Bundesamt für Naturschutz

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Waldtagung

Sind unsere Wälder noch zu retten? – Waldexpertinnen und -experten diskutieren wie unsere heimischen Wälder an den Klimawandel angepasst werden können

Naturwaldreservat Eichhall, Spessart | Foto: A. Höltermann
Naturwaldreservat Eichhall, Spessart | Foto: A. Höltermann

Putbus/Insel Vilm, 16. September 2020: In der anregenden Tagungsatmosphäre der Internationalen Naturschutzakademie Insel Vilm (INA) trafen sich auf Einladung des Bundesamts für Naturschutz (BfN), vom 17. bis 20. August, 24 Waldexpertinnen und -experten aus Deutschland und der Schweiz, um über Möglichkeiten zur Anpassung unserer Wälder an den Klimawandel zu diskutieren. Die Tagung fand unter dem Eindruck der massiven Waldschäden statt, die in Deutschland inzwischen auf 285.000 Hektar und eine Schadholzmenge von 178 Millionen Kubikmeter geschätzt werden.

Die Tagung erzielte in vielerlei Hinsicht wichtige Fortschritte, auch wenn die im Tagungstitel gestellte Frage nicht abschließend beantwortet werden konnte. Es wurde deutlich, dass sehr unterschiedliche Ansätze und Annahmen der beteiligten Fachleute aus Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung die Ableitung von Handlungsempfehlungen teilweise erschweren.

Vertreter und Vertreterinnen eines ökosystembasierten Ansatzes betonten die Bedeutung der Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen als Grundlage für die Erbringung von Ökosystemleistungen – in Zeiten des Klimawandels seien regulierende Funktionen und Leistungen besonders relevant. Sie verwiesen auf Studien, die Wäldern eine inhärente Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstorganisation attestieren. Zum ökosystembasierten Ansatz gehört auch, dass ökosystemare Strukturen und Prozesse konsequent gefördert werden, um mehr Zeit für die Anpassung an den Klimawandel zu gewinnen. Beispielsweise indem Totholz im Wald belassen und das Kronendach von Wäldern nicht unnötig aufgelichtet werde. Dies unterstütze die Humusbildung, die Kühlung und die Wasserrückhaltung in Wäldern. Ein ökosystembasierter Ansatz schaut darüber hinaus nicht allein auf die Baumarten, sondern anerkennt explizit die wichtige Rolle von Mikroorganismen und Pilzen für die ökosystemare Funktionstüchtigkeit.

Demgegenüber gehen vor allem Forstwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler von der Notwendigkeit einer aktiven Anpassung unserer Wälder an den Klimawandel aus, um der Gesellschaft auch zukünftig den Rohstoff Holz und andere Ökosystemleistungen anbieten zu können. In Abhängigkeit von der Ausgangssituation und der Vulnerabilität des Waldes gegenüber dem Klimawandel müssten je nach Waldtyp differenzierte Lösungen für die Anpassung gefunden werden. Mittels Durchforstungen, Baumartenwechsel und Mischbeständen sei es grundsätzlich aber möglich und notwendig, die Selbstorganisationsfähigkeit von Ökosystemen zu stärken und die Resistenz und Resilienz von Wäldern zu verbessern.

Trotz dieser sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen bestand Einigkeit unter den Teilnehmenden, dass zukünftig der bewusste Umgang mit Unsicherheit beziehungsweise ein kompetenterer Umgang mit Nichtwissen beim Management von Wäldern eine größere Beachtung finden muss. Weder der Klimawandel selbst, noch die Reaktion von Wäldern auf zunehmende Störungen seien aufgrund der Komplexität der Interaktionen im Einzelnen prognostizierbar. Dies mache eine Transformation des forstlichen Selbst- und Weltbildes und ein Abrücken von Kontroll- und Planungsparadigmen erforderlich. Förster und Försterinnen müssten vielmehr zu „kompetenten Begleitern des Unplanbaren“ werden.

Zur Bewältigung von Unsicherheit und Nichtwissen wurden Strategien wie experimentelles Handeln, Risikostreuung, schrittweises Vortasten, effektive Förderung von Lernprozessen, Ausbau von Netzwerken zwischen Wissenschaft und Praxis und eine stärkere Beachtung des Vorsichts- und Vorsorgeprinzips erörtert. Es wurde jedoch deutlich, dass hier weiterer grundsätzlicher Diskussions- und Forschungsbedarf besteht, welcher in einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs einzubetten sei.

Auch in Bezug auf viele konkrete Maßnahmen der Waldbewirtschaftung bestand teilweise große Übereinstimmung. So war man sich einig, dass ein Teil der aktuell und zukünftig entstehenden Kalamitätsflächen nicht mehr geräumt, sondern einer natürlichen Wiederbewaldung überlassen werden solle. Standardmäßige Räumungen, die vielfach sogar unter Hinnahme wirtschaftlicher Einbußen durchgeführt und aus öffentlichen Mitteln gefördert würden, erzeugten einen unnötigen Handlungsdruck und seien aus Gemeinwohlsicht nicht länger vertretbar. Störungen seien vielmehr als natürliche Prozesse zu begreifen, welche auch Chancen für die Biodiversität eröffneten, und in diesem Sinne zukünftig flexibler in die Bewirtschaftung integriert werden sollten. Die Notwendigkeit von konkreten Schwellenwerten für Flächenanteile, die vor allem für größere Betriebe nützlich sein könnten, wurde kontrovers diskutiert. Hingegen war man sich einig, dass die Pflicht zur Wiederbewaldung auf bis zu 15 Jahre gestreckt werden sollte, um natürlichen Prozessen mehr Zeit zu geben.

Konsens bestand auch darin, dass bei der Baumartenwahl zunächst das Potenzial der einheimischen Baumarten auszuschöpfen sei, bevor bei Pflanzungen auf „neue Baumarten“ zurückgegriffen werde. Zu diesen lägen bislang nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor und deren Risiko sei daher bislang kaum einschätzbar. Wiederholt wurde in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung angepasster Schalenwildbestände als Schlüsselfaktor für eine artenreiche Naturverjüngung hingewiesen.

Die Teilnehmenden der Veranstaltung sprachen sich mehrheitlich für eine Fortsetzung des Veranstaltungsformats aus und regten zusätzlich die Einrichtung einer dauerhaften Koordinierungsstelle für einen Runden Tisch „Waldanpassung“ aus Mitteln des Wald-Klima-Fonds an.

Die Vorträge der Tagung sollen in der BfN-Skriptenreihe veröffentlicht werden. Das BfN-Positionspapier „Wälder im Klimawandel“ kann über die Internet-Seite des BfN www.bfn.de/ueber-das-bfn/positionspapiere heruntergeladen werden.