Bundesamt für Naturschutz

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Schutzgebiete sichern marine Lebensvielfalt Video Transkript

In den Meeren auf unserem Planeten offenbart sich eine faszinierende biologische Vielfalt. Erstaunlich facettenreiche Lebensformen. Ein kaum vorstellbarer Reichtum an Arten.

Von der Küste bis in die Tiefsee finden sich eindrucksvolle und ökologisch bedeutsame Lebensräume.

Diese marine Lebensvielfalt nachhaltig zu schützen, ist eine große Aufgabe. Ein Weg ist die Einrichtung von Schutzgebieten im Meer.

Jenseits der nationalen Meeresgrenzen sind im Nordostatlantik die Anrainerländer des Oslo-Paris-Übereinkommens zum Schutz der Meeresumwelt, kurz OSPAR, für Meeresschutzgebiete gemeinsam verantwortlich, in nationalen Gewässern die jeweiligen Staaten allein. In der deutschen Bucht sind weite Bereiche der Küstengewässer als Nationalparke streng geschützt.

Rund um die Insel Helgoland stehen die Riffe und einzigartigen Kelpwälder mit ihrer typischen Tier- und Pflanzenwelt unter Schutz. Gemeinsam mit den drei deutschen Meeresschutzgebieten jenseits der 12-Seemeilen-Zone und mit insgesamt 43% der deutschen Nordsee gehören sie zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000. Europaweit dient dieses Netzwerk dem Erhalt bedrohter Arten und Lebensräume.

Doch die Meere sind kein unberührter Naturraum. Im Gegenteil: Die Ozeane werden immer stärker als Wirtschaftsraum genutzt.

Verbunden mit Risiken und Gefahren durch Havarien, ständige Wartungsarbeiten, Lärm und mechanischen Zerstörungen am Meeresboden. Dies gilt für die Hohe See ebenso wie für die Küstengewässer.

Solche Auswirkungen sind beispielsweise auch im Schutzgebiet Sylter Außenriff zu befürchten. Eine Vielzahl gefährdeter Arten lebt auf den dortigen Riffen und auf den Sandflächen der Amrumbank, Aufwachsgebiet für verschiedene Fischarten. Sie bieten Schweinswalen mit ihren Jungtieren sowie Seevögeln ausreichend Nahrung.

Die größte Sandbank der Nordsee ist die Doggerbank mit ihrem herausragenden Fischreichtum. Die hier von 3 Staaten eingerichteten Natura 2000 - Schutzgebiete werden von einer ganzen Reihe von Walarten, und sogar dem Riesenhai, einem Planktonfresser, zur Nahrungssuche genutzt. Diese beeindruckenden Haie ziehen auf weitgehend unbekannten Routen durch die Nordsee, offenbar auch durch den Ärmelkanal bis an die Südwestküste Englands.

Auch andere wandernde Arten wie Pottwale und Delphine benötigen umfangreichen Schutz: auf ihren "Reiserouten" und in bevorzugten Fortpflanzungs- und Nahrungsgebieten, wie um die Azoren.

Diese Inselgruppe liegt am Mittelatlantischen Rücken. Eine vulkanisch sehr aktive Zone.

Hydrothermale Quellen und Gasaustritte liegen in einer Tiefe von vielen hundert Metern. Spezifische Lebensgemeinschaften mit unzähligen seltenen Tiefseearten sind hier zu finden. Steinkorallen wie Lophelia und Madrepora bilden mit Hornkorallen einzigartige Kaltwasserkorallenriffe.

Direkt an den Hydrothermalquellen siedeln Tiefsee-Miesmuscheln. Sie haben sich auf diese besonderen Bedingungen spezialisiert, wie auch die Tiefsee-Krabben. Portugal hat mehrere dieser wertvollen Gebiete unter Schutz gestellt. Doch viele außergewöhnliche Tiefseelebensräume liegen jenseits nationaler Rechtszuständigkeit. Weltweit laufen intensive Bemühungen, solche ökologisch besonders wertvollen Gebiete zu identifizieren und deren Bedeutung zu bewerten. Hierbei engagiert sich auch GOBI, ein Projekt gestützt vom BfN:

Prof. David Johnson Coordinator of the Global Oceans Biodiversity Initiative GOBI:

"GOBI ist eine Gemeinschaft von weltweiten Partnern und Organisationen, die Informationen zur Biodiversität sammeln. Sie stellt physikalische und biologische Daten für Organisationen wie die Konvention zur Biologischen Vielfalt bereit. Mit dem Ziel, die Biodiversität zu erhalten und sowohl Meeresschutzgebiete als auch andere ökologisch und biologisch signifikante Gebiete zu identifizieren. Mit Daten, Rat und Fachwissen waren GOBI Partner maßgeblich an den regionalen Workshops beteiligt, damit Schutzgebiete geschaffen werden. Ich meine, das BfN spielt hier eine fundamental wichtige Rolle in der Beschaffung von finanziellen Mitteln, die das Sammeln dieser Informationen ermöglichen."

Ökologisch oder biologisch signifikante Gebiete, die EBSAs, zu bewerten und festzulegen, ist in den verschiedenen Meeresregionen ein komplizierter Prozess, durchgeführt in weltumspannenden, regionalen Workshops. Mittlerweile sind bereits rund 200 EBSAs identifiziert. Erst die Mitgliedstaaten der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt entscheiden über die endgültige Anerkennung.

(Stephan Lutter, Worldwide Fund for Nature, WWF:)

Die Identifizierung von EBSAs in den Weltmeeren ist besonders wichtig in Regionen außerhalb der OSPAR, wo staatliche oder zwischenstaatliche Ordnungsrahmen für Schutzgebiete auf hoher See und in abgelegenen Seegebieten fehlen. EBSAs spielen eine Vorreiterrolle, dienen als potentielle zukünftige Schutzgebiete. Wir als NGO schlagen auch innerhalb des OSPAR-Gebietes EBSAs vor, wo wir Lücken sehen.

Aber EBSA´s sind nur ein erster Schritt. Bis daraus ein weltweit respektiertes Schutzgebiet wird, vor allem in Regionen jenseits nationaler Rechtszuständigkeit, hängt in besonderem Maße von guter internationaler Kooperation ab. In vielen dieser hierfür eingerichteten Gremien engagiert sich das Bundesamt für Naturschutz für die Einrichtung von Meeresschutzgebieten.

Wegweisend ist das Charlie-Gibbs-Schutzgebiet in einer Bruchzone auf dem Mittelatlantischen Rücken. Unterstützt vom BfN und ursprünglich initiiert vom WWF identifizierten Wissenschaftler hier besonders wertvolle Gebiete.

Über 40 Arten von Kaltwasserkorallen wie Lophelia, Madrepora oder das Gorgonenhaupt finden sich hier in einer Tiefe zwischen 700 und 4500 Metern, ebenso rund 80 Arten von Kopffüßern wie die Dumbo-Oktopusse der Tiefsee.

Folgerichtig einigten sich die OSPAR-Staaten, eine Fläche von 324.000 Quadratkilometern mit faszinierenden Lebensgemeinschaften unter Schutz zu stellen. Auch Dutzende von Fischarten sind hier zu Hause, darunter allein 40 Arten der Tiefwasserhaie wie dieser Schokoladenhai.

Für das gesamte OSPAR-Gebiet besteht das Ziel, ein repräsentatives und gut gemanagtes Schutzgebietsnetzwerk aufzubauen. Bislang sind etwa 5,2% des Nordostatlantiks geschützt. Aber noch immer bestehen Lücken, zum Beispiel in arktischen Gewässern.

Obgleich es küstennahe Schutzgebiete gibt, fehlt ein umfangreicher Schutz für Areale auf der Hohen See. Effektive Managementmaßnahmen sind schwer umzusetzen und zu kontrollieren. Aber gerade auch hier finden sich schützenswerte Arten, die sich an die Lebensbedingungen in diesen eisigen Gewässern angepasst haben, und ökologisch herausragende Lebensräume, die sehr sensibel sind.

Denn auch diese abgelegenen Gebiete sind menschlichen Belastungen ausgesetzt. Für das Nahrungsnetz der Meere stellen zum Beispiel Plastikmüll und Netzreste eine besondere Bedrohung dar. Vom Mittelmeer bis in das Polarmeer finden sich Reste unseres Wohlstandsmülls.

Zu den schwerwiegendsten Eingriffen gehört jedoch die moderne Fischerei. Die Ausweitung der Fanggebiete bis in die Tiefsee birgt gravierende Risiken.

Intensität und schädigende Fangmethoden verschiedener Fischereiarten führten jahrzehntelang zur Überfischung vieler Bestände und zu Beeinträchtigungen der Lebensgemeinschaften.

In Europa bietet nun auch die Neuregelung der Gemeinsamen Fischereipolitik eine neue Chance, damit sich die Fischbestände und die marinen Ökosysteme erholen können.

Vom Atlantik geht die Reise in den tiefen Rinnen an der norwegischen Küste vorbei - Richtung Süden.

Schwarmfische wie Heringe und Köhler befinden sich in diesem Gebiet. Hier lebt auch eine Art mit dem Furcht einflößenden Namen Seeteufel - ein begehrter, aber bedrohter Speisefisch.

Kopffüßer wie der Rote Krake finden Versteckmöglichkeiten zwischen den Felsen. Seefedern kennzeichnen einen besonderen, seltenen Lebensraumtyp.

Auch Seenelken und seltene Kaltwasserkorallen wie die Tiefsee-Fächerkoralle Paramuricea wachsen entlang des norwegischen Kontinentalhangs.

Chimären huschen durch das Dunkel der Tiefe.

Einen wichtigen Beitrag zum Erhalt dieser faszinierenden Arten und des gesamten Ökosystems leistet auch hier die Einrichtung von Meeresschutzgebieten.

Weiter geht es durch das Skagerrak und Kattegat in die Belte, wo der einzige Wasseraustausch zwischen Nord- und Ostsee stattfindet. Alle Anrainerländer haben hier auch Schutzgebiete ausgewiesen.

Insbesondere diffuse Nährstoff- und Schadstoffeinträge sind aber weiterhin ein großräumiges Problem:

(Lena Tingström, Swedish Agency for Marine and Water Management:)

In der Ostsee ist natürlich die Eutrophierung ein großes Thema, das wir angehen müssen und das ist innerhalb von einzelnen Meeresschutzgebieten nicht wirklich möglich. Also müssen wir mit Hilfe eines großräumigeren Ansatzes arbeiten wie dem Ostsee-Aktionsplan.

Die Ostsee ist ein sehr sensibles Ökosystem. Dessen ökologischen Zustand insgesamt zu verbessern und das Meer nachhaltig zu bewirtschaften, darauf haben sich die Mitgliedsstaaten der Helsinki-Konvention im Baltic Sea Action Plan geeinigt. Das Netzwerk von Schutzgebieten in der Ostsee umfasst bereits jetzt schon gut 10% des Meeres. Inklusive fünf bedeutsamer Gebiete in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone, kurz AWZ.

Miesmuscheln, Rotalgen und Laminarien sind im Fehmarnbelt und in der Kadetrinne typisch, auch Seescheiden kommen vor. Weiter ostwärts, an der Oderbank, finden die extrem bedrohten östlichen Schweinswale des baltischen Meeres Rückzugsgebiete.

Eisenten und viele andere Vogelarten überwintern hier in international bedeutsamen Konzentrationen. Für die deutschen AWZ-Schutzgebiete entwickelt das BfN Managementpläne und arbeitet kontinuierlich an Verbesserungen der Schutzbestimmungen. Diese Maßnahmen, unter anderem Regelungen zur Fischerei in den Schutzgebieten, werden sowohl an die HELCOM als auch die OSPAR Vertragsstaaten beispielgebend kommuniziert. Auch in der OSPAR Arbeitsgruppe Meeresschutzgebiete, deren Vorsitz Deutschland führt, vertreten durch das BfN. Für eine globale Unterschutzstellung wertvoller Meeresgebiete weltweit fehlen allerdings noch entscheidende Schritte.

(Prof. Henning von Nordheim, German Federal Agency for Nature Conservation, Marine Conservation Unit:)

Der erste Schritt wird sein, den EBSA Prozess abzuschließen, den die CBD begonnen hat. Das bedeutet, dass in den Teilen der Welt, wo noch keine ökologisch bedeutsamen Gebiete ausgewiesen wurden, dies schnellstmöglich getan werden muss. Besonders in der Antarktis, aber auch der Arktis und in anderen Teilen der Welt fehlen Informationen für diese allumfassende Beurteilung. Der zweite und noch viel wichtigere Schritt wird sein, innerhalb dieser ökologisch bedeutsamen Gebiete Standorte zu identifizieren, denen ein internationaler Schutzstatus zukommen sollte. Um einen solchen Status zu gewährleisten, bedarf es eines dritten Schrittes: eines globalen Übereinkommens auf UN- oder UN-Seerechts-Ebene, das es uns ermöglicht, weltweit dort Gebiete in internationalen Gewässern zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen, wo es für uns bislang noch keine umfassenden Regelungsinstrumente gibt.

Bislang sind erst 2,8% der Ozeane entsprechend den Kriterien der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt geschützt. Ziel ist es, bis 2020 10% der Weltmeere unter Schutz zu stellen.

Die Vielfalt mariner Arten und Lebensräume, von der Küste bis zu den Schwarzen Rauchern der Tiefsee, scheint unvorstellbar groß. Diese Schätze zu bewahren, liegt in unseren Händen. Unverzichtbar sind dabei Meeresschutzgebiete. Sie effektiv und gut zu managen, ist und bleibt eine große Herausforderung.