Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Die Lebensraumtypen und Arten (Schutzobjekte) der FFH- und Vogelschutzrichtlinie

Die Schutzgebiete des ökologischen Netzes Natura 2000 dienen im Wesentlichen dem Schutz der in den Anhängen I und II der FFH -Richtlinie aufgeführten Lebensraumtypen und Arten gemeinschaftlicher Bedeutung, sowie der in Anhang I der Vogelschutzrichtlinie genannten Vogelarten und weiteren regelmäßig auftretenden Zugvogelarten in den Mitgliedstaaten. Zudem sind die Tier- und Pflanzenarten gemeinschaftlichen Interesses des Anhangs IV der FFH -Richtlinie streng zu schützen. Bestimmte wirtschaftlich genutzte Arten wie z. B. die Arzneipflanze Arnika (Arnica montana) sind im Anhang V gelistet. Sie unterliegen Bestimmungen, die eine nachhaltige Nutzung ermöglichen und sichern sollen, ohne die Arten in ihrem Bestand zu gefährden.

Insgesamt sind 231 Lebensraumtypen (Anhang I, FFH -Richtlinie) und mehr als 1.000 Tier- und Pflanzenarten (Anhang II, IV, V) in den Anhängen der FFH -Richtlinie aufgelistet. Sie sind aufgrund ihrer europaweiten Gefährdung und Verbreitung als Arten und Lebensräume gemeinschaftlicher Bedeutung in die Anhänge aufgenommen worden. In Deutschland kommen davon  92 Lebensraumtypen des Anhangs I und insgesamt  281 heimische Tier- und Pflanzenarten, pdf-Datei der Anhänge II, IV und V vor. Sie verteilen sich mit 138 Arten auf Anhang II, 134 Arten auf Anhang IV sowie 103 Arten auf Anhang V. Einige Arten sind gleichzeitig auf verschiedenen Anhängen gelistet. Die Zahlen beinhalten auch die nach der Roten Liste Deutschland als ausgestorben oder verschollen geführten Arten. Hinzu kommen 11 Arten, die nur unbeständige bzw. nicht autochthone oder nicht eigenständige Vorkommen in Deutschland aufweisen.

Die Zusammenstellung der Anhänge I und II der FFH -Richtlinie differenziert nach prioritären (*) und nicht prioritären Arten und Lebensraumtypen. Diese Einstufung hat besonders strenge Schutzvorschriften im Falle von Eingriffen zur Folge (Art. 6 der FFH -Richtlinie).

Ziel der Vogelschutzrichtlinie ist der Erhalt aller im europäischen Gebiet der Mitgliedstaaten natürlicherweise vorkommenden Vogelarten, sowie die Gewährleistung eines für deren langfristiges Überleben ausreichenden Bestandes. BirdLife International (2004) gibt für Europa 524 regelmäßig auftretende Vogelarten an. Der Anhang I der Vogelschutzrichtlinie führt die besonders gefährdeten bzw. schutzwürdigen Arten auf und umfasst zurzeit 190 Arten bzw. Unterarten. In Deutschland kommen nahezu 100 Arten des Anhangs I der Vogelschutzrichtlinie vor. 244 aller in Europa heimischen Vogelarten sind nach Barthel & Helbig (2005) zudem derzeit regelmäßige Brutvögel in Deutschland.

Quellen:
BirdLife International (2004): Birds in Europe. Population estimates, trends and conservation status. Cambridge, U.K: BirdLife International. (BirdLife Conservation Series No. 12).
Barthel, P. H. & Helbig, A. J. (2005): Artenliste der Vögel Deutschlands. - Limicola 19(2): 89-111.


Beschreibung der Lebensraumtypen

Im  Interpretations-Handbuch der Europäischen Kommission werden die Lebensraumtypen des Anhang I der FFH -Richtlinie charakterisiert.

Die EU-Kommission hat den Ausdruck "natürlich" in der FFH -Richtlinie und dem Interpretations-Handbuch klargestellt. Demnach bezieht er sich nicht auf den Ursprung des Lebensraumtyps (primär im Gegensatz zu sekundär), sondern meint (halb-)natürliche Entwicklungsstadien (einschließlich sekundärer Habitate mit (halb-)natürlicher Entwicklung, wenn nicht ausdrücklich anders im Interpretations-Handbuch definiert). Der Begriff "natürlich" ist in einem weiten Sinne anzuwenden, wie ja auch alle sekundären, anthropogenen Habitate der extensiven Kulturlandschaft mit der Entwicklung von natürlicher oder halbnatürlicher Vegetation wie Wiesen, viele Heiden etc. auf Anhang I als "natürliche Habitate" aufgeführt sind.

Für die Gebietsauswahl für Lebensraumtypen der Klimax-Vegetation gibt es eine klare Präferenz für primäre natürliche Habitate, wenngleich eine repräsentative Gebietsauswahl auch sekundäre Gebiete mit einem halbnatürlichen Entwicklungsstadium umfassen sollte, wenn die gesamte geografische Ausdehnung des Lebensraumtyps nicht nur allein durch primäre Gebiete gesichert werden kann und/oder ein großer Anteil des Lebensraumtyps sekundären Ursprungs ist und die Sicherung der Kohärenz von Natura 2000 nur mit primären Gebieten allein nicht gewährleistet ist.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat eine Beschreibung der Lebensraumtypen, die die Vorkommen in Deutschland fokussiert, als BfN-Handbuch (Ssymank et al. 1998, siehe  Publikationen)veröffentlicht. Dort sind auch Verbreitungsübersichten der Lebensraumtypen in Deutschland abgedruckt.

Auszüge bezüglich der Interpretation und Abgrenzung der Lebensraumtypen in Deutschland aus diesem BfN-Handbuch, der gesonderten Veröffentlichung zu den marinen und Küsten-Lebensraumtypen (Balzer et al. 2002, siehe  Publikationen), sowie der Veröffentlichung der Beschreibung der neuen Lebensraumtypen im Zuge der Erweiterung der Europäischen Union 2004 (Balzer et al. 2004, siehe Publikationen) finden Sie unter  "Lebensraumtypen".


Aktualisierungen zum BfN-Handbuch

Bei einzelnen Lebensraumtypen wurden geringfügige Anpassungen in der Abgrenzung bzw. Interpretation z. B. durch Klarstellung seitens der EU-Kommission auf den gemeinschaftlichen Bewertungstreffen oder durch Änderungen am Interpretations-Handbuch im Zuge der Erweiterung der EU 2004 erforderlich.

Im Zuge der Novellierung der Anhänge I und II der FFH -Richtlinie (Richtlinie 97/62/EG) wurde nach Integration der 1995 neu beigetretenen Mitgliedsstaaten der  Lebensraumtyp 6240* Subkontinentales Steppen-Grasland neu aufgenommen. Dieser Lebensraumtyp besitzt in Deutschland Vorkommen. Im BfN-Handbuch wurde Lebensraumtyp 6240 noch als Subtyp 6211 unter dem Lebensraumtyp 6210 Trespen-Schwingel-Kalk-Trockenrasen behandelt (Verbreitungskarte, Abb. 68).

Nach neuesten Erkenntnissen kommt der Lebensraumtyp 9430 "Montaner und subalpiner Pinus uncinata-Wald (* auf Gips- und Kalksubstrat)" entgegen den Angaben im BfN-Handbuch in Deutschland nicht vor. Dies geht auf eine Festlegung der Kommission auf dem gemeinschaftlichen Bewertungstreffen für die alpine Region zurück, nachdem dort festgestellt wurde, dass die Mitgliedsstaaten das Interpretation Manual unterschiedlich verstanden hatten. Für Deutschland ergab sich daraus keine Veränderung der Gebietskulisse, da die betroffenen Gebiete wegen des Vorkommens anderer Lebensraumtypen und Arten ohnehin gemeldet werden mussten.

Ebenfalls kommt der Lebensraumtyp 8330 "Völlig oder teilweise unter Wasser liegende Meereshöhlen" nach neuesten Erkenntnissen entgegen den Angaben im FFH -Handbuch nach Expertenmeinung in Deutschland nicht vor. Für Deutschland ergibt sich daraus keine Veränderung der Gebietskulisse, da das betroffene Gebiet wegen der Vorkommen anderer Lebensraumtypen und Arten ohnehin gemeldet wurde.

Im Zuge des Beitritts der 10 neuen Mitgliedstaaten 2004 wurde das Interpretations-Handbuch angepasst. Eine der Änderungen mit Relevanz für Deutschland ist die Erweiterung der Definition des Lebensraumtyps 4070 "Buschvegetation mit Pinus mugo und Rhododendron hirsutum" auf Vorkommen auf silikatischen Böden.


Auswahl der Gebiete für Arten, Anhang II der FFH-Richtlinie

Die EU-Kommission hat die Kriterien zur Gebietsauswahl für die Arten des Anhangs II der FFH -Richtlinie auf den gemeinschaftlichen Bewertungstreffen konkretisiert bzw. durch die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe des Habitatausschusses konkretisieren lassen. So sollen die vorgeschlagenen Gebiete alle für den Jahres- und Lebenszyklus entscheidenden Teilhabitate der Arten enthalten.

Fische

Alle Süßwasserfischarten sind gewissermaßen Wanderfische. Die Wanderreichweiten variieren jedoch von Fischart zu Fischart.

Folgende Wandertypen können für die Anhang II-Fische unterschieden werden:

  • Laichwanderung (Bsp.: Das Europäische Flussneunauge, Lampetra fluviatilis, wandert von seinen marinen Nahrungshabitaten zu den Flussmündungen und dann weiter stromaufwärts um auf Kiesbänken in höheren Regionen zu laichen)
  • Larvale und juvenile Wanderungen (Bsp.: larvale und juvenile Tiere der Finte Alosa fallax wandern ihren Beuteorganismen folgend flussabwärts)
  • Nahrungswanderung (Bsp.: junge Lachse Salmo salar wandern flussabwärts Richtung Meer, um zu ihren Nahrungshabitaten zu gelangen)
  • Überwinterungswanderung (Bsp.: Leuciscus souffia wandert im Winter in Flüsse mit Tiefenzonen und im Frühjahr zurück in flachere Bäche)
  • Drift-Korrektur-Wanderung (Bsp.: Adulte Tiere der Groppe Cottus gobio werden von der Strömung flussabwärts verdriftet; später wandern sie flussaufwärts zurück in ihre ursprünglichen Gebiete)

Die Verweildauer während der Wanderungen durch größere Flüsse kann mehrere Tage, Wochen oder Monate betragen. Für diese Zeiten müssen geeignete Gebiete ausgewählt sein, die Mündungen kleinerer Nebenbäche, Altarme und Zufluchtsbereiche in niedrigem Wasser hinter Flussinseln umfassen. In einigen Fällen können abhängig von den Arten sogar Hafenbecken für die Gebietsauswahl geeignet sein. Ruheräume brauchen eine minimale Ausdehnung von 2-3 km flussabwärts zur Drift-Korrektur. Die Distanz zwischen den Ruheräumen sollte 10-20 km nicht übersteigen (in Abhängigkeit von den Bedürfnissen der verschiedenen Arten).

Die Gebietsauswahl muss alle lebensnotwendigen Habitatansprüche der Arten berücksichtigen, einschließlich der Bereiche, in denen sich die Arten längere Zeit aufhalten. Für Bereiche, durch die Fische relativ schnell hindurchwandern (von A nach B in wenigen Tagen), ist keine Gebietsauswahl notwendig.

Bei der Gebietsauswahl zu berücksichtigende Teilhabitate sind:

  • Laichgebiete
  • "Eier-Gebiete" (falls nicht identisch mit Laichgebieten; Bsp. Alosa fallax)
  • Larven-Habitate
  • Habitate juveniler Tiere
  • Nahrungshabitate
  • Überwinterungsgebiete
  • Ruheräume (bei Fernwanderungen adulter Tiere flussaufwärts oder juveniler Tiere flussabwärts)

Der oben beschriebene Ansatz sollte als Minimalforderung der Richtlinie betrachtet werden. Die Mitgliedstaaten sollten die Meldung ganzer Flusssysteme in Erwägung ziehen.

Fledermäuse

In einigen Fällen kann es notwendig sein als einzig bekannte Habitate Gebäude oder andere anthropogene Strukturen als Teil von Gebieten mit gemeinschaftlicher Bedeutung auszuweisen.

Letzte Änderung: 22.12.2015

 Artikel drucken