Bundesamt für Naturschutz

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Hoffnung für die Europäische Auster


Die Europäische Auster ist eine Schlüsselart, die im Meeresökosystem besondere Funktionen und eine Reihe wichtiger ökologischer Leistungen erbringt. Sie bildet artenreiche, biogene Riffe. Durch ihre hohe Filtrationsleistung verbessern sie die Wasserqualität in erheblichem Maße – allein eine einzelne Auster kann bis zu 240l Meerwasser pro Tag filtern. 

Die Europäische Auster war einst weit verbreitet in der deutschen Nordsee. Diese Austerngründe erstreckten sich über viele tausend Quadratkilometer von den tieferen Prielen des Wattenmeers über Helgoland bis weit in die Deutsche Bucht.

Fischer nutzten die Europäische Auster seit Jahrhunderten. Doch erst der seit etwa 1850 intensivierte und andauernde massive Fischereidruck führte im Laufe des 20. Jahrhunderts europaweit zu einem Zusammenbruch der natürlichen Austernbestände. In hoher Zahl wurden vor allem die großen Individuen als Speiseaustern entnommen. Die einstigen Riffstrukturen verschwanden.

Seit etwa Mitte der 1960er Jahre breitet sich ausgehend von Marikulturen an der deutschen Küste die auf den ersten Blick nicht leicht zu unterscheidende, nicht-heimische Pazifische Auster aus. Diese sehr fortpflanzungsstarke, invasive Art bildet Riffe überwiegend im Tidebereich.

Die Europäische Auster gilt dagegen in der deutschen Nordsee inzwischen als ausgestorben, selten findet man Überreste der einst großen Vorkommen. Die Austernart befindet sich daher auf der Liste bedrohter Arten und Lebensräume der Oslo-Paris Kommission und ist auch durch die EU-Habitatrichtlinie geschützt. Außerhalb deutscher Meeresgebiete stehen die letzten Restbestände von Austernbänken wegen ihrer hohen ökologischen Wertigkeit mittlerweile im Fokus europäischer Naturschutzbemühungen.

Auch die Abteilung Meeresnaturschutz des Bundesamtes für Naturschutz engagiert sich seit langem für den Schutz und die Erforschung der Europäischen Auster.

Henning von Nordheim (Statement 1)

Wir haben festgestellt durch historische Analysen, dass vor 150 Jahren eine riesige Austernbank der Europäischen Auster vor der deutschen Nordseeküste und den Niederlanden existiert hat, die einen ganz erheblichen Effekt auf das gesamte marine Ökosystem der Nordsee gehabt haben muss. Wir wollen in Teilen versuchen, diese Funktionen wieder herzustellen, indem wir an ausgewählten Flächen, primär in den deutschen Schutzgebieten, zum Beispiel im Borkum-Riffgrund, dieses Wiederansiedlungsprojekt durchführen und versprechen uns davon, dass es vor allen Dingen dazu führen wird, dass wir die Biodiversität von wirbellosen Organismen am Meeresgrund, aber auch vor allem den Bestand an Fischen oder die Fischproduktion damit sehr positiv beeinflussen können, und last not least auch die Funktion einer gigantischen Bio-Filteranlage im Meer, die dort mal bestanden hat, in Teilen wieder rekonstruieren können.

Das Bundesamt für Naturschutz startete 2016 mit dem Alfred-Wegener-Institut das umfangreiche Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben RESTORE – ein Projekt, in dem wichtige Vorarbeiten für einen Wiederaufbau der Bestände der Europäischen Auster in der deutschen Nordsee geleistet werden.

Zunächst suchte das Team nach geeigneten Wiederansiedlungsflächen in der Deutschen Bucht, in denen ehemals Austern durch historische Aufzeichnungen nachgewiesen wurden. Eine grundsätzliche Voraussetzung für einen Ansiedlungserfolg ist der zukünftige Ausschluss jeglicher Boden verändernder Aktivitäten, wie zum Beispiel bodenberührende Fanggeräte der Fischerei. Meeresschutzgebiete oder die fischereifrei zu haltenden Randbereiche von Offshore-Windparks sind solche geeigneten Gebiete.

Nach Erteilung der notwendigen Genehmigungen und einer FFH-Verträglichkeitsprüfung konnte es losgehen. Mit Hilfe alter Austernschalen erprobten die Forscherinnen und Forscher zunächst verschiedene Techniken für die Ansiedlungsversuche.

In der fischereifreien Kontrollzone eines Windparks vor Helgoland wurden die Käfigstrukturen und Haltesysteme getestet. Mit erfasst werden die hydrologischen Rahmenbedingungen und die Besiedlung alter Austern-Schalen durch andere Tier- und Pflanzenarten – notwendige Vorarbeiten für die späteren Ansiedlungsversuche mit kleinen Saataustern.

Bernadette Pogoda (Statement 1)

Im Prinzip haben wir es mit zwei großen Herausforderungen zu tun. Die eine ist eher fachlicher Natur, nämlich dass wir an ausreichend gesundes Saataustern-Material aus den europäischen Zuchtbetrieben herankommen und die zweite Herausforderung ist ganz klar die praktische Arbeit in den Offshore-Gebieten der Deutschen Bucht, also weit ab von der Küste entfernt sind wir dann von gutem Wetter abhängig in der Nordsee, mit Schiffen, mit Geräten und Tauchern zu arbeiten und das ist ´ne spannende Herausforderung, dass wir da alle Versuche und Versuchsaufbauten so abwickeln können wie wir es geplant haben.

Zu den Vorarbeiten gehören auch Experimente im Labor.

Hier analysieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das bestgeeignete Ansiedlungssubstrat für Austernlarven. Den unter Laborbedingungen gezogenen Larven wurden verschiedene Untergründe angeboten. Bevorzugt siedeln sich Austern auf Schalenmaterial der eigenen Art an und zementieren sich dort mit einem speziellen „Kitt“ fest. Sie wachsen aber auch auf Steinen und Schalen anderer Muschelarten. Es gilt nun herauszufinden, welcher Untergrund an den ausgewählten Standorten im Freiland für eine Besiedlung optimal ist. Möglicherweise muss vorhandenes Material vor Ort auch durch Austernschalen oder anderes Siedlungs-Substrat ergänzt werden.

Am Mikroskop zählen die Experten die winzig kleinen Austern auf den verschiedenen Materialien und vergleichen die Ergebnisse.

Bernadette Pogoda (Statement Ziele)

Im Rahmen von RESTORE leisten wir wichtige Vorarbeiten für ein später groß angelegtes Restorationsprogramm für die Europäische Auster in der deutschen Nordsee. Und dabei befassen wir uns jetzt mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, mit der Standortauswahl, mit den Umweltfaktoren an den verschiedenen Standorten und im Rahmen der Feldexperimente jetzt auch mit den Wachstumsraten der Tiere, mit dem Gesundheitszustand, um zu erfassen, ob die Tiere nach wie vor hier in der Nordsee gut an den Lebensraum angepasst sind.

Unter Berücksichtigung strenger Richtlinien wurdenunter den wenigen europäischen Zuchtbetrieben, die überhaupt europäische Austern produzieren, die nur wenige Millimeter großen Saataustern ausgewählt. Zur Hälterung und Aufzucht kommen diese Winzlinge an das Alfred-Wegener-Institut auf Helgoland, werden dort gefüttert und regelmäßig kontrolliert. Die Untersuchungen ermöglichen auch einen Überblick über die Sterblichkeitsrate, die in dieser Altersklasse noch recht hoch sein kann. Die jungen Saataustern werden mehrere Monate lang bis zu verschiedenen Größenklassen aufgezogen. Ab einer Größe von etwa 2 Millimeter können sie für die Feldexperimente nach draußen kommen.

Diese erfolgen seit Mai 2017 in der Kontrollzone des ausgewählten Offshore-Windparks bei Helgoland. Die in speziellen Körben aufgehängten Netzsäckchen mit Saataustern wurden in einer Tiefe von rund 25m ausgebracht.

Erste Erfolge zeigten sich trotz hoher Anfangs-Sterblichkeit schon nach drei Monaten - die verbliebenen Austern waren von 2 Millimeter auf etwa 2 Zentimeter, nach einem weiteren Monat Aufenthalt in der Nordsee auf rund 4 Zentimeter angewachsen.

Das ist ein großer erster Erfolg für das deutsche RESTORE-Projekt, das eingebunden ist in ein umfangreiches internationales Netzwerk von Projekten zur Wiederansiedlung und Wiedereinbürgerung der Europäischen Auster.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Institutionen, Universitäten und Behörden kooperieren europaweit inzwischen sehr eng. So wurde anlässlich eines vom Bundesamt für Naturschutz initiierten Workshops im November 2017 in Berlin die „Native Oyster Restoration Alliance“, kurz NORA gegründet. In diesem Netzwerk gemeinsam vertreten sind Naturschutzbehörden, Wissenschaft, Naturschutzverbände sowie Austernfarmer.

Langfristiges Ziel der Allianz: die einheimische Europäische Auster soll als ehemalige Schlüsselart wieder in der Nordsee und angrenzenden europäischen Meeren etabliert und ihre artenreichen Riffstrukturen wieder hergestellt werden.

Henning von Nordheim (Statement 2)

Die Europäische Auster ist als biogener Riffbildner ein besonders geschützter Lebensraumtyp nach den EU-Naturschutzrichtlinien und deshalb für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein Organismus, der im Fokus von Schutzbemühungen stehen sollte und tatsächlich auch erhöhte Aufmerksamkeit in letzter Zeit bekommt. Wir sehen die Kooperation mit den Nachbarstaaten, die zurzeit über das NORA-Projekt koordiniert wird, als ideale Ausgangsbasis, um einerseits Restbestände an Austern in Europa zu schützen, aber eben auch wieder Bestände wieder herzustellen, zum Beispiel durch Austausch von Saatmaterial; und von daher ist NORA jetzt auch in Umsetzung einer Vorgabe der Oslo-Paris-Konvention zum Schutz des Nord-Ost-Atlantik, wo auch die Auster in Fokus gestellt wird, ein ideales Forum um diese europäische Kooperation, unterstützt durch nationale Projekte wie RESTORE, voranzutreiben und hoffentlich dann ein Wiederaufbau in ganz Europa am Ende als Ergebnis zu haben.