Bundesamt für Naturschutz

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Wildnisgebiete

Ausgangslage und Zielsetzungen:

Der Tagliamento in Italien ist einer der wenigen weitgehend unbeeinflussten Wildflüsse in Mitteleuropa.
Der Tagliamento in Italien

Ein zentrales Problemfeld aus Naturschutzsicht ist, dass natürliche dynamische Prozesse besonders seit dem Beginn der Industrialisierung und mit einem ganz besonderen Schub seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa systematisch aus der Landschaft verdrängt worden sind. Besonders augenfällig ist diese Entwick­lung an den Flüssen und Bächen. Aber auch in vielen anderen Landschaftstypen wird eine ungelenkte - d.h. von menschlichen Zielsetzungen und Zweckbestimmungen freie Entwicklung - heute kaum noch zugelassen. So sind die Meeresküsten weitgehend entweder eingedeicht oder mit sonstigen Küstenschutz­maß­nahmen versehen. Auch die als noch weitgehend ökologisch intakt angesehenen Waldökosysteme unterliegen nur in Aus­nahme­fällen einer natürlichen Entwicklungsdynamik. Ursprüngliche Wälder wiesen in ihrer Gesamtheit oder doch in wesentlichen Teilen in ihrer räumlichen und zeitlichen Struktur sowie mit ihren Lebensgemeinschaften einen anderen Charakter auf als die heutigen forstlich überprägten Wälder in Mitteleuropa.


Wildnisähnlicher Wald auf der Insel Vilm

Insgesamt kann man feststellen, dass es kaum Wildnisgebiete in Deutschland gibt, die als natürlich oder einer ungelenkten Entwicklung überlassen bezeichnet werden können. Natürliche Prozesse sind jedoch für viele Arten und Lebensräume besonders bedeutsam und somit ist ihr Schutz oder ihre Wiederzulassung ein wesentliches Ziel des Naturschutzes. Dies spiegelt sich z.B. im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wider und hier besonders im § 24 (Nationalparke), in dem dort der Schutz natürlicher Entwicklungen ausdrücklich als das zentrale Ziel für diesen Schutzgebietstyp fixiert ist.

Die  "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" (NBS) der Bundesregierung weist mehrere Ziele zur Wildnis auf. So soll sich die Natur bis 2020 wieder auf mindestens 2 % der Landfläche Deutschlands nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Dieses Ziel soll überwiegend durch großflächige Wildnisgebiete realisiert werden. Die Wildnisgebiete sollen zudem in den länderübergreifenden Biotopverbund integriert werden. Außerdem sollen sich bis 2020 auf 5 % der Waldfläche Wälder natürlich entwickeln können.

Die hohe Bedeutung des Themas Wildnis für den Naturschutz findet auch ihren Niederschlag in der  „Naturschutzoffensive 2020“ der Bundesumweltministerin vom Oktober 2015.


Wildnis und Wildnisgebiete - Versuch einer begrifflichen Klarstellung:

Wald mit Wildnischarakter auf der Insel Vilm.
Waldbestand mit Wildnischarakter auf der Insel Vilm.

Bei dem Begriff Wildnis ist man spontan geneigt, zunächst an aus­ge­dehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften zu denken, wie sie in Ansätzen in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. So hat sich denn auch dieser Begriff aus den Erfahrungen, dem Erleben der Urlandschaften der Neuen Welt im 18. und 19. Jahrhundert als Gegenpol zu den vertrauten Kulturlandschaften Mitteleuropas entwickelt. Die Ideen mündeten in einer regelrechten "Wilderness"-Bewegung in Nordamerika und führten dort beginnend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ausweisung der ersten Nationalparke. Dabei ist es selbst­verständlich, dass es sich bei Wildnis um eine "typisch menschliche Denkfigur" handelt, die nur im Kontrast zur vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft bewusst wahrgenommen werden kann.

Internationale Begriffsbestimmungen für Wildnis sind daher stark auf ursprüngliche (primäre) Wildnis zentriert. So definiert z.B. die Weltnaturschutzunion (IUCN) Wildnisgebiete wie folgt (EUROPARC Deutschland 2010: Richtlinien für die Anwendung der IUCN-Managementkategorien für Schutzgebiete):

„Schutzgebiete der Kategorie Ib [Wildnisgebiete i. e. S.] sind i. d. R. ausgedehnte ursprüngliche oder (nur) leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren; Schutz und Management dienen dazu, den natürlichen Zustand zu erhalten“

Auch auf europäischer Ebene liegt in diesem Zusammenhang der Fokus vor allem auf ursprünglicher Wildnis. Im Zusammenhang mit einer „Wilderness Strategy“ der Europäischen Union wurde von der  Wild Europe Initiative die folgende  “working definition“ erarbeitet:

 “A wilderness is an area governed by natural processes. It is composed of native habitats and species, and large enough for the effective ecological functioning of natural processes. It is unmodified or only slightly modified and without intrusive or extractive human activity, settlements, infrastructure or visual disturbance.”

Es ist jedoch völlig unbestritten, dass es zumindest in weiten Teilen Mitteleuropas und speziell in Deutschland heute insgesamt fast keine Bereiche mehr gibt, die der ursprünglichen Wildnis entsprechen. Somit können nur noch in Einzelfällen Reste von ursprünglicher Wildnis im engeren Sinne erhalten werden. Im Rahmen einer vom Bundesamt für Naturschutz veranstalteten Expertentagung wurde daher eine für Deutschland operable Begriffsdefinition für Wildnis erarbeitet:

„Wildnisgebiete  i. S. der NBS sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflusst Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.“


Umsetzung in Deutschland:

Wildnisentwicklung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz
 Königsbrücker Heide.
Wildnisentwicklung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Königsbrücker Heide.

Wildnisgebiete im Sinne der NBS existieren heutzutage hauptsächlich in Kernzonen von Nationalparken (vgl. § 24 Abs. 2 BNatSchG), auf Flächen des "Nationalen Naturerbes" und in einigen großen Naturschutzgebieten. Nach aktuellen Einschätzungen machen sie aktuell ca. 0,6 % der Landfläche aus. Es geht also darum, weitere Gebiete zu identifizieren, die für eine Wildnisentwicklung geeignet sind. Hierfür kommen insbesondere Wälder der öffentlichen Hand, Moorgebiete, Flussauen, Küstenabschnitte und Hochgebirgsregionen in Frage. Aber auch ehemalige militärische Liegenschaften und Bergbaufolgelandschaften können zu Wildnisgebieten werden. Anzustreben wäre dabei, zumindest einzelne Gebiete so groß (mehrere 1000 ha) zu gestalten, dass sich auch große Pflanzenfresser (z.B. Elch) und Beutegreifer (Wolf, Luchs) wieder ansiedeln und langfristig überleben können.

Mit der Übertragung großer Flächen des Nationalen Naturerbes an die Länder und Naturschutzeinrichtungen wie Verbände und Stiftungen leistet der Bund einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Wildnisziele aus der NBS. Neben dem Bund liegt ein wesentlicher Teil der Verantwortung für die Umsetzung bei den Ländern. Die Länder sind dabei mit der Entwicklung von Länderstrategien zur biologischen Viefalt und deren Umsetzung auf einem guten Weg.


Erhoffter Effekt:

In Teilen Deutschlands konnten sich bereits erfolgreich Wölfe wieder ansiedeln.
Wölfe

Als erhoffter Effekt von Wildnis(entwicklungs)gebieten sollen sich Landschaften einstellen, die möglichst das volle Spektrum der verschiedenen Entwicklungsstadien aufweisen. Das bedeutet, dass diese aus unterschiedlichen Sukzessionsstadien einschließlich kleinerer offener Bereiche bestehen. In diesen Landschaften sollen die vielfältigen natürlichen räumlich-dynamischen Prozesse weitestgehend ungestört ablaufen können. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass die Entwicklung und das Ergebnis nicht genau vorhersagbar sind.

Ergänzend können auch siedlungsnahe "Naturerlebnisgebiete" eingerichtet werden, die ebenfalls der ungelenkten Dynamik überlassen bleiben und somit zumindest in Teilen Wildnischarakter aufweisen. Solche Gebiete können einen Teil des Erholungsdrucks auf hochwertige Schutzgebiete abfangen, in dem sie gleichzeitig auch einer breiteren Erholungsnutzung zugänglich gemacht werden.


Beispielprojekte:

Wildnisgebiete der  "Stiftung Naturlandschaften Brandenburg"

 Wildnisgebiet "Döberitzer Heide" der Heinz Sielmann Stiftung

 "Königsbrücker Heide"

 "Hohe Schrecke"

 "Goitzsche-Wildnis" der BUND-Stiftung

in Österreich:  "Wildnisgebiet Dürrenstein"

in der Schweiz:  "Schweizerischer Nationalpark"

 

 

Aktuelle Hinweise

Titelseite BfN-Skripten 422

F+E -Bericht "Umsetzung des 2 % - Ziels für Wildnisgebiete aus der Nationalen Biodiversitätsstrategie. BfN- Skripten 422 (pdf-Datei, 5,2 MB)


 Finck, P., Klein, M. & Riecken, U. (2013)Wildnisgebiete in Deutschland - von der Vision zur Umsetzung. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Fachtagung des BfN vom 19. bis 21.11.2012 auf der Insel Vilm. - Natur und Landschaft 88 (8): 342-346.


Letzte Änderung: 03.02.2016

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