Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Zerschneidung - Wiedervernetzung

Ausgangssituation

Neben dem flächenhaften Verlust von Lebensräumen, der Verinselung durch umgebende intensive Landnutzung sowie dem Verlust der Qualität der verbliebenen Flächen als nutzbarer Lebensraum ist die Zerschneidung von Habitaten und Lebensraumnetzen durch lineare Verkehrsinfrastrukturen (Bau und Betrieb) eine der bedeutsamsten Ursachen für die Gefährdung von Arten und deren Populationen (IUELL et al. 2003).

In Europa hat Frankreich mit 961.000 km gefolgt von Deutschland mit 688.243 km Straßenlänge das längste Verkehrsnetz. In den letzten zwanzig Jahren hat aber in Deutschland die Dichte des Verkehrsnetzes beständig zugenommen, so dass Deutschland derzeit das dichteste Verkehrsnetz in Europa hat:

Entwicklung der Dichte des Verkehrsnetzes in Deutschland
Jahr Bundes-autobahnen (km) Bundes-straßen (km) Landes-straßen (km) Kreis-straßen (km) Gemeinde-straßen (km) Summe (km) Netzdichte (km Straße/km² Fläche)
1996 11.143 41.770 86.503 89.188 395.400 624.104 1,7
2000 11.429 41.386 86.798 91.054 395.400 626.065 1,8
2005 12.037 41.246 86.868 91.430 395.400 626.981 1,8
2011 12.718 40.203 86.528 91.623 457.171 688.243 1,9

(Quelle: Der Elsner, Handbuch für Straßen- und Verkehrswesen: 1996, 2000, 2005, 2011)

Auch hat z.B. die Verkehrsstärke auf den Autobahnen von durchschnittlich 43.900 KfZ/d (1995) auf durchschnittlich 47.800 KfZ/d (2008) zugenommen. Die Gesamtverkehrsleistung des motorisierten Individualverkehrs betrug 2008 ca. 870.000.000 Mrd Pkm. Aus Verkehrssicherungsgründen wurde 2010 der Regelquerschnitt (RQ) für Bundesautobahnen von 29,0 auf 31,0m erweitert. Zusätzlich werden infolge der hohen und weiter steigenden Verkehrsdichten zahlreiche bestehende Autobahnen um 2 oder mehr Spuren erweitert.

Zunehmende Verkehrsnetzlänge, Verkehrsnetzdichte und Verkehrsstärke führen neben der direkten Beanspruchung von Flächen für den Neu- oder Ausbau von Straßen zu einer Zunahme der Barriere- und damit auch Isolationswirkungen auf die biologische Vielfalt.

Begriffsdefinitionen

Zerschneidung

Zerschneidung beschreibt die Unterbrechung zusammen hängender oder funktional miteinander in Verbindung stehender landschaftlicher Strukturen durch lineare Elemente technischer Infrastruktur.

Landschaftszerschneidung

Landschaftszerschneidung beschreibt die Zerschneidung der Fläche einer Region ohne die Qualität und Struktur/Ausstattung der Landschaft zu berücksichtigen. Die Landschaftszerschneidung wird durch den UMK Indikator UZVR (Unzerschnittene verkehrsarme Räume) und die effektive Maschenweite abgebildet.

Habitatzerschneidung

Habitatzerschneidung beschreibt die Zerschneidung von Habitaten und Lebensraumnetzen. Die Zerschneidung von Habitaten und Habitatnetzen wird durch den Indikator UFR (Unzerschnittene Funktionsräume) abgebildet.

Fragmentierung

Als Fragmentierung wird die Zergliederung von (naturnahen) Habitaten und Landschaftsteilen durch alle Formen technisch dominierter Raumnutzung (industrialisierte Land- und Forstwirtschaft, Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur etc.) bezeichnet.

Auswirkungen von Zerschneidung

  • die Überbauung von Habitaten
  • die Verkleinerung von Habitaten (auch durch Zunahme von ungünstigen Randeffekten)
  • die Veränderung von Habitatqualitäten durch Störung und Emissionen (Lärm, Licht und stoffliche Einträge)
  • die Isolation von Habitaten bzw. Populationen und damit einhergehend die Verminderung von deren Überlebensfähigkeit einschließlich der Verminderung der genetischen Vielfalt innerhalb von Populationen
  • die Unterbindung von Wanderbeziehungen (tageszeitlich, jahreszeitlich) und von Fernwanderwegen
  • die Unterbindung der Vektorfunktion und Lebensraumgestaltungsfunktion von Arten
  • die Erhöhung der Mortalität durch Verkehrstod.

Lebensraumnetze für Trockenlebensräume, Feuchtlebensräume, naturnahe Wälder und für große waldbewohnende Säugetiere

Lebensraumnetzwerke (auch Lebensraumnetze) sind Systeme von jeweils ähnlichen, räumlich benachbarten, besonders schutzwürdigen Lebensräumen, die potenziell in enger funktionaler Verbindung zueinander stehen. Im Rahmen von Eingriffsplanungen sollten die Netze vorrangig auf den strategischen Planungsebenen zur Berücksichtigung überörtlicher Bezüge eingesetzt werden.

Auf den nachgeordneten Planungsebenen können die Lebensraumnetze als wichtiger Anhaltspunkt für die Ableitung von Wiedervernetzungsmaßnahmen dienen. Für die Ableitung von konkreten Maßnahmen vor Ort sind im Einzelfall Kartierungen, immer aber die Analyse nach weiteren vorhandenen z.B. artenbezogenen oder landschaftsbezogenen Daten (die nicht älter als 5 Jahre sind) und Auswertungsergebnissen erforderlich sowie die Biotopverbundplanungen und soweit vorhanden die Wiedervernetzungskonzepte der Länder hinzuzuziehen. Siehe Linktipps rechte Spalte.

Konzeption - Wiedervernetzung von Lebensräumen im bestehenden Straßenverkehrsnetz

Um die biologische Vielfalt nachhaltig sichern zu können müssen Barrieren überwunden werden und Lebensräume wieder vernetzt werden. 

Unter Wiedervernetzung von Lebensräumen wird ein planvolles Zusammenspiel klassischer Elemente:

  • des Biotopverbunds,
  • planerischer Instrumente (Landschaftsplanung, Raumordnung, Flächennutzungsplanung) und
  • die gezielte Überwindung artifizieller Barrieren (z.B. Straßen)

verstanden. Im weitesten Sinn soll Wiedervernetzung die Leitidee
 Lebensraumkorridore für Mensch und Natur“ umsetzen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung und Weiterentwicklung einer nutzungsfähigen, lebendigen und lebenswerten Landschaft leisten. Wiedervernetzung ist nicht artenschutzzentriert, mit der Wiedervernetzung sollen wesentliche Ökosystemfunktionen gesichert werden, gleichwohl ist Kernelement die Sicherung von Populationen. 

Aufbauend auf diesem Konzept wurde das Bundesprogramm Wiedervernetzung entwickelt. Es wurde am 29. Februar 2012 vom Bundeskabinett beschlossen. Der Text des Bundesprogramms Wiedervernetzung ist abrufbar unter:

 Bundesprogramm Wiedervernetzung

Erhaltung von Vernetzungsbeziehungen bei Neu- und Ausbauplanungen

Bei der Neu- und Ausbauplanung von linearen Infrastrukturen (Straße, Eisenbahn, Kanäle) sind die bestehenden Vernetzungsbeziehungen so zu erhalten, dass Besiedelung und Wiederbesiedelung von Lebensräumen durch Populationen in ausreichender Anzahl und ausreichend oft stattfinden können. Hierfür müssen über verschiedene Planungsebenen sowohl die Vernetzungsbeziehungen und die Notwendigkeit von Maßnahmen nachgewiesen und ausreichend begründet werden. Eine wichtige Planungshilfe über die Beurteilung der Notwendigkeit von Wiedervernetzungsmaßnahmen sind die Lebensraumnetze für Trockenlebensräume, Feuchtlebensräume, naturnahen Waldlebensräume und die Lebensraumnetze für waldbewohnende, größere Säugetiere. Je nach betroffenen Lebensräumen und Arten können dann spezielle Maßnahmen geplant werden, die diese Vernetzungsbeziehungen erhalten. Hierzu zählen verschiedenste technische Möglichkeiten zur Überwindung von Straßen wie z.B. Grünbrücken oder Unterführungen.

Umsetzung

Technische Bauwerke wie z.B. Grünbrücken oder Unterführungen sind Maßnahmen mit denen bei erfolgreicher Einbindung in das landschaftliche Umfeld Lebensraumnetze erhalten oder wieder hergestellt werden können. Bei entsprechender baulicher Ausführung und Sicherung der Anlagen mit Zäunen senken diese Maßnahmen die Unfallhäufigkeit mit größeren Wirbeltieren wie z. B. Hirschen und tragen damit zur Verkehrssicherheit bei.

Je nach betroffener Art kann es erforderlich sein, im Umfeld von Querungshilfen zusätzlich Maßnahmen durchzuführen mit denen zunächst ihre Lebensräume aufgewertet werden. Dies hat zum Ziel Restpopulationen zu stabilisieren und ihre Ausbreitungswilligkeit und -fähigkeit zu fördern.

Veröffentlichungen

HÄNEL, K.; RECK, H.(2011): Bundesweite Prioritäten zur Wiedervernetzung von Ökosystemen: Die Überwindung straßenbedingter Barrieren. Ergebnisse des F+E -Vorhabens 3507 82 090 des Bundesamtes für Naturschutz. Naturschutz und Biologische Vielfalt 108. -Bonn Bad-Godesberg.

 

 

 

 


RECK, H.; HÄNEL; K.; JESSBERGER, J.; LORENZEN, D. (2008): UZVR, UVR + Biologische Vielfalt. Landschafts- und Zerschneidungsanalysen als Grundlage für die räumliche Umweltplanung. Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ökologiezentrum Fachabteilung Landschaftsökologie, Universität Kassel, Fachgebiet Ökologischer Standort- und Vegetationskunde, Bundesamt für Naturschutz. Naturschutz und Biologische Vielfalt 62. Bonn-Bad Godesberg.


(vergriffen)

RECK, H; HÄNEL, K.; BOETTCHER, M.; TILLMANN, J.; WINTER, A. (2005): Lebensraumkorridore für Mensch und Natur. Teil I Initiativskizze, Teil II Referate und Ergebnisse der Tagung "Lebensraumkorridore für Mensch und Natur" vom 27. und 28. November 2002 in Bonn-Röttgen, durchgeführt vom Deutschen Jagdschutz-Verband e.V. (DJV) in Zusammenarbeit mit dem Ökologiezentrum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Universität Kassel. Naturschutz und Biologische Vielfalt 17. -Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.

 

 Verbändevorhaben "Lebensraumkorridore für Mensch und Natur" -Initiativskizze (Grobkonzept) zur Entwicklung eines Netztes bundesweit bedeutsamer Lebensraumkorridore.

Karten Lebensraumnetze A0

Karten der Lebensraumnetze für GIS Anwender

Auf Anfrage können die den Karten zugrunde liegenden Fachdaten der Lebensraumnetzwerke können als GIS Datensätze zugesandt werden.

 naturschutzinformation @bfn.de

 

Letzte Änderung: 25.03.2014

 Artikel drucken