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Wildnisgebiete

Ausgangslage:

Der Tagliamento in Italien

Der Tagliamento in Italien ist einer der wenigen weitgehend unbeeinflussten Wildflüsse in Mitteleuropa.

Ein zentrales Problemfeld aus Naturschutzsicht ist, dass natürliche dynamische Prozesse besonders seit dem Beginn der Industrialisierung und mit einem ganz besonderen Schub seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa systematisch aus der Landschaft eliminiert worden sind. Besonders augenfällig ist diese Entwick­lung an den Flüssen und Bächen. Aber auch in vielen anderen Lebensraumtypen wird eine ungelenkte d.h. von menschlichen Zielsetzungen und Zweckbestimmungen freie Entwicklung heute kaum noch zugelassen. So sind die Meeresküsten weitgehend entweder eingedeicht oder mit sonstigen Küstenschutz­maß­nahmen versehen. Auch die als noch weitgehend ökologisch intakt angesehenen Waldökosysteme unterliegen nur in Aus­nahme­fällen einer natürlicher Entwicklungsdynamik. Ursprüngliche Wälder wiesen in ihrer Gesamtheit oder doch in wesentlichen Teilen in ihrer räumlichen und zeitlichen Struktur einen anderen Charakter auf als die heutigen forstlich überprägte Wälder in Mitteleuropa.

Insgesamt kann man feststellen, dass es kaum Wildnisgebiete in Deutschland gibt, die als natürlich oder einer ungelenkten Entwicklung überlassen bezeichnet werden können. Natürliche Prozesse sind jedoch für viele Arten und Lebensräume besonders bedeutsam und somit ist ihr Schutz oder ihre Wiederzulassung ein wesentliches Ziel des Naturschutzes. Dies spiegelt sich auch im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wider und hier besonders im § 24 (Nationalparke), in dem dort der Schutz natürlicher Entwicklungen ausdrücklich als das zentrale Ziel für diesen Schutzgebietstyp fixiert ist.



Wildnis und Wildnisgebiete - Versuch einer begrifflichen Klarstellung:

Waldbestand mit Wildnischarakter auf der Insel Vilm.

Wald mit Wildnischarakter auf der Insel Vilm.

Bei dem Begriff Wildnis ist man spontan geneigt, zunächst an aus­ge­dehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften zu denken, wie sie in Ansätzen in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. So hat sich denn auch dieser Begriff aus den Erfahrungen, dem Erleben der Urlandschaften der Neuen Welt im 18. und 19. Jahrhundert als Gegenpol zu den vertrauten Kulturlandschaften Mitteleuropas entwickelt. Die Ideen mündeten in einer regelrechten "Wilderness"-Bewegung in Nordamerika und führten dort beginnend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ausweisung der ersten Nationalparke. Dabei ist es selbst­verständlich, dass es sich bei Wildnis um eine "typische menschliche Denkfigur" handelt, die nur im Kontrast zur vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft bewusst wahrgenommen werden kann.

Vor diesem Hintergrund lassen sich "Wildnis" bzw. "Wildnisgebiete", die zur Bewahrung von ursprünglicher Wildnis dienen, wie folgt definieren (Textkasten 1):

Textkasten 1:

Definition Wildnis(gebiet) (In Anlehnung an die IUCN-Kategorie Ib)

Ausgedehntes ursprüngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt (inkl. der Spitzenprädatoren) aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren und dessen Schutz und Management dazu dienen, seinen ursprünglichen Charakter zu erhalten.

 

Es ist dabei jedoch völlig unbestritten, dass es zumindest in weiten Teilen Mitteleuropas und speziell in Deutschland heute insgesamt fast keine Bereiche mehr gibt, die der ursprünglichen Wildnis entsprechen. Somit können nur noch in Einzelfällen solche Reste von ursprünglicher Wildnis im engeren Sinne erhalten werden.

Notwendig und zielführender erscheint es daher, künftig Räume zur Verfügung zu stellen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Wildnisentwicklungsgebiete entstehen können, in denen (künftig) solche Prozesse wieder vermehrt ablaufen bzw. zugelassen werden sollen und auch können. Ein Definitions­vorschlag findet sich in Textkasten 2:

Textkasten 2:

Definition Wildnisentwicklungsgebiet (vgl. hierzu auch die Interpretation der IUCN Kategorie Ib durch IUCN WCPA und EUROPARC für Europa)

Unter Wildnisentwicklungsgebieten (als Zielkonzept des Naturschutzes) sollen möglichst großräumige Gebiete verstanden werden, deren ökologische Rahmenbedingungen (noch) geeignet sind oder soweit wiederhergestellt werden können, dass natürliche oder naturnahe Entwicklungsprozesse weiterhin oder zukünftig ablaufen können und in denen keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren.

 


Zielsetzungen aus Sicht des Naturschutzes:

Wildnisartiger Wald auf der Insel Vilm.

Die "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" der Bundesregierung sieht daher vor, bis zum Jahr 2020 auf mindestens 2 % der Landfläche Deutschlands Wildnis(entwicklungs)gebiete zu etablieren, in denen sich die Natur wieder nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelt. Dabei soll es sich überwiegend um großflächige Gebiete handeln. Die Wildnisgebiete sollen in den länderübergreifenden Biotopverbund integriert werden. Außerdem sieht die Strategie vor, dass sich bis 2020 auf 5 % der Waldfläche Wälder natürlich entwickeln können.

Die Diskussion darüber, ob und in welchem Umfang Flächen der natür­lichen Dynamik bzw. ungelenkten Entwicklung überlassen werden sollen, findet in Deutschland hauptsächlich im Zusam­men­hang mit den Nationalparken und den Flächen des "Nationalen Naturerbes" statt. Unterstützt wird diese Diskussion durch die ge­änderte Zielbestimmung dieser Schutz­gebietskategorie im novellierten Bundes­natur­schutz­gesetz (BNatSchG, § 24). Danach haben Nationalparke "zum Ziel, im überwiegenden Teil ihres Gebiets den möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik zu gewährleisten." (§ 24 (2)). Hier scheint es derzeit am ehesten möglich, größere Flächen mittel- bis langfristig in Richtung auf Wildnisgebiete im obigen Sinne zu entwickeln.

In Europa gibt es echte Wildnisgebiete nur noch in Teilen Fennoskandiens, Osteuropas und in (Hoch-)Gebirgslagen. In einigen europäischen Staaten wie den Niederlanden oder auch in Belgien (Flandern) kommt der Etablierung von Wildnisentwicklungsgebieten (dort oft auch als Naturgebiete bezeichnet) vielfach bereits eine zunehmende Bedeutung zu.


Umsetzung in Deutschland:

Wildnisentwicklung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Königsbrücker Heide.

Wildnisentwicklung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz
 Königsbrücker Heide.

Für die Entwicklung von Wildnisgebieten sollte eine repräsentative Auswahl unterschiedlicher Standorte und Ausgangssituationen ausgewählt werden. Neben den Nationalparken sind ehemalige Truppenübungsplätze und Bergbau­folgelandschaften, aber auch bestimmte Anteile und Typen der Wälder, der Binnengewässer (Seen, Fluss­auen), der Küsten, der Gebirge, der Niedermoore und Hochmoore hierfür geeignet. Anzustreben wäre dabei, zumindest einzelne Gebiete so groß (mehrere 1000 ha) zu gestalten, dass sich auch große Pflanzenfresser (z.B. Elch) und Beutegreifer (Wolf, Luchs) wieder ansiedeln und langfristig überleben können.


Erhoffter Effekt:

Wölfe

In Teilen Ostdeutschlands konnten sich bereits erfolgreich Wölfe wieder ansiedeln.

Als erhoffter Effekt von Wildnis(entwicklungs)gebieten sollen sich Landschaften einstellen, die möglichst das volle Spektrum der verschiedenen Entwicklungsstadien aufweisen. Das bedeutet, dass diese einerseits aus kleineren offenen und auch durchaus relativ intensiv von den vorhandenen Pflanzenfresser-Gemeinschaften genutzten Bereichen und andererseits überwiegend aus unterschiedlichen Sukzessionsstadien einschließlich der (natürlichen) Schlusswaldgesellschaften bestehen. In diesen Landschaften sollen die vielfältigen natürlichen räumlich-dynamischen Prozesse weitestgehend ungestört ablaufen können. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass die Entwicklung und das Ergebnis nicht genau vorhersagbar sind.

Ergänzend können auch siedlungsnahe "Naturerlebnisgebiete" eingerichtet werden, die ebenfalls der ungelenkten Dynamik überlassen bleiben und somit zumindest in Teilen Wildnischarakter aufweisen. Solche Gebiete können einen Teil des Erholungsdrucks auf hochwertige Schutzgebiete abfangen, in dem sie gleichzeitig auch einer breiteren Erholungsnutzung zugänglich gemacht werden.


Beispielprojekte:

 "Königsbrücker Heide"

 "Hutewaldentwicklung im Solling"

in den Niederlanden ... mehr , z.B.

 "Projekte der Stiftung Ark"

in Großbritannien z.B.

 "New Forest"

Letzte Änderung: 15.09.2010

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