Text:
Joachim Jenrich |
| Wachtelkönig
(Crex crex) Andere bekannte Namen: Wiesenschnarcher, Wiesenschnärper, Knarrer, Schnarker, Schnerper, Schnarrichen, Schnarper, Schnarf, Schnärz, Grasrätscher, u.a. Rote Liste Deutschland 1998: 1 Vom Aussterben bedroht |
| Ordnung: Gruiformes (Rallen und Kranichvögel) Familie: Rallidae (Rallen) |
| Der Wachtelkönig gehört
zur Familie der Rallen und ist damit ein enger Verwandter von
Bläß- und Teichralle. Die Art ist kleinwüchsig,
wirkt sehr hochbeinig und hat einen kurzen, kräftigen Schnabel.
Der Wachtelkönig hat rotbraune Oberflügeldeckfedern,
die besonders im Flug gut zu sehen sind. Der Flug wirkt unsicher
flatternd, die Beine hängen dabei herab. Die Oberseite
ist hell graubraun mit dunklen Längslinien, die Unterseite
ist gelbbraun, in der Bauchgegend weißlich. An Kopf und
Halsseiten sind die Tiere grau, Schnabel und Füsse sind
fleischfarben bis grau. Das charakteristischste Kennzeichen ist der laute Ruf des Männchens. Er ist im wissenschaftlichen Namen Crex crex lautmalerisch festgehalten. Man könnte ihn auch mit „rrrp-rrrp“ wiedergeben oder mit dem Geräusch vergleichen, das entsteht, wenn man mit einem Hölzchen über die Zähne eines Kammes streicht. Die Balz findet oft in Rufgruppen statt, die aus mehreren Männchen bestehen. Durch die sehr weit hörbaren Rufe wird ein regelrechter Klangteppich über offene Wiesenlandschaften gelegt, die die vor allem nachts durchziehenden Weibchen anlocken soll. Die Männchen können ausdauernd, oft stundenlang mit nur im Sekundenabstand unterbrochenen Strophen rufen. Die stärkste Rufaktivität ist im Mai und Juni. Auch zu Beginn des Brutgeschäfts rufen Wachtelkönig-Männchen noch, hier vermehrt tagsüber, nicht mehr so lange andauernd und meist nicht mehr in Rufgruppen, sondern einzeln. |
| Der Wachtelkönig ist ein Brutvogel West- und Mitteleuropas, kommt aber auch in einem breiten Gürtel über Osteuropa bis zum Baikalsee, z.T. auf dem Balkan, vor. Wegen seiner bevorzugten Lebensräume heißt der Wachtelkönig auch „Wiesenralle“. Dies sind hochwüchsige Wiesen wie z.B. feuchte, ungedüngte Streu- und Mähwiesen, Wiesen in Fluß- und Bachauen, Niedermoore, Ränder von Hochmooren oder Wiesen im Bereich der Verlandungszonen stehender Gewässer. Er lebt aber auch auf Bergwiesen, Brachflächen, Hochstaudenfluren, Getreidefeldern, Rüben- und Kartoffeläckern, Viehweiden mit höherer Vegetation und in trockeneren Lebensräumen. Sind die Flächen mit Büschen, Gräben oder unregelmäßigem Geländerelief locker durchsetzt, was deren Strukturvielfalt erhöht, scheinen optimale Lebensbedingungen für den Wachtelkönig vorzuherrschen. In regelmäßig aufgesuchten Brutrevieren finden sich Seggenrieder, die als Neststandort dienen. Auch blumenreiche (insektenreiche) Heuwiesen für die Jungenaufzucht und Stauden bzw. Brachen, die als Rückzugsbereiche für die Jungtiere und während der Mauser der Altvögel wichtig sind, finden sich hier. Offene Bodenstellen erhöhen die Attraktivität dichtwüchsiger Wiesen zusätzlich. Ursprüngliche Bruthabitate des Wachtelkönigs sind wohl Seggen-Iris-Wasserschwadenwiesen in größeren Flußtälern sowie weitere, von Natur aus baumfreie Standorte mit höherer Vegetation. Aktuell finden sich Wachtelkönighabitate fast ausschließlich in landwirtschaftlich genutztem Grünland. Dort kann der Vogel nur existieren, wenn das Land extensiv bewirtschaftet und die Mahd sehr spät im Juli/August durchgeführt wird. |
| Wachtelkönige erreichen ihre Geschlechtsreife im ersten Lebensjahr. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist noch nicht ausreichend erforscht, wahrscheinlich kommt die Saisonehe mit einem Partner am häufigsten vor. In Gefangenschaft unterstützt das Männchen das Weibchen bei der Aufzucht der Jungen. Bereits wenige Tage nach Ankunft im Brutgebiet beginnen sie, unermüdlich zu rufen und bauen mehrere Nestplattformen (Rohnester) versteckt in dichter Vegetation auf dem Boden. Trifft ein Weibchen ein, wird es durch bestimmte Laute zu einer der Nestplattformen gelockt. Diese Lockrufe sind nur über eine kurze Entfernung zu hören, so daß für einen entfernt stehenden Beobachter der Eindruck einer Rufpause entsteht. Sinkt die nächtliche Rufaktivität vorübergehend ab und steigt sie tagsüber an, ist das ein sicheres Zeichen für eine Verpaarung. In den Tagen vor der Eiablage bewacht das Männchen das Weibchen. Das von ihm gebaute Nest ist eine ausgescharrte oder natürliche Mulde, die mit Moos, Halmen, und Blättern ausgekleidet ist. Nur zum Teil ist bekannt, welche Neststandorte bevorzugt werden. So scheinen Nester gerne in einem Horst dichtstehender Pflanzen wie Gräsern, Seggen, Nesseln, Korbblüher (z.B. der Waldengelwurz) angelegt zu werden. Häufig befinden sich die Neststandorte am Rande von niedrigen Büschen. Die Eiablage beginnt im Mai/Juni, nur in tieferen Lagen bereits früher im April. Das Weibchen legt in kurzen Abständen 7- 12 Eier, d.h. 2 Eier pro Tag. Finden sich manchmal deutlich mehr Eier in einem Nest, stammen sie wahrscheinlich von 2 verschiedenen Weibchen. Sobald die ersten Eier gelegt sind, steigert das Männchen seine nächtliche Rufaktivität erneut, verläßt das Weibchen und versucht, eine neue Partnerin zu finden. Offenbar bebrütet ausschließlich das Weibchen das Gelege. Je nach Eizahl des Geleges schlüpfen die sogenannten „Nestflüchter-Dunenküken“ nach 16 – 21 Tagen Brutzeit die innerhalb weniger Stunden. Sie haben ein schwarzes Dunenkleid, das oberseits etwas bronzefarben schimmert. Schon am ersten oder zweiten Tag verlassen sie mit dem Weibchen die unmittelbare Nestumgebung. Nach rund 2 Wochen trennt sich das Weibchen von ihren Jungen, verpaart sich mit einem neuen Männchen und beginnt mit der zweiten Brut. Die Jungen können bereits im Alter von 5 Wochen fliegen. Während der Brut und Aufzucht kommt es zu einem Biotopwechsel. Spätestens ab Mitte Juli, bei einsetzender Vollmauser, finden sich die Altvögel in Staudensäumen und Brachen ein, wo sie das Großgefieder wechseln und für mindestens 10 Tage flugunfähig sind. In diesem Stadium müssen sie sich zu Fuß fortbewegen und gleichzeitig viel Nahrung zu sich nehmen, um den hohen Eiweißbedarf zur Bildung des neuen Gefieders decken zu können. |
| Wachtelkönige sind im wesentlichen
Einzelgänger, auch wenn sie in Rufgruppen balzen oder während
des Zugs gelegentlich Wachtelschwärme begleiten. Zur Brutzeit
verteidigen die Männchen ihr Revier streng. Die Tiere singen
gerne von höheren Positionen in der Vegetation aus. Während
des Zugs sie vorwiegend nachts aktiv, während des Brütens
aber auch tagsüber. Die Rufperiode beginnt in der Regel
3 – 4 Tage nach Ankunft im Brutgebiet, hört nach
der Eiablage fast gänzlich auf und beginnt, abgeschwächt,
erneut nach dem Schlüpfen der Jungen. Die ersten Tage nach
Ankunft im Brutgebiet nutzt der Wachtelkönig, um die notwendigen
Vorraussetzungen für eine mögliche Brut zu prüfen.
In manchen Jahren ist der Wachtelkönig zwar kurz anwesend,
ruft aber nicht, weil schlechte Bedingungen wie ein zu hoher
Grundwasserstand bzw. zu hohe Bodenfeuchte und schlechte Witterungsverhältnisse
eine sichere Brut unmöglich machen. Durch unterschiedliche Vorkommnisse kann sich die Rufperiode in die Länge ziehen. Einmal treffen Wachtelkönig-Männchen aus dem Winterquartier immer wieder sehr spät im Brutgebiet ein, wodurch sie auch später anfangen, zu rufen. Andere Männchen haben sich woanders bereits verpaart, nehmen dort aber nicht am Brutgeschäft teil, vagabundieren durch die Gegend und treten dann wieder als Rufer in Erscheinung. Auch Männchen, die unverpaart geblieben sind, rufen mitunter länger. Der Wachtelkönig unterliegt von Jahr zu Jahr starken Bestandsschwankungen und ist während der Brutperiode hochmobil. Er lebt sehr versteckt in hoher Gras- und Krautvegetation, die aber so lückig sein muß, daß sich der Vogel ungehindert darin fortbewegen kann. Selbst bei Gefahr fliegt der Wachtelkönig im Brutgebiet nur höchst selten. Die Hauptüberwinterungsgebiete des Langstreckenziehers liegen in den Steppengebieten Ost- und Südafrikas. Ab Ende April treffen Brutvögel in Europa ein, der Wegzug beginnt bereits im August. |
| Wachtelkönige ernähren sich vorwiegend von Kleintieren, darunter Heuschrecken, Käfer, Ameisen, Fliegen und andere Insekten, außerdem Spinnen, Tausendfüßler, Regenwürmer, Schnecken, kleine Frösche und gelegentlich kleine Mäuse und Vögel. Daneben werden Sämereien und grüne Pflanzenteile gefressen. Zur Jungenaufzucht im Juni – August muß eine energetisch anspruchsvolle Ernährung sichergestellt sein. Qualität und Zusammensetzung der Nahrung ist für die Wachtelkönige sehr wichtig. |
| Der Wachtelkönig ist als Bodenbrüter mit seinen Gelegen und Jungtieren durch Feinde stark gefährdet. Viele seiner Feinde, z.B Fuchs, Dachs, Marder, Wildschwein u.a., haben deutlich im Bestand zugenommen. Durch nasse Frühjahre mit länger anhaltenden Überschwemmungen erhöht sich die Anzahl registrierter Rufer in den nicht überfluteten Bereichen stets merklich. Dann können sie sogar in Gebieten, in denen sie sich in normalen und trockenen Jahren nicht aufhalten, nachgewiesen werden. Da sich Wachtelkönige auf bestimmte Habitate spezialisiert haben und gleichzeitig wenig flexibel sind, wirken sich verändernde Umweltfaktoren sofort mindernd auf örtliche Brutbestände aus. |
| Die individuenreichsten, mitteleuropäischen Habitate des Wachtelkönigs liegen derzeit noch in den wenig landwirtschaftlich erschlossenen Niederungen Polens und Ungarns. Im westlichen Verbreitungsgebiet hat die Zahl der Wachtelkönige durch die Zerstörung ihres Lebensraums extrem abgenommen. Diese Zerstörung erfolgt z.B. durch landwirtschaftliche Eingriffe wie Entwässerungen, Intensivierung der Grünlandnutzung mit häufiger und früher Mahd und Wiesenumbruch zu Ackerland. In der jüngeren Vergangenheit brechen die Bestände immer schneller zusammen. In nahezu allen Ländern, in denen Wachtelkönige vorkommen, gingen die Bestände allein in den Jahren zwischen 1970 und 1990 auf 20 – 50 % zurück. Der Wachtelkönig ist in Mitteleuropa mit z.T. jährlich wechselnden Dichtezentren ungleichmäßig verbreitet. Die Größe der Bestände wird im wesentlichen erfaßt, indem rufende Männchen über die gesamte Rufperiode gezählt werden. Sind die Umweltbedingungen günstig, können sich kleine Bestände durch eine hohe Vermehrungsrate schnell wieder – zumindest kurzfristig – erholen. Dieser Umstand kann jahrweise über einen tatsächlichen Rückgang hinwegtäuschen. Als Durchzügler, Nichtbrüter oder Tiere, die sich erfolglos ansiedeln oder brüten wollten, können vereinzelt fast überall und auch in sonst nicht besuchten Biotopen angetroffen werden. Durch diese Vorkommnisse können Bruten in manchen Gebieten vorgetäuscht werden und führen dann bei Auszählung zu falschen Bestandszahlen. In der Bundesrepublik gibt es etwa 1000 bis 1300 Brutpaare. Diese Zahl kann nur als grober Richtwert fungieren. |
| Der Wachtelkönig ist eine von 24 europäischen Vogelarten, deren Bestand weltweit bedroht ist. In den meisten Ländern seines Verbreitungsgebietes gehen die Bestände deutlich zurück. Dennoch kommen Wachtelkönige immerhin noch in 34 europäischen Ländern vor. Da die Küken schlüpfen und deswegen auch spät flügge werden (August bis Anfang September), werden sie oft auf frühzeitig gemähten Wiesen, die zur Heu- oder Silagegewinnung genutzt werden, totgemäht. Andererseits stellen eutrophierte (Feucht-)Wiesen mit den damit verbundenen dichten Vegetationsfilzen mit auf dem Boden umliegenden Altgrasbeständen ein Problem für die Wachtelkönige dar. Die geschlüpften Küken können die dichte Vegetation an vielen Stellen nicht durchdringen. Außerdem enthält sie durch zunehmende Kühle und Feuchtigkeit in der bodennahen Krautschicht weniger Organismen, welche dem Wachtelkönig als Nahrung dienen. Auch die Sichtbedingungen sind schlechter. So lassen sich z.B. nahrhafte Regenwürmer wesentlich schlechter herauspicken. |
| Einige Wiesenschutzprogramme, die
in den letzten Jahren umgesetzt wurden, kamen dem Wachtelkönig
nicht zugute. Der Wachtelkönig ist ein später Brüter
und benötigt deshalb Wiesen, die bereits vor seinem Eintreffen
Frühmahdstreifen erhalten und zu einem späteren Zeitpunkt,
aber nicht vor Mitte August, auf der ganzen Fläche gemäht
werden. Mancherorts, z.B. in den Hochlagen der Mittelgebirge,
wäre sogar eine Mahd nach dem 1. September günstig.
Allein die Verlegung des Mahdtermins nach hinten kann auf Dauer
keine für den Wachtelkönig geeigneten Biotope erhalten.
Dies liegt daran, daß die Struktur der Wiesen nicht mehr
geeignet ist. In zu kurzer Zeit wachsen die Gräser zu dicht
hoch. Hier sollte ein kräftiger Nährstoffentzug erfolgen,
der wieder mehr niedrig- und langsamwüchsige Kräuter
begünstigt. Dann erhöht sich wieder die Durchdringbarkeit
und das Nahrungsangebot für den Wachtelkönig. Der Wachtelkönig zieht zusammen mit seinen geschlüpften Jungen meist in nahrungsreiche, stellenweise gut durchsonnte und blühende Vegetationsbereiche, z.B. in Hochstaudenfluren oder in wieder hochgewachsene und erneut blühende Frühmahdstreifen. Auch der Erhalt von Auen-Grünland ist für den Schutz der Wachtelkönige von großer Bedeutung. In der Vergangenheit durchgeführte Umwandlungen von Wiesen in Ackerland bzw. sogar Aufforstungen zerstören ihren Lebensraum. Gerade in Auengebieten mit sehr fruchtbaren Böden ist eine Aufgabe der Wiesennutzung nicht förderlich, da die aufwachsende Vegetation dadurch sehr dicht, später umgeknickt und faulend auf dem Boden liegend, undurchdringbar wird. Innerhalb weniger Jahre wachsen die Auenwiesen mit Schilf und Weidengebüschen zu. Eine Mahd der Flächen von innen nach außen oder von einer zur anderen Seite kann die Zahl der Mahdopfer reduzieren, da den Tieren , die sich solange wie möglich im schutz der höheren Vegetation verbergen, verschiedene Fluchtwege offen bleiben. Werden die Mahdtermine auf möglichst kleinräumige Bewirtschaftungseinheiten gestaffelt, werden für den Wachtelkönig ein interessantes Strukturmosaik und eine gleichbleibend hohe Nahrungsverfügbarkeit während der Brut- und Aufzuchtsphase geschaffen. Die Wiedervernässung mancher Gebiete, wie z.B. trockengelegter Moore, wäre eine für den Wachtelkönig und andere Arten fördernde Maßnahme. |
| Über ganz Deutschland verteilt, ist der Wachtelkönig im Volksgut mit 100 volkstümlichen Namen belegt. Dies ist ein indirekter Hinweis für sein früheres, häufiges Vorkommen und seine ehemals weite Verbreitung. Der Name „Wachtelkönig“ geht auf den Glauben zurück, daß jedem Wachtelschwarm ein Wachtelkönig vorausfliegt, der den Schwarm anführt. |
| Sonderheft Wachtelkönig 1991.-
Die Vogelwelt 112. Jhrg., H 1-2, Verlag Duncker & Humblot,
Berlin. Schäffer, N. 1996: Der Wachtelkönig: Ein Unbekannter rückt ins Licht.- Der Falke 43, H 11, S. 316 – 319, Wiesbaden. Mammen, U. & N. Schäffer 1998: Internationaler Wachtelkönig-Workshop.- Der Falke 45, H 10, S. 308 – 309, Wiesbaden. Handbuch der Vögel Mitteleuropas1973: Wachtelkönig.- Bd. 5, S. 444 – 468, Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main. Bezzel, E. 1985: Wachtelkönig.- in: Kompendium der Vögel Mitteleuropas, S. 346 – 348, Aula Verlag, Wiesbaden. |