Position des Bundesamtes für Naturschutz zu den Kormoran-Abschüssen im Anklamer Stadtbruch (Mecklenburg-Vorpommern)
Bonn, 13.07.2005:Sie sind schwarz und nicht bei Jedermann beliebt, aber der grausame Tod von bis zu 7.000 Kormoran-Nestlingen im Anklamer Stadtbruch an der Ostseeküste vor Usedom durch eine Massenschießerei auf die Nester rief in ganz Deutschland Proteste von Bürgern und Naturschutzverbänden hervor. Der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Professor Hartmut Vogtmann, bezeichnet die Tötung als "abstoßend und völlig unangemessen". Es gibt intelligentere Möglichkeiten, von Kormoranen verursachten Problemen zu begegnen.
Das Naturschutzgebiet "Anklamer Stadtbruch", mit weiteren Teilen des Peenetales als Europäisches Vogelschutzgebiet gemeldet und vom Bundesamt für Naturschutz im Rahmen des Gewässerrandstreifenprojektes "Peenetal / Peene-Haff-Moor" finanziell stark gefördert, wird auch als "deutsche Everglades" bezeichnet und gilt mit seinem Reichtum an seltenen und gefährdeten Vogelarten als Besonderheit. "Dieses Schutzgebiet ist Refugium für eine Vielzahl empfindlicher und bedrohter Vogelarten der Roten Liste wie Trauerseeschwalbe, Große Rohrdommel und Seeadler - so eine Aktion, zusätzlich mitten in der Brutzeit, verträgt sich nicht mit den Zielen eines Naturschutzgebietes", urteilt Vogtmann.
Wenn es Probleme mit Kormoranen gibt, können sie effektiver gelöst werden. Das setzt aber voraus, dass Schäden nicht nur behauptet, sondern auch belegt werden müssen. "An dieser Hürde scheitern schon viele, die sich über Kormorane aufregen", erläutert Vogtmann. Allein die Angabe, wie viel Fische ein Kormoran pro Tag verzehrt, genügt nicht: Meist sind es wirtschaftlich uninteressante Arten, die auf dem Speisezettel von Kormoranen stehen, und "noch holen unserer Fischer und Angler ein Mehrfaches dessen aus unseren Gewässern, was insgesamt in den Mägen der Kormorane landet". Vogtmann: "Wir haben hier ein psychologisches Problem, denn Fischer neigen dazu, den Grund für Bestandsrückgänge, z.B. in der Meeresfischerei, nicht in der nicht-nachhaltigen Fischereipraxis, sondern bei den gehassten Kormoranen zu sehen."
Sofern dennoch Maßnahmen erforderlich sind, müssen diese an den Gewässern und nicht bei den Kormoranen ansetzen. Dies hat auch eine europaweite Studie ergeben, die unter Mitwirkung der Fischerei und von Anglerverbänden durchgeführt und von der Europäischen Union finanziert wurde. Es ist bedauerlich, dass in Mecklenburg-Vorpommern auf diesen Erkenntnissen nicht aufgebaut wurde. Vogtmann befürchtet einen Imageverlust für das Land, in dem viele Menschen der Natur wegen Urlaub machen: "Viele Fischer verdienen auch mit dem Tourismus Geld - eine solche Aktion ist für den Tourismus nicht förderlich".
Kormorane haben es schon seit Jahren schwer. Seit sich ihre Bestände aufgrund von Jagdverschonung und wegen des guten Nahrungsangebotes wieder erholen, nehmen auch die Klagen von Fischern und Anglern über ihre vermeintlichen Nahrungskonkurrenten zu. Der Abschuss von Kormoranen bringt aber nichts: Brutverluste können durch erhöhte Reproduktion und Zuwanderung in der Folgezeit ausgeglichen werden und die Eingriffe in Kolonien verteilen die Tiere meist nur auf andere Regionen, denn die Überlebenden können in den Folgejahren anderswo Kolonien gründen.
Hintergrundinformation:
Die Studie REDCAFE (Reducing the conflict between Cormorants and fisheries on a pan-European scale) wurde von der Generaldirektion Fischerei der Europäischen Union finanziell gefördert und im Jahr 2003 abgeschlossen. Beteiligt waren Wissenschaftler und Vertreter von Vogelschutz-, Fischerei- und Anglerverbänden aus 25 europäischen Ländern.
Nach den Ergebnissen dieser Studie erscheint eine massive, europaweite Reduzierung der Kormoranbestände unter erheblichem Aufwand zwar möglich, wird aber nicht als die wirksamste, wirtschaftlich oder ethisch vertretbare Möglichkeit zur Lösung fischereiwirtschaftlicher Konflikte angesehen. Andere Lösungen, wie die Verbesserung der Habitate betroffener Fischarten und passive Abwehrmaßnahmen an Fischzuchtanlagen, werden als langfristig wirksamer betrachtet. Daher tendiert REDCAFE zu intelligenten Management-Maßnahmen direkt an den Gewässern. Die Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings, dass man die Vögel an den größeren Gewässern akzeptiert. Diese Akzeptanz und die Bereitschaft, mit Kormoranen zu leben, fehlt jedoch in Deutschland offensichtlich bei verschiedenen Interessengruppen. In diesem Zusammenhang versteht sich REDCAFE jedoch als erster Schritt hin zu mehr gegenseitigem Verständnis, um Vorbehalte zwischen fischereilichen Interessengruppen und dem Naturschutz abzubauen und auf der Basis fundierter Argumentationen zu einem angemessenen Umgang mit dem Kormoran als natürlichem Bestandteil unserer Gewässerökosysteme zu gelangen. Ein Nachgeben gegenüber unberechtigten Forderungen zur Kormoran-Bestandsreduzierung würde diese Ansätze konterkarieren.
Die Stellungnahme der Bundesregierung zu einer Entschließung des Bundesrates zur "Kormoran-Problematik" vom 30.01.04 ist unter der Bundesrats-Drucksache Nr. 111/04 abgedruckt. Sie nimmt u.a. Bezug auf die REDCAFE-Studie und kann auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden.

