Bundesamt für Naturschutz

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Tagungsdokumentation

Naturbewusstsein in Deutschland: Herausforderung für Kommunikation und Bildung

11. April bis 14. April 2011 an der Internationalen Naturschutzakademie Insel Vilm des Bundesamtes für Naturschutz

Informationen zur Tagung

Im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz wurden 2009 erstmalig umfassend Daten zum Naturbewusstsein in der deutschen Bevölkerung erhoben. Im Mittelpunkt der repräsentativen bundesweiten Befragung standen Fragen nach dem Naturverständnis, nach Naturerfahrung und Naturverbundenheit, der individuellen und gesellschaftlichen Wertschätzung von Natur und Naturschutz sowie speziell nach den Einstellungen zur biologischen Vielfalt und ihrer Erhaltung.

Die Tagung hatte eine vertiefte Diskussion der Ende 2010 veröffentlichten Ergebnisse und ihrer Konsequenzen für Kommunikation und Bildung zu Natur und biologischer Vielfalt zum Ziel. In Vorträgen und Arbeitsgruppen wurden u.a. folgende Fragestellungen aufgegriffen:

  • Welche Zielgruppen sollten in Zukunft (verstärkt) angesprochen werden?
  • Wie können naturferne Bevölkerungssegmente erreicht werden?
  • Welche Ansätze gibt es, um die häufig zwischen Wissen und Handeln klaffende Lücke zu schließen?
  • Wie lässt sich das komplexe Thema "Biodiversität" vermitteln?

Im Plenum und in den Arbeitsgruppen fand ein reger Austausch zu den aufgeworfenen Fragen statt. Es wurde u.a. darüber diskutiert, dass von vielen Akteuren bisher vor allem die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen angesprochen wird. Dies geschieht üblicherweise über Schulen und Kindertagesstätten. Im außerschulischen Bereich sind es vornehmlich Familien sowie Seniorinnen und Senioren, für die Angebote bereitgehalten werden. Erreicht werden damit überwiegend Menschen, die in der Regel eher den bildungsnahen Schichten zuzurechnen sind und ohnehin ein mehr oder weniger starkes Interesse an der Natur haben. Erfahrungen mit Angeboten für natur- und bildungsferne Zielgruppen gab es unter den Teilnehmenden kaum.
Von einem der Vortragenden wurde allerdings angemerkt, dass soziale Benachteiligung, die auch in geringeren Möglichkeiten der Naturerfahrung deutlich wird, vor allem ein politisch zu lösendes Problem sei. Die Möglichkeiten naturpädagogischer Arbeit dürften nicht überschätzt werden. Zudem müssten hierfür von Seiten der Politik die notwendigen materiellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Betont wurde, dass gerade in Bildungsprozessen die Ergebnisoffenheit zähle. Erfolgreich sei, wer bilde "ohne zu intendieren" oder zu moralisieren. Für den Bildungserfolg seien offene Gestaltungsräume wichtig. In den Diskussionen wurde neben der grundsätzlichen Zielgruppenfrage auch thematisiert, über welche Zugänge und Methoden (z. B. ortsnahe Räume für Naturerfahrung, Geocashing-Wettbewerbe, Kremserfahrten für Betriebe, Firmenaktionen und -spenden, Aktionen in Einkaufspassagen oder Badeparadiesen) bisher nicht oder wenig erreichte Gruppen angesprochen werden können und welche Rolle die Medien dabei spielen.

Bezogen auf die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Auswirkungen von Alltagshandeln und Konsum auf die natürlichen Ressourcen wurde die Berücksichtigung von Lebensereignissen und spezifischen Gefühls- bzw. Problemlagen empfohlen, da diese häufig einhergehen mit dem Aufbrechen konsumrelevanter Alltagsroutinen. Insbesondere alltagsnahe Themen, wie Ernährung, Gesundheit, Garten oder Erholung, wurden als geeignet betrachtet, um den Zusammenhang zwischen alltäglichem Konsum und seinen Auswirkungen auf Natur und biologische Vielfalt aufzuzeigen. Auch bei der Kommunikation zum Thema 'Biodiversität' allgemein sei es, so die Meinung vieler Teilnehmender, wichtig, Anküpfungspunkte im Alltag zu nutzen (z. B. Erholung, Genuss, Schutz durch Nutzung und Gesundheit). Notwendig sei es zudem, zu vereinfachen und nach Bildern und Metaphern zu suchen, mit denen die Bedeutung der biologischen Vielfalt transportiert werden könne (z. B. Kartenhaus, Konzert: Was bedeutet es, wenn bestimmte Instrumente fehlen?).

Ein weiteres Ergebnis der Diskussionen war, dass bei der Ausgestaltung von Bildungs- und Kommunikationsangeboten immer auf die Zielgruppenkompatibilität geachtet werden muss. Zu unterscheiden sei nicht nur zwischen jung und alt, bildungsfern und -nah, sondern auch zwischen verschiedenen Lebensstilsegmenten. Als gute Grundlage dafür wurde die Naturbewusstseinsstudie aus dem Jahr 2009 angesehen, da hier Unterschiede in den Einstellungen zwischen verschiedenen Lebensstilsegmenten bzw. sozialen Milieus herausgearbeitet wurden. Sollen Menschen mit Migrationshintergrund angesprochen werden, so ist nach Expertenmeinung eine kultursensible Kommunikation erforderlich. Notwendig seien oftmals eine persönliche Ansprache und die Einbindung von zielgruppenaffinen Multiplikatoren – was im Übrigen auch für viele soziale Milieus gilt. Eingefordert wurde mehr Mut in den Einrichtungen, über die anzusprechenden Zielgruppen nachzudenken, die bisherigen Wege der Kommunikation zu überprüfen und einfach auch einmal etwas Neues auszuprobieren ("einfach machen").


Präsentationen

Naturbewusstsein in Deutschland – Zielgruppen für Kommunikation und Bildung

Zentrale Ergebnisse der Naturbewusstseinsstudie 2009
Dr. Silke Kleinhückelkotten, ECOLOG-Institut, Hannover

Die Bedeutung von Naturerfahrung für psychische Entwicklung und Wohlbefinden
Prof. Dr. Ulrich Gebhard, Universität Hamburg

Naturbewusstsein von Menschen mit Migrationshintergrund

Einstellungen zur Natur in der türkeistämmigen Bevölkerung
Caner Aver, Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, Essen

Einstellungen zur Natur in der russlandstämmigen Bevölkerung
Dr. Galina Koptelzewa, Institut für Interkulturelle Kommunikation, Universität München

Neue Wege für neue Zielgruppen

Informelles Lernen zu Natur und biologischer Vielfalt
Peter Szekeres, natureConcept, Lüneburg

Förderung des Alltagshandelns zum Schutz von Natur und Biodiversität

Vom Wissen zum Handeln - Herausforderungen für Kommunikation und Bildung
PD Dr. habil. Immo Fritsche, Universität Jena

Kommunikation zur biologischen Vielfalt

Biodiversität: Kommunikation zu einem komplexen Thema
Dr. Maik Adomßent, Leuphana Universität Lüneburg


Ansprechpartner

Bundesamt für Naturschutz - Internationale Naturschutzakademie
Dr. Norbert Wiersbinski, Telefon: 038301/86-111

Bundesamt für Naturschutz Bonn
Elisabeth Schubert, Telefon: 0228/8491-1747

ECOLOG-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung, Hannover
Dr. Silke Kleinhückelkotten, Telefon: 0511/473915-13

 

Weitere Informationen zum Naturbewusstsein

Titelblatt Naturbewusstseinsstudie 2009