungspotential und die -geschwindigkeit der verschiedensten Organismen vervielfacht. Den Ökosystemen bleibt so keine Zeit mehr, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Auch exotische Krankheiten, auf die unser Immunsystem schlecht oder gar nicht vorbereitet ist, können jederzeit mitreisen und sind in wenigen Stunden schon am anderen „Ende“ der Welt.
Heute werden - egal ob gewollt oder ungewollt - die natürlichen Gefüge der Jahrtausende alten und historisch gewachsenen Naturkreisläufe auf allen Kontinenten - und besonders auf vielen Inseln - gehörig durcheinandergebracht. Das ist eine wesentliche der Ursachen für den derzeit weltweit stattfindenden Artenschwund. Auf einigen Galapagosinseln genügte im 18. Jahrhundert schon das Einwandern von ein paar auf spanischen Schiffen mitfahrenden Ratten zum Aussterben von fast allen der dort vorkommenden Landtierarten, die bis dato keine Landraubtiere kannten und von daher keine natürlichen Anpassungsstrategien besaßen. In Australien und Neuseeland gab es früher überhaupt keine Säugetiere. Alle ökologischen Nischen waren mit Beutlern besetzt. Entsprechend veränderten der Dingo (ein zum Wildhund rückentwickelter ehemaliger Haushund), sowie auch Ratten nachhaltig das Naturgefüge, in deren Folge viele Tierarten ausstarben. Insbesondere viele neuseeländische Vogelarten, die im Verlaufe der Evolution wegen fehlender Beutegreifer ihre Flugfähigkeit wieder verloren hatten, waren nun höchst gefährdet und viele Arten sind heute ausgestorben. Aber auch die eingebürgerten Kaninchen und sogar die ausgewilderten Kamele, die als Nutztiere auf den Kontinent kamen, bereiten den Australiern heute große Probleme. Auch das Einführen von Schweinen, Ziegen und Mäusen kann ein kleines, fragiles Ökosystem, wie es besonders eine Insel immer darstellt, aus den Fugen geraten lassen.
Die Menschen sind rastlose Landschaftsgestalter

(cc-by-sa, Heinz Amberger, Körbchenmuschel_Asian clam_ Corbicula fluminea@wikipedia.de) (cc-by-sa, Heinz Amberger, Körbchenmuschel_Asian clam_ Corbicula fluminalis @wikipedia.de) Große und Kleine asiatische Körbchenmuschel
Mit der Eröffnung des Main-Donau-Kanals (fertiggestellt 1992) gab es erstmals eine direkte Wasserverbindung zwischen Nordsee und Schwarzmeer. Das hatte zur Folge, dass heute Arten des asiatischen Lebensraums in Nordsee und im Rhein siedeln, denen das früher nicht möglich war. Verschiedene Arten der Süßwassermuschel-Gattung Corbicula (Körbchenmuschel), die aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet Südostasien in Europa, eingeschleppt worden sind, sind heute sehr stark im Flussbenthos des Rheins (Lebensgemeinschaft am Gewässergrund) und seiner Nebengewässer vertreten. Über diese Rhein-Main-Donau-Verbindung gelangten unter anderem auch der Große Höckerflohkrebs und die Schwebegarnele von der Donau in den Rhein. Aufgrund fehlender Fressfeinde können sich die neuen Tierarten dort überproportional vermehren. Ein ähnlicher Effekt ist nach dem Bau des Panamakanals nachgewiesen: durch seinen Wasserweg und mittels der ihn durchfahrenden Schiffe konnten sich nach vielen Millionen Jahren Trennung erstmalig wieder Tierarten vom Pazifischen in den Atlantischen Ozean ausbreiten und umgekehrt. Das hat natürlich Auswirkungen auf das vorherrschende Artengefüge.
Das war nur ein winzig kleiner Auszug der von Menschen verursachten Veränderungen - die Liste ließe sich endlos erweitern! Vielleicht findet ihr Naturdetektive noch weitere Beispiele? Bemerkenswert dabei ist folgende Tatsache: Wenige dieser Floren- und Faunenveränderungen sind vom Menschen planvoll vollzogen worden, und da, wo dies doch der Fall war, ging es fast immer schief. Es haben sich am Ende immer Umwelteffekte eingestellt, die man nicht vorhergesehen - und also auch nicht im Kalkül hatte.






