Bundesamt für Naturschutz

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Naturschutz, Artenschutz, Landwirtschaft, Biologische Vielfalt, Bundesprogramm

Gemeinsam Lebensraum für Blütenbestäuber schaffen und schützen

  • BfN-Präsidentin besucht zwei Projekte in Baden-Württemberg
  • Insektenvielfalt steigert Obstqualität
Obstbauer Erhard Karrer und Prof. Beate Jessel in der Apfelanlage (Foto: BfN)

Obstbauer Erhard Karrer und Prof. Beate Jessel in der Apfelanlage (Foto: BfN)

Gebänderte Pelzbiene auf Wundklee (Foto: BienABest)

Gebänderte Pelzbiene auf Wundklee (Foto: BienABest)

Bermatingen-Ahausen / Gailingen, 16. August 2018: In keinem anderen Lebensraum geht die Artenvielfalt in Deutschland so stark zurück wie in der Agrarlandschaft. Mit welchen Maßnahmen Blütenbestäuber geschützt werden können und wie beispielsweise Obstbaubetriebe davon direkt profitieren, das zeigen zwei Projekte im Bundesprogramm Biologische Vielfalt. In den beiden Vorhaben, die BfN-Präsidentin Beate Jessel heute gemeinsam mit den Beteiligten in der Nähe des Bodensees besichtigte, arbeiten Landwirte und Landwirtinnen mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Naturschutz zusammen, um Lebensräume für blütenbestäubende Insekten zu erhalten und neu zu schaffen. Die beiden Vorhaben werden mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert und inhaltlich vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) begleitet.

„Naturschutz und Landwirtschaft sind gemeinsam gefragt, wenn es darum geht, in der Agrarlandschaft ganz gezielt für Insekten Räume zu schaffen, in denen sie sowohl Nahrung als auch Nistgelegenheiten und Lebensraum finden“, sagte Prof. Beate Jessel bei dem Besuch einer Wildbienenweide in Obergailingen. „Blühwiesen mit einem breiten Spektrum einheimischer Wild- und Kulturpflanzen sollten wieder selbstverständlich in das Bild einer agrarwirtschaftlich geprägten Landschaft gehören, ebenso wie auf mehrere Jahre angelegte Brachen.“

In keinem anderen Lebensraum geht die Artenvielfalt in Deutschland so stark zurück wie in der Agrarlandschaft. In Bermatingen-Ahausen und in Gailingen engagieren sich die Besitzerinnen und Besitzer der Projektflächen deshalb gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Naturschutzverbänden und dem BfN, um diesem Trend etwas entgegenzusetzen – beispielsweise mit Hilfe von Blühstreifen, Wildbienenweiden, Nisthügeln für Wildbienen sowie Schulungsmaterialien, die für die Ausbildung von Wildbienensachverständigen erarbeitet werden.

Mit Erfolg: So konnte der Bioland-Obsthof Karrer in Bermatingen-Ahausen dank seiner Blühstreifen in der Apfelanlage die Anzahl der Nützlinge in seinen Obstanlagen steigern. „Durch die Blühstreifen hat sich die Insektenvielfalt in unseren Anlagen deutlich erhöht“, sagte Sprecher Erhard Karrer beim Besuch von BfN-Präsidentin Jessel im Bodenseekreis. Das zeigt sich nicht nur am zunehmenden Summen zwischen den Apfelbäumen: „Im letzten Jahr hatten wir nach dem Blütenfrost starken Blattlausbefall. Die Blühstreifen haben Nützlinge gefördert, die den Schaden in Grenzen hielten.“ Seit zwei Jahren läuft das Projekt „Potenziale und Praxisprogramm zur Erhöhung der ökologischen Vielfalt in Erwerbsobstanlagen und Streuobstwiesen“, das vom Bund mit insgesamt 4,9 Millionen Euro gefördert wird. Ziel ist es, die biologische Vielfalt in den traditionellen Obstbaugebieten Deutschlands langfristig zu steigern. Teilprojekte werden seit Juli 2016 auch in Südbaden, im Neckarraum, in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, an der Niederelbe / Altes Land und in Sachsen durchgeführt. Die sechs Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg und Sachsen beteiligen sich an der Förderung.

Begleitet von Vertreterinnen und Vertretern aus den Projekten sowie den Eigentümern der Flächen informierte sich Beate Jessel im Anschluss zudem auf den Flächen des Projekts „BienABest“ im Landkreis Konstanz über den aktuellen Stand des Vorhabens. Wildbienenweiden und Nisthügel für Wildbienen haben die Projektbeteiligten angelegt. „Erste Auswertungen zeigen, dass auch seltene Bienenarten dieses Nahrungsangebot nutzen. Ein Beispiel dafür ist die Gebänderte Pelzbiene (Anthophora aestivalis). Sie profitiert hier insbesondere vom Wiesen-Salbei“, sagte Projektkoordinator Hans Richard Schwenninger von der Universität Ulm vor einer der drei Wildbienenweiden, die im Oktober 2017 in Obergailingen ausgesät wurden. An insgesamt 20 Standorten auf Ackerflächen in Deutschland sind derartige BienABest-Wildbienenweiden mittlerweile zu finden. An jedem Standort wurden zudem Nisthügel für Wildbienenarten, die im Boden nisten, angelegt. Darüber hinaus sollen in dem Vorhaben unter anderem eine bestandsschonende Methode für die Erfassung von Wildbienen standardisiert werden. Der erste Entwurf einer VDI-Richtlinie wird derzeit diskutiert.

Eines ist den beiden Projekten „BienABest“ und „Erhöhung der ökologischen Vielfalt in Erwerbsobstanlagen und Streuobstwiesen“ gemeinsam: Sie zeigen, wie Landwirtschaft und Naturschutz voneinander profitieren können. Und sie bringen Akteure aus verschiedenen Bereichen zusammen: „Wir brauchen solche Kooperationen von (Land-)Wirtschaft, Naturschutz, Wissenschaft und Verbänden, um den Schutz der Bestäuber- und Artenvielfalt gemeinsam voranzubringen“, so BfN-Präsidentin Jessel. Die Förderung von Modellprojekten zum Schutz von Insekten und ihrer Artenvielfalt im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt ist ein wichtiger Baustein des „Aktionsprogramms Insektenschutz“, dessen Eckpunkte die Bundesregierung im Juni 2018 beschlossen hatte. Im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt des Bundesumweltministeriums ruft das BfN deshalb dazu auf, noch bis Januar 2019 Projektskizzen zum Schutz von Insekten und zur Förderung der Insektenvielfalt einzureichen. Weitere Informationen dazu unter: https://biologischevielfalt.bfn.de/insektenaufruf.html

Informationen zu „Potenziale und Praxisprogramm zur Erhöhung der ökologischen Vielfalt in Erwerbsobstanlagen und Streuobstwiesen“ (u. a. am Standort Bermatingen-Ahausen)

Auch in Obstanlagen gerät die biologische Vielfalt zunehmend unter Druck. Die Bestände von Vogel-, Insekten- und wildwachsenden Pflanzenarten in der Agrarlandschaft sinken; blütenbesuchenden Insekten fehlt deshalb immer häufiger die Nahrung. Obstanlagen können somit ein wichtiger Rückzugs-, Nahrungs- und Lebensraum sein – auch für spezialisierte Arten.

Im Rahmen des Verbundprojektes werden die Potenziale der Förderung der Biodiversität und der Ökosystemleistungen im Obstbau erhoben und Maßnahmen in enger Zusammenarbeit mit den Betrieben umgesetzt. Für drei Teilbereiche wurden jeweils moderne Managementverfahren entwickelt, um die Biodiversität in den Projektregionen zu steigern: den integrierten Erwerbsobstbau, den ökologischen Erwerbsobstbau sowie Streuobst-Junganlagen. Die Maßnahmen werden zunächst in Pilotbetrieben erprobt. Sie umfassen u.a. die Begrünung der Fahrgasse, das Pflanzen von Kleinsträuchern sowie das Anbringen von Nisthilfen. Erfolgreich erprobte Methoden sollen langfristig sowohl in die Ausbildung angehender Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter als auch in die Anbaurichtlinien von Öko- und integriertem Obstbau einfließen.

Der Wunsch, sich für die Biodiversität zu engagieren, entstand im Obstbau selbst. Die Obstbäuerinnen und Obstbauern haben die Maßnahmen gemeinsam mit Anbau- und Naturschutzexpertinnen und -experten entwickelt; sie agieren als Botschafter für den Naturschutz. Die Teilprojekte werden in großen Obstbauregionen Deutschlands durchgeführt: Bodenseeraum, Südbaden, Neckarraum, Rheinland-Pfalz, Südhessen und Nordrhein-Westfalen, Niederelbe / Altes Land und Sachsen. Dadurch wird eine hohe Flächenwirkung gewährleistet.

Das Vorhaben läuft von Juli 2016 bis Juli 2022 und wird mit insgesamt 4,9 Millionen Euro gefördert. Es wird von der Universität Hohenheim koordiniert; Verbundpartner sind unter anderem die Universität Bonn, der Landesverband Sächsisches Obst, der Obstbauversuchsring des Alten Landes e.V., Öko-Obstbau Norddeutschland Versuchs- und Beratungsring e.V. sowie das Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee. Weitere Informationen unter: https://biologischevielfalt.bfn.de/bundesprogramm/projekte/projektbeschreibungen/biologische-vielfalt-im-obstbau.html

Informationen zu „Standardisierte Erfassung von Wildbienen zur Evaluierung des Bestäuberpotenzials in der Agrarlandschaft (BienABest)“ (u. a. am Standort Obergailingen)

Von den in Deutschland vorkommenden 561 Wildbienenarten sind mehr als 40 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Das Projekt "BienABest" soll helfen, dem Rückgang des Bestands der Wildbienen Einhalt zu gebieten und die Bestäubungsleistung nachhaltig zu sichern. Ziel ist es, die Nahrungs- und Nisthabitate so zu optimieren, dass die Bestände gefährdeter und rückläufiger Wildbienenarten langfristig gesichert werden können. Gleichzeitig können dadurch auch andere blütenbesuchende Insekten sowie deren Räuber gefördert werden, sodass sich dieses Projekt zusätzlich positiv auf die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft auswirkt.

Um qualifizierte Aussagen über die Veränderungen der Wildbienenbestände treffen zu können und zur Überprüfung der wildbienenunterstützenden Maßnahmen werden im Projekt zudem standardisierte Erfassungsmethoden als Basis für ein systematisches Langzeitmonitoring für Wildbienen erarbeitet. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Entwicklung und Standardisierung eines Bestimmungsschlüssels, der eine bestandsschonende Felderfassung der Wildbienen ermöglicht. Viele Wildbienenarten können somit lebend bestimmt und anschließend wieder freigelassen werden. So sollen in Zukunft Aussagen über die Bestandsentwicklung getroffen werden können, ohne durch Entnahme die Populationen zu beeinträchtigen. Neben diesen Methoden sollen auch Schulungen zur Ausbildung von Wildbienensachverständigen erarbeitet und in VDI-Richtlinien festgeschrieben werden. Nur so ist es möglich auch in Zukunft Aussagen über die Bestandsentwicklung der Wildbienen und anderer Insektenarten zu treffen.

An den 20 verschiedenen BienABest-Standorten wurden auf Ackerflächen Wildbienenweiden aus gebietsheimischen Wildkräutern und einzelnen Kulturpflanzen angelegt. Dazu galt es zunächst, umfangreiche Bienen-Blüten-Besuchsdaten auszuwerten. Zur Verbesserung des Nistplatzangebots für die Mehrzahl der heimischen Wildbienenarten wurden im Rahmen des BienABest-Projekts zudem an jedem Standort Nisthügel errichtet.

Das Vorhaben läuft von Mai 2017 bis April 2023 und wird mit insgesamt 2,6 Millionen Euro gefördert. Verbundpartner des Projektes sind der Verein Deutscher Ingenieure e.V. (VDI) und die Universität Ulm. Weitere Informationen unter: https://www.bienabest.de

Bundesprogramm Biologische Vielfalt

Die Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) wird seit 2011 durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt unterstützt. Gefördert werden Vorhaben, denen im Rahmen der NBS eine gesamtstaatlich repräsentative Bedeutung zukommt oder die diese Strategie in besonders beispielhafter Weise umsetzen. Die geförderten Maßnahmen tragen dazu bei, den Rückgang der biologischen Vielfalt in Deutschland zu stoppen und mittel- bis langfristig in einen positiven Trend umzukehren. Sie dienen dem Schutz und der nachhaltigen Nutzung sowie der Entwicklung der biologischen Vielfalt und gehen über die rechtlich geforderten Standards hinaus. Akzeptanzbildende Maßnahmen der Information und Kommunikation tragen dazu bei, das gesellschaftliche Bewusstsein für die biologische Vielfalt zu stärken.
Weitere Informationen zum Bundesprogramm: www.biologischevielfalt.bfn.de/bundesprogramm.html


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Letzte Änderung: 06.09.2018

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