Bundesamt für Naturschutz

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Die Nutzung von Wildpflanzen und ihre Bedeutung

Weltweit werden ca. 30.000 Wildpflanzenarten für traditionelle und moderne Anwendungen in Medizin, Kosmetik, Tees, Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmitteln, Aromatherapie u.v.m. genutzt (Allkin et al. 2017). Der größte Teil dieser Pflanzenarten werden aus Besammlung der natürlichen Bestände (Wildsammlung) gewonnen (Mulliken & Inskipp 2006; Lubbe & Verpoorte 2011). In einer Vielzahl an Produkten des täglichen Bedarfs finden sich pflanzliche Inhaltsstoffe aus Wildbeständen. Erfolgt die Nutzung unkontrolliert oder über die Grenzen der Nachhaltigkeit hinaus, kann dies erhebliche Gefährdungspotentiale für die betroffenen Arten zur Folge haben.

In der wichtigen Gruppe der Medizinal- und Aroma-Pflanzen (MAP) ist die Wildsammlung besonders präsent. 11% der bisher durch die IUCN auf ihre globale Gefährdung hin bewerteten MAP-Arten sind vom Aussterben bedroht (Timoshyna et al. 2020). Nicht nachhaltige Sammelpraktiken, häufig in Kombination mit anderen Faktoren wie Habitatverlust oder Umweltänderungen gelten hierfür als Hauptverursacher.

Da nur etwa 3.000 MAP-Arten kultiviert werden, ist davon auszugehen, dass die Wildsammlung auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Beschaffung dieser Rohstoffe spielen wird. Der Wert der global gehandelten MAP-Produkte stieg in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich an und liegt bei mehreren Milliarden USD (World Health Organization (WHO) 2013; Jenkins et al. 2018; Allkin et al. 2017). Deutschland ist eines der wichtigsten Import- und Exportländer von MAP-Produkten und trägt damit eine globale Verantwortung für die nachhaltige Nutzung von wilden MAP-Arten. 

Die Bevölkerung in Entwicklungsländern ist für ihre Gesundheitsvorsorge in vielfältiger Weise auf MAP angewiesen (World Health Organization (WHO) 2013), für viele ländliche Gemeinschaften ist die Sammlung von und der Handel mit Wildpflanzen auch eine wichtige Einkommensquelle (Barata et al. 2016).

Der Erhalt und die Nachhaltigkeit in der Nutzung von wildwachsenden MAP sind von großer Bedeutung, damit diese für viele Belange wichtigen Ressourcen auch weiterhin für alle zur Verfügung stehen.

Nachhaltige Wildsammlung und internationale Standards

Industrie, Regierungen, lokale Gemeinschaften und indigene Völker, Zertifizierer*innen, Resourcenmanager*innen und Sammler*innen benötigen standardisierte Methoden für die Einschätzung der Nachhaltigkeit von Wildsammlung. Außerdem verlangen Konsument*innen nach nachhaltig und ethisch korrekt produzierten Produkten. Um dieser Nachfrage zu begegnen, wurde unter Mitwirkung des BfN der Internationale Standard für die nachhaltige Wildsammlung von Medizinal- und Aromapflanzen (International Standard for Sustainable Wild Collection of Medicinal and Aromatic Plants, ISSC-MAP) entwickelt und 2007 veröffentlicht (Medicinal Plant Specialist Group 2007, BfN-Skripten 195).

Der ISSC-MAP besteht aus sechs Prinzipien, 18 untergeordneten Kriterien und zahlreichen Indikatoren zur Verifizierung einer nachhaltigen Wildsammlung von MAP und bietet den Beteiligten in Sammlung, Management, Handel, Verarbeitung und Ver­kauf von MAP einen Leitfaden um die Bedingungen, unter denen eine nachhaltige Sammlung dieser Ressourcen stattfinden kann, zu verstehen und sie zu erfüllen. Seit Oktober 2008 ist der ISSC-MAP Bestandteil des von der FairWild Foundation geführten FairWild Standards (www.fairwild.org). Neben ökologischen Anforderungen beinhaltet der FairWild Standard umfassende FairTrade- und soziale Kriterien und liefert somit eine umfassende Anleitung für die Gute Praxis im Bereich Wildsammlung. Über das von der FairWild-Stiftung angebotene FairWild-Label ist auch eine Zertifizierung möglich. Der FairWild-Standard ist anwendbar auf wild gesammelte Pflanzen, Pilze, Flechten und deren Teile; vom Rohmaterial bis zum Endprodukt. Der Standard ist in unterschiedlichen Szenarien im Bereich nachhaltiges Management und nachhaltige Sammlung von Wildpflanzen einsetzbar.

Zusätzlich zur Veröffentlichung des ISSC-MAP (BfN-Skripten 195) stehen hier weitere Hintergundinformationen inkl. einer deutschsprachigen Version des Standards zur Verfügung. Des Weiteren finden Sie über folgenden Link den englischsprachigen Film „Healing Power from Nature“, der von WWF und TRAFFIC produziert und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wurde.

In den Jahren 2016 bis 2017 wurde in einem vom BfN geförderten Projekt der ISSC-MAP und in diesem Zuge auch der FairWild-Standard als seine wichtigste Umsetzung evaluiert. Es wurden verschiedene Implementierungen des ISSC-MAP und einzelner Bestandteile identifiziert und beschrieben, bzw. Auswirkungen auf andere Standards, Regelwerke und Initiativen untersucht und daraus allgemeine Aussagen zur Entwicklung und Implementierung von Nachhaltigkeitsstandards abgeleitet. Die Ergebnisse wurden von Kathe et al. (2013) in BfN-Skript 513 veröffentlicht.

CITES

Neben unabhängigen Standards und deren eigenständiger Umsetzung können auch weitere Faktoren für eine nachhaltige und naturverträgliche Nutzung von Medizinal- und Aroma-Pflanzen (MAP) wichtig sein. Die Gefährdung vieler MAP-Arten ist oft auf hohe Nachfragen auf dem Weltmarkt und exportgetriebene Übersammlung der Wildbestände zurückzuführen. Hier kann staatliche Handelsüberwachung im Rahmen der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) eine kritische Rolle spielen. Über 800 MAP-Arten sind in den Anhängen von CITES vertreten und unterliegen damit gesetzlichen Regulierungen bezüglich der Nachhaltigkeit der Produktion und des internationalen Handels mit entsprechenden Produkten.

Auf folgenden Seiten finden sich weitergehende Informationen zur Umsetzung von CITES in Deutschland:

CITES

Naturschutzfachliche Bewertung von Einfuhranträgen

Literatur

Allkin, Bob; Patmore, Kristina; Black, Nicholas; Booker, Anthony; Canteiro, Cátia; Dauncey, Elizabeth et al. (2017): Useful plants - Medicines. – In: K. J. Willis (Hrsg.): State of the World's Plants 2017. – Kew (Royal Botanic Gardens): 22-29.

Barata, Ana Maria; Rocha, Filomena; Lopes, Violeta & Carvalho, Ana Maria (2016): Conservation and sustainable uses of medicinal and aromatic plants genetic resources on the worldwide for human welfare. – In: Industrial Crops and Products 88: 8-11. DOI: 10.1016/j.indcrop.2016.02.035.

Jenkins, Martin; Timoshyna, Anastasiya & Cornthwaite, Marcus (2018): Wild At Home. Exploring the global harvest, trade and use of wild plant ingredients. – Cambridge (TRAFFIC International). – TRAFFIC Report: 42 S. – URL: www.traffic.org/site/assets/files/7339/wild-at-home.pdf (zuletzt aufgerufen am 23.3.2021).

Kathe, Wolfgang; Harter, David & Schippmann, Uwe (2013): Sustainability in Practice. Key Aspects, Opportunities and Challenges in Implementing a Standard for Sustainable Use of Natural Biological Resources. – Bonn (Bundesamt für Naturschutz). – BfN-Skripten 513: 39 S.

Lubbe, Andrea & Verpoorte, Robert (2011): Cultivation of medicinal and aromatic plants for specialty industrial materials. – In: Industrial Crops and Products 34 (1): 785-801. DOI: 10.1016/j.indcrop.2011.01.019.

Medicinal Plant Specialist Group (2007): International Standard for Sustainable Wild Collection of Medicinal and Aromatic Plants (ISSC-MAP). Version 1.0. – Bonn (Bundesamt für Naturschutz). – BfN-Skripten 195: 36 S.

Mulliken, Teresa & Inskipp, Carol (2006): Medicinal plants cultivation - scope, scale and diversity. – In: IFOAM (Hrsg.): Proceedings of the 1st IFOAM International Conference on Organic Wild Production. Unter Mitarbeit von Omkar Gopalakrishnan. Teslic, Bosnia & Herzegovina, 3rd-4th May 2006. – Bonn (International Federation of Organic Agriculture Movements, IFOAM): 23-27.

Timoshyna, Anastasiya; Ke, Zhang; Yang, Yuqi; Ling, Xu & Leaman, Danna (2020): The invisible trade. Wild plants and you in the times of COVID-19 and the essential journey towards sustainability. – Cambridge (TRAFFIC International): 12 S. – URL: www.traffic.org/site/assets/files/12955/covid-wild-at-home-final.pdf (zuletzt aufgerufen am 23.3.2021).

World Health Organization (WHO) (2013): WHO Traditional Medicine Strategy 2014 - 2023. – WHO (Genève): 76 S.

Letzte Änderung: 23.03.2021

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