Bundesamt für Naturschutz

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High Nature Value Farmland-Indikator - Ein Indikator für Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert in Deutschland

Hintergrund

Etwa die Hälfte der Fläche der Bundesrepublik Deutschland wird landwirtschaftlich genutzt. Die Landwirtschaft hat damit einen großen Einfluss auf die Entwicklung der biologischen Vielfalt und den Erhalt von Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes. Die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft hat seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts dazu geführt, dass extensiv genutzte Flächen und die damit verbundene Artenvielfalt einem drastischen Rückgang unterworfen sind. „Flächen mit hohem Naturwert“ (High nature value farmland; HNV-Farmland) sind  z.B. artenreiches Magergrünland, extensiv bewirtschaftete Äcker oder Weinberge sowie Brachen. Sie verfügen in der Regel nicht nur über eine höhere Artenvielfalt, sondern beherbergen auch seltenere und spezialisiertere Tier- und Pflanzenarten, welche in der intensiv genutzten Landschaft keine Überlebenschancen mehr haben. Auch die Agrarlandschaft strukturierende Landschaftselemente wie Gräben, Feldgehölze oder Trockenmauern, welche zusätzliche Lebensräume für viele Arten bieten, zählen zu den höherwertigen Agrarflächen. Im Sinne des Erhalts der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist es von großer Bedeutung, mit Hilfe von Förderinstrumenten Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert zu erhalten bzw. weiterzuentwickeln. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die HNV-Farmland-Flächenkulisse zu erfassen und deren Entwicklung über die Zeit zu beobachten. Dadurch können Erfolge und Misserfolge bei den Anstrengungen zur Verbesserung der Umweltsituation in der Landwirtschaft, die von den Ländern, dem Bund und der Europäischen Union unternommen werden, abgebildet werden. 


Foto: C. Hünig
Extensive Ackerfläche mit Klatschmohn- und Kornblumenaspekt

Im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik der EU wurde daher der High nature value farmland indicator (HNV-Farmland-Indikator) als einer der 35 EU-Indikatoren zur Integration von Umweltbelangen in die gemeinsame Agrarpolitik in das entsprechende Indikatorenset aufgenommen. Er ist einer von drei Biodiversitätsindikatoren innerhalb des Schwerpunkts 2 (Verbesserung der Umwelt und der Landschaft) im Set der zielorientierten Basisindikatoren der ELER-Durchführungs-Verordnung ( VO Nr. 1974/2006/EG, Anhang VIII). Weiterhin ist er Teil des  Indikatorensets der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt und des  Kernindikatorensets der Bundesländer (LIKI).

Der HNV-Farmland-Indikator muss als so genannter Pflichtindikator gemäß  VO 1698/2005/EG (ELER-Verordnung) von allen Mitgliedstaaten gegenüber der EU berichtet werden und ist zusätzlich auf Bundesebene im Rahmen der Berichtspflichten für den Nationalen Strategieplan darzustellen. Deutschland musste einen eigenen Ansatz zur Ausge­staltung dieses Indikators finden. Das BfN entwickelte daher in Abstimmung mit dem BMEL, dem BMUB und den Bundesländern die Konzeption für ein HNV-Farmland-Monitoring.

Konzeption

Foto: C. Hünig
Extensives Grünland mit Strukturelementen

Zunächst wurden im Rahmen eines ersten Forschungs- und Entwicklungsvorhaben (FuE-Vorhaben FKZ 3507 80 800) bundesweit verfügbare Datensätze mit Relevanz für den HNV-Farmland-Indikator recherchiert (Biotopdaten, Biotoptypenlisten usw.) und verglichen. Es stellte sich heraus, dass die vorhandenen Daten als Grundlage für die Berechnung des Indikators in Deutschland aufgrund ihrer Heterogenität und Unvollständigkeit nicht für die Unterfütterung eines HNV-Farmland-Indikators geeignet sind. Die vorliegenden Daten sind zum einen lückig - relevante Typen wie z. B. artenreiche Ackerflächen und Streuobstwiesen werden unzureichend erfasst - zum anderen erfolgt die Fortschreibung der Daten nur unregelmäßig und erlaubt somit keine regelmäßige Aktualisierung des Indikatorwertes.


Verteilung der Stichprobenflächen für das HNV-Farmland-Monitoring in Deutschland (Quellen: BfN 2013, Geobasisdaten: © GeoBasis-DE/BKG)
Karte der Verteilung der Stichprobenflächen für das HNV-Farmland-Monitoring in Deutschland (Quelle: BfN 2013, Geobasisdaten: © GeoBasis-DE/BKG)

Daher verständigten sich Bund und Länder darauf, einen neuen stichprobenbasierten Ansatz für ein deutschlandweit einheitliches HNV-Farmland-Monitoring zu nutzen. Hierfür wird das Stichprobendesign des  Monitorings häufiger Brutvogelarten in Deutschland, welches seit langem vom DDA verwendet wird, genutzt. Die Daten für den HNV Farmland-Indikator werden über die Kartierungen auf rund 900 Stichprobenflächen mit einer Größe von 1 km² erhoben.

Das BfN entwickelte in Abstimmung mit den Bundesländern das Erhebungskonzept für die Erstkartierung, welche 2009 von Bund und Ländern gemeinsam durchgeführt und vom BfN koordiniert wurde. Hierzu wurden die Offenlandstrukturen bestimmt, welche zu einem hohen Naturwert beitragen, und eine Differenzierung der HNV-Farmland-Elemente in drei Qualitätsstufen vorgenommen. So können flächige Landschaftsbestandteile wie z. B. Grünland, Reb- und Ackerland über einen hohen Naturwert verfügen, aber auch strukturierende Landschaftselemente wie Hecken, Gräben, Bachläufe etc. Zur Bewertung von Grünland, Ackerland, Brachen und Weinbergen wird ein Set von Pflanzenarten verwendet. Diese sogenannten Kennarten stellen Indikatoren für eine gewisse Mindestvielfalt bzw. extensive Nutzung dar. Für das Grünland liegen aufgrund seiner regional unterschiedlichen Ausprägung nach Regionen differenzierte Kennartenlisten vor. Die Bewertung der Flächen über das Kennartensystem erfolgt über eine Transektbegehung. Alle FFH -Lebensraumtypen und gesetzlich geschützte Biotope, stellen, soweit sie als Bestandteile der Agrarlandschaft aufgefasst werden, ebenfalls HNV-Farmland dar und werden analog der Einstufung des Erhaltungszustands bei FFH -Lebensraumtypen bewertet. Die Differenzierung in Qualitätsstufen erlaubt es, neben rein quantitativen Ergebnissen auch Informationen über den qualitativen Zustand der HNV-Farmland-Elemente bzw. deren Veränderungen zu erhalten. Es werden drei Qualitätsstufen unterschieden:

HNV 1 – äußerst hoher Naturwert

HNV 2 – sehr hoher Naturwert

HNV 3 – mäßig hoher Naturwert

Durchführung

Foto: Armin Benzler
Extensive montane Mähwiese

Die Bundesländer beauftragen erfahrene Kartierbüros mit der Kartierung der Stichprobenflächen ( Erfassungsanleitung als barrierefreie pdf-Datei, 10,3 MB). Im Jahr 2009 erfolgte eine deutschlandweite, vom Bund bezuschusste Ersterhebung.

Die schleswig-holsteinischen Stichproben wurden 2010 ersterfasst. Seither wird jährlich etwa ein Viertel der Stichprobenflächen in den Bundesländern kartiert, in manchen Ländern erfolgt alle zwei Jahre die Kartierung der Hälfte der Stichprobenkulisse. Insgesamt soll die gesamte Stichprobenkulisse alle vier Jahre einmal kartiert werden.

In der Zwischenzeit ist es aber möglich, den jeweiligen Wert als „gleitenden Mittelwert“ zu berechnen. Dabei wird die gesamte Stichprobenkulisse hochgerechnet, wobei die neu kartierten Flächen mit den neuen und die noch nicht neu kartierten Flächen mit ihren alten Kartierungsdaten in die Hochrechnung eingehen. Diese Vorgehensweise erlaubt es, der zweijährigen Berichtspflicht für den Indikatorwert nachzukommen.

Zur Qualitätsicherung führt das Bundesamt für Naturschutz regelmäßig Kartiererschulungen durch. Ziel ist es, deutschlandweit einheitliche Bedingungen bei den Kartierungen zu gewährleisten. Zum Qualitätsmanagement gehören noch weitere Maßnahmen, z.B. Kontrollkartierungen nach dem Stichprobenprinzip und fachlich-technische Prüfungen, welchen alle Kartier-Ergebnisse unterzogen werden. 

Die Hochrechnung der Kartier-Ergebnisse erfolgt auf Bundes- und auf Länderebene. Dabei wird der Schichtung der Stichprobe nach zwei Schichtungsmerkmalen (Bodenbedeckung/Landnutzung und standörtliche Bedingungen), die auch der Stichprobenziehung zugrunde liegen, Rechnung getragen. 

Die Hochrechnung und die Berechnung des Stichprobenfehlers folgen den Vorgaben eines  Gutachtens (pdf-Datei, 190 KB), welches von Prof. Dr. Saborowski von der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie (Abt. Ökoinformatik, Biometrie und Waldwachstum) der Georg-August-Universität Göttingen erstellt worden war.

Alle Schritte werden von einem jährlich zusammentreffenden Bund-/Länder-Fachgremium begleitet, um ggf. auftretende methodische Probleme diskutieren zu können und Erfahrungen auszutauschen. Die Koordination erfolgt durch das BfN.

Das Konzept erlaubt es, verschiedene methodische Veränderungen auch noch rückwirkend zu realisieren und anfängliche Fehleinschätzungen im Verlauf der Fortkartierung zu revidieren. Dadurch können die Zeitreihen auch bei nachträglichen Änderungen der Methodik bzw. der Bewertungskriterien  in sich konsistent berechnet werden.

Verschiedene Modifikationen an der Erhebungsmethodik und Präzisierungen der Kartiervorschriften erfolgten v.a. aufgrund der Erfahrungen aus der Erstkartierung. Die methodische Anpassung erfolgte, ohne dass die Vergleichbarkeit innerhalb der Zeitreihe eingeschränkt wird.  

Ergebnisse

Mit Stand vom Dezember 2013 liegen die Datenreihen der Gesamtkartierung 2009 und der kompletten Folgekartierungen 2010 bis 2013 vollständig vor. Daraus ergeben sich für die nationale Ebene zwei Datenpunkte mit folgenden, aus der Gesamtstichprobe hochgerechneten Werten (Anteil HNV-Farmland an der Landwirtschaftsfläche in Prozent und Absolutwert): 

Jahr HNV-Wert relativ Stichprobenfehler HNV-Wert absolut (ha)
2009 13,2 % ± 0,5 % 2.593.461
2013 11,8 % ± 0,5 % 2.312.363

Der HNV-Farmland-Anteil verteilt sich auf die Wertstufen, wie folgt:

* Datenstand 2013; Nordrhein-Westfalen 2012
Im Jahr 2009 betrug der HNV3-Anteil 6,3%, der HNV2-Anteil 4,5%, der HNV1-Anteil 2,3%. Im Jahr 2013 betrug der HNV3-Anteil 5,3%, der HNV2-Anteil 4,3% der HNV1-Anteil 2,2%.

Der Indikatorwert hat also deutlich abgenommen. In der schlechtesten Qualitätsstufe ist der stärkste Rückgang zu verzeichnen, während die Qualitätsstufe 1 auf niedrigem Niveau stagniert. Eine differenziertere Betrachtung der Erhebungsdaten ergibt, dass der Verlust an HNV-Farmland-Flächen vor allem auf Qualitätsverschlechterungen oder Rückgang bei Grünland, Acker und Brachen zurückzuführen ist, während bei den Landschaftselementen keine nennenswerten Veränderungen auftreten. Dies zeigt, dass die bisherigen Anstrengungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft nicht ausreichen, um eine Trendwende zu erreichen.

Ausblick

Es hat sich gezeigt, dass die praktizierte Methode auch im zweijährigen Turnus statistisch belastbare Ergebnisse liefert. Nach der Integration der Kartierdaten 2013 liegen nun zum Ende der Förderperiode zwei deutschlandweit vollständige und zuverlässige Datensätze für die Hochrechnung vor. Damit liefert der HNV-Farmland-Indikator auf ökonomische Weise solide Daten zum Zustand und zu Entwicklungen der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft, welche einen wichtigen Beitrag zur Evaluierung der europäischen Agrarpolitik leisten. 

Das Konzept bietet darüber hinaus jedoch weiteres Auswertungspotenzial, da die erhobenen Daten einen differenzierteren Blick ermöglichen. So lassen sich qualitative Veränderungen  innerhalb der HNV-Farmland-Kulisse feststellen, indem man die Qualitätsstufen in ihrer zeitlichen Dynamik getrennt betrachtet. Auch können Trends in der qualitativen Entwicklung einzelner HNV-Farmland-Typen wie Grünland, Brachen oder Feldgehölze über die Zeit beobachtet werden. Diese Auswertungsmöglichkeiten stoßen lediglich in denjenigen Fällen an Grenzen, in denen seltenere HNV-Farmland-Typen über das Stichprobenverfahren nicht in ausreichender Zahl erfasst werden können und damit die statistische Aussagekraft leidet.

In diesem Zusammenhang ist es begrüßenswert, dass die Bundesländer zunehmend dazu übergehen, die Zahl der Stichproben im jeweiligen Bundesland zu erhöhen. Das Gesamtkonzept sieht die Verdichtung der Stichprobenkulisse für weitergehende Aussagen auf Bundeslandebene ausdrücklich vor. Von der Verdichtung der Stichprobenkulisse profitieren Bund und Länder gleichermaßen, weil zum einen v.a. für die Länder die Auswertungsmöglichkeiten zunehmen und zum andern die sich verkleinernden Stichprobenfehler eine frühzeitigere Identifizierung von Trends erleichtern.  

Auch die Korrelation der HNV-Farmland-Daten mit anderen Datensätzen ist möglich und wird in verschiedenen Forschungsvorhaben bereits getestet.

Das HNV-Farmland-Monitoring bietet somit eine neue wertvolle Datenbasis und viel Potenzial für die verschiedensten Forschungsansätze und Fragen zur biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft.

Es ist vorgesehen, die HNV-Indikatorwerte zukünftig alle zwei Jahre für Bund und Länder hochzurechnen und zu berichten.

Literatur

  • Benzler, A. (2009): The implementation of the HNV farmland indicator in Germany. - Rural Evaluation News 2: 4-5.
  • Benzler, A. (2012): Measuring extent and quality of HNV farmland in Germany. - In: Oppermann,R.; Beaufoy,G.; Jones,G. (Eds.): High Nature Value Farming in Europe. S. 507-510. - Ubstadt-Weiher (Verlag Regionalkultur).
  • Benzler, A.; Fuchs, D. & Hünig, C. (2015): Methodik und erste Ergebnisse des Monitorings der Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert in Deutschland. Beleg für aktuelle Biodiversitätsverluste in der Agrarlandschaft. - Natur und Landschaft 90 (7): 309-316. 

Kontakt

Für weitere Fragen:

 Armin Benzler

Letzte Änderung: 18.03.2016

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