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Was ist "Natur- und landschaftsverträglicher Sport"?
(Fachliche Erläuterung des Beirates "Sport und Umwelt " beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)

 
Definition Ebene des Störreizes Ebene der Reaktion
Ebene der Konsequenzen Quantität der Parameter Qualität der Parameter
nach oben Definition
Bei dem Thema "Sport-/ Freizeitaktivitäten - Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt" nimmt das Thema Störung eine zentrale Rolle ein.

Vorangestellt werden folgende zwei Definitionen des Störungsbegriffs, die den Begriff der Störung zunächst kurz erläutern:

  • Kanutouristen fahren ins Schilf
    Kanutouristen fahren ins Schilf
    © Michael Pütsch
    STOCK et al. definieren Störungen "als nicht zur normalen Umwelt von Organismen, Populationen oder zum normalen Haushalt von Ökosystemen gehörende Faktoren oder Faktorenkomplexe, häufig vom Menschen ausgelöst, die reversible oder irreversible Veränderungen in den Eigenschaften dieser Systeme bewirken" (Stock et al. 1994, 49). Auch bei einem quasinatürlichen Einfluß wie z.B. Feuer, Windbruch, Mahd, Beweidung kann von einer Störung gesprochen werden. Im Kontext des Informationssystems NaturSportInfo interessieren v.a. die durch menschliche Aktivitäten verursachten Eingriffe.

  • Motorboot ankert im Schilf
    Motorboot ankert im Schilf
    © Michael Pütsch
    Bei Störungen handelt es sich um äußere Einwirkungen (Reiz-Reaktionsketten), die sich negativ auf das Energie- und / oder Zeitbudget des Tieres (eines Individuums) auswirken können. Störungen können verursacht werden von anderen Tieren (Feinde / unbekannte Großtiere), von Vorgängen in der Umwelt (Hochwasser, Stürme etc.) sowie von Menschen. "Störung unterbricht oder verändert andere (lebenswichtige) Aktivitäten, wie Nahrungsaufnahme, Nahrungssuche, Sich-Putzen, Brüten, Füttern oder andere Aktivitäten im Zusammenhang mit der Fortpflanzung sowie Abläufe in der Entwicklung von Tieren oder ihr Ruhen" (Reicholf 1999, 74).

Der Begriff "Störung" enthält bereits eine Wertung der aufgetretenen Reizwirkung. STOCK et al. schlagen deshalb vor, die Störung (das Störereignis) in den von der Störquelle ausgehenden Störreiz und in die Störwirkung (die Reaktion des gestörten Individuums) einzuteilen und die Konsequenzen für das gestörte Individuum sowie auf den nachfolgenden Ebenen für die Population / die Biozönose / das Ökosystem) zu trennen. link Abbildung Nach Auffassung von STOCK et al. sollten diese drei Begriffsebenen grundsätzlich unterschieden und so exakt wie möglich erfaßt werden.

Diagramm, das die Störung und deren Bewertung erklärt
Diagramm, das die Störung und deren Bewertung erklärt
nach oben Ebene des Störreizes
Die Bedeutung des Störreizes ist abhängig von seiner Dauer, Intensität, Frequenz sowie zeitlichen Verteilung (Tageszeit, Jahreszeit).
Der Störreiz kann folgende potentielle Auswirkungen haben (REICHHOLF 1999, 77):
  • physiologische Auswirkungen, z.B. die Erhöhung der Herzschlagfrequenz, gesteigerter Energieverbrauch beim Tier,

  • verhaltensbiologische Auswirkungen, z.B. erhöhte Aufmerksamkeit, Sichern, Flucht des Tieres sowie

  • ökologische Auswirkungen, z.B. das Verschwinden bzw. gänzliche Fehlen empfindlicher Arten in eigentlich für sie geeigneten Lebensräumen.

Im Hinblick auf die Stärke des Störreizes sind zusätzlich das zeitliche Zusammenwirken sowie der Summierungseffekt verschiedener Reize zu berücksichtigen.

 

nach oben Ebene der Reaktion
In Abhängigkeit der Intensität von Störreizen und der Störungsempfindlichkeit des Tieres variiert dessen Reaktionsstärke.
Wirken sich anthropogene Einflüsse beim Tier auf Verhaltens- oder physiologische Parameter aus, bezeichnet man dies als Reaktion.
Die Reaktionen können in Änderungen des Verhaltens bestehen, die von der erhöhten Aufmerksamkeit des Tieres bis zum gänzlichen Fernbleiben vom jeweiligen gestörten Lebensraum reichen können.

Tiere können auf einen Störreiz mit der Änderung ihres Raum- und / oder Zeitnutzungsmusters reagieren. Man spricht in diesem Fall von Kompensation. Neben dem Kompensationsverhalten sind noch zwei weitere Mechanismen zu nennen, wodurch die Reaktionen der Tiere vermieden oder vermindert werde können: die Anpassung und die Gewöhnung.

Wenn Tiere aufgrund bestimmter Eigenschaften zum Überleben und zur Fortpflanzung geeigneter sind, wird von Anpassung gesprochen.

"Man unterscheidet zwischen phylogenetischer Anpassung durch Auslese von genetisch bedingten Eigenschaften und adaptiver Modifikation aufgrund von Erfahrung der Individuen. Solche Erfahrungen können tradiert werden" (INGOLD 1996, 15).

Reagiert ein Tier aufgrund von Erfahrungen auf einen Störreiz weniger stark oder gar nicht mehr, führt man diese Reaktionsabschwächung auf eine Gewöhnung zurück.

"Gewöhnung bedeutet nicht, dass Anpassung erfolgt ist" (ebd.).

Um eine Störreaktion beim Tier feststellen zu können, ist neben der Beobachtung einer Verhaltensänderung auch die Messung physiologischer Parameter möglich, z.B. Änderung der Herzschlagrate, der Hormonkonzentration, des Blutdrucks. Damit lassen sich Auswirkungen des Störreizes beim Tier vor der augenscheinlichen Reaktion desselben bestimmen.

Bei der Erfassung der Verhaltensparameter sind aber nicht nur die Verhaltensreaktionen und physiologischen Parameter von Bedeutung, sondern auch die angestammten Verhaltensweisen des Tieres sowie die äußeren Faktoren.

nach oben Ebene der Konsequenzen
Konsequenzen des Störreizes entstehen nicht nur auf der Ebene des Individuums (Auswirkungen auf sein Verhalten, seine Kondition und Fitneß), sie können sich bei einer gravierenden Störung weiter auf die Population, die Biozönose und letztlich auf des gesamte Ökosystem fortpflanzen.

Je nachdem auf welcher Ebene sich die Konsequenzen manifestieren, spricht man von gravierenden oder vernachlässigbaren Auswirkungen.

"Ein Störreiz ist in seiner Wirkung dann gravierend, wenn die Anpassungsfähigkeit des Individuums überfordert und seine Fitneß gemindert ist" (STOCK et al. 1994, 53), also wenn aufgrund einer geänderten Verhaltensweise "eine negative Auswirkung auf den Energiehaushalt oder eine Beeinträchtigung der Kondition des Individuums erkennbar ist" (ebd.).

Zu vernachlässigen ist ein Störreiz, wenn er sich nicht in eine höhere Ebene fortsetzt.

"Erst wenn ein Reiz eine nicht kompensierbare, nachteilige Wirkung auf einer Ebene hervorruft, kann und muß von einem gravierenden Einfluß, also von einer Störung gesprochen werden" (STOCK et al. 1994, 53)

Die Anzahl der potentiell zu erfassenden Parameter macht die Komplexität deutlich, in der eine Störung gemessen und ihre Wirkung bewertet werden muß. In den meisten empirischen Untersuchungen wird nur ein Teil der genannten Parameter erfaßt, was die Nachvollziehbarkeit und Interpretation der Ergebnisse erschweren kann.

nach oben Quantität der Parameter
Häufig werden vornehmlich die Parameter des Störreizes und der Störreaktion erfaßt und hierbei auch die, die leicht zu untersuchen sind.

"Ein großer Teil der Arbeiten zeigte lediglich auf, daß Vögel auf menschliche Aktivitäten reagieren (durch Flucht, Änderungen in der Raumnutzung usw.), aber nicht welche Auswirkungen dies auf ihre Energiebilanz, Überlebensrate, Fortpflanzung oder andere Parameter hatte, die sich letztendlich auf der Ebene der Population auswirken könnten"
(KELLER 1995, 13).

Für die Bewertung ist die Unvollständigkeit der Parameter immer problematisch. Insbesondere aber dann, wenn aus der Untersuchung Analogieschlüsse gezogen werden sollen, z.B. wenn eine in einem bestimmten Gebiet ermittelte Fluchtdistanz auf ein anderes Gebiet übertragen und dabei spezifische Rahmenbedingungen außer acht gelassen werden, da sie in der Untersuchung ungenannt bleiben.

nach oben Qualität der Parameter
Angaben zu Fluchtdistanzen
Die Problematik der Fluchtdistanzen ergibt sich im wesentlichen aus den Streubereichen, die bei den einzelnen Arten auftreten können. Die Angaben der verschiedenen Autoren zu Fluchtdistanzen der einzelnen Arten differieren vielfach stark. Dies ist zum einen Folge der subjektiven Einschätzung, die im wesentlichen aus eigenen Beobachtungen ohne konkrete Messungen resultiert. Die angegebenen Werte sind häufig Erfahrungswerte und ein Nebenprodukt der ornithologischen Feldarbeit. Wichtiger jedoch ist der Grund, dass die Verschiedenheit der Situationen und Rahmenbedingungen die Fluchtdistanzen stark prägen, aber nur unzureichend berücksichtigt werden.

Aussagen über den Fortpflanzungserfolg
Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Methoden und Parametern, die für Aussagen über den Fortpflanzungserfolg herangezogen werden.
Die Auswirkungen von Störungen beispielsweise auf den Bruterfolg können erfaßt werden durch:

  • einen Vergleich von zwei oder mehr Stichproben von Nestern, die in unterschiedlichem Maß Störungen ausgesetzt waren, oder
  • einen Vergleich zweier oder mehrerer Gebiete, die in unterschiedlichem Maße Störungen ausgesetzt waren, oder
  • einen Vergleich von Stichproben aus verschiedenen Jahren mit unterschiedlicher Störungsintensität (Messung der Häufigkeit menschlicher Aktivitäten bei erfolglosen und erfolgreichen Nestern) (KELLER 1995).

Die unterschiedlichen Aussagen über den Bruterfolg sind jedoch nicht nur auf die unterschiedlichen Erfassungsmethoden zurückzuführen, sondern auch auf die verschiedenen Parameter, die bei der Erfassung berücksichtigt wurden:

  • Erfassung des generellen Fortpflanzungserfolges (Anzahl der Jungen / Brutpaar),
  • Bestimmung des Schlüpferfolges und des Aufzuchterfolges sowie
  • nur einen der beiden Parameter.

Die Bandbreite der möglichen Parameter sowie der unterschiedlichen Meßmethoden lassen Keller folgendes schlußfolgern:

"Die Variabilität der Art und Intensität der untersuchten Störungen erlaubt keine generelle Aussage über das Ausmass der Verminderung des Bruterfolgs"
(KELLER 1995, 7).

Angaben zur Herzschlagrate
Brütende Austernfischer reagieren auf sehr unterschiedliche Reize mit vergleichbarer Herzschlagrate (s. Hüppop & Hagen 1990). Dabei wirkt eine Störung durch eine Person, die auf einem Weg in der Nähe des Nestes geht (ohne diesen in Richtung Nest zu verlassen) in ähnlicher Art wie der sich nähernde Partner. Da Herzschlagraten-Änderungen aufgrund der Annäherung des Partners kaum als Störung zu werten sind, stellt sich die Frage, ob die Reaktion zu unspezifisch ist um als Indikator benutzt zu werden bzw. ob die Herzschlagänderung erst ab einem bestimmten erhöhten oder zu niedrigen Wert aussagekräftig ist.

   
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