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Bundesamt für Naturschutz

Wildnis

Wildnisgebiete sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.
Natürliche Waldentwicklung im Nationalpark Kellerwald. Foto: Peter Finck
Natürliche Waldentwicklung im Nationalpark Kellerwald

Natürliche Dynamik

Ein zentrales Problemfeld aus Naturschutzsicht ist, dass natürliche dynamische Prozesse besonders seit dem Beginn der Industrialisierung und mit einem ganz besonderen Schub seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa systematisch aus der Landschaft verdrängt worden sind. Besonders augenfällig ist diese Entwicklung an den Flüssen und Bächen. Aber auch in vielen anderen Landschaftstypen wird eine ungelenkte - d.h. von menschlichen Zielsetzungen und Zweckbestimmungen freie Entwicklung - heute kaum noch zugelassen. So sind die Meeresküsten weitgehend entweder eingedeicht oder mit sonstigen Küstenschutzmaßnahmen versehen. Auch die als noch weitgehend ökologisch intakt angesehenen Waldökosysteme unterliegen nur in Ausnahmefällen einer natürlichen Entwicklungsdynamik. Ursprüngliche Wälder wiesen in ihrer Gesamtheit oder doch in wesentlichen Teilen in ihrer räumlichen und zeitlichen Struktur sowie mit ihren Lebensgemeinschaften einen anderen Charakter auf als die heutigen forstlich überprägten Wälder in Mitteleuropa.

Wildnisziele Deutschland

Insgesamt kann man feststellen, dass es kaum Wildnisgebiete in Deutschland gibt, die als natürlich oder einer ungelenkten Entwicklung überlassen bezeichnet werden können. Natürliche Prozesse sind jedoch für viele Arten und Lebensräume besonders bedeutsam und somit ist ihr Schutz oder ihre Wiederzulassung ein wesentliches Ziel des Naturschutzes. Dies spiegelt sich auch im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wider z.B. im § 1 Absatz 1 und 2 und im § 24 (Nationalparke), in dem der Schutz natürlicher Entwicklungen ausdrücklich als das zentrale Ziel für diesen Schutzgebietstyp fixiert ist.

Die aktuelle "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" (NBS) der Bundesregierung weist mehrere Ziele zur Wildnis auf. So soll sich die Natur auf mindestens 2 % der Landfläche Deutschlands wieder nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Dieses Ziel soll überwiegend durch großflächige Wildnisgebiete realisiert werden. Die Wildnisgebiete sollen zudem in den länderübergreifenden Biotopverbund integriert werden. Außerdem sollen sich auf 5 % der Waldfläche Wälder natürlich entwickeln können.

Bedeutung von Wildnisgebieten

In Wildnis(entwicklungs)gebieten sollen vielfältige natürliche räumlich-dynamische Prozesse weitestgehend ungestört ablaufen können. Dadurch können Landschaften entstehen, die ein weites Spektrum an verschiedenen Entwicklungsstadien aufweisen. Das bedeutet, dass sie aus unterschiedlichen Sukzessionsstadien einschließlich kleinerer offener Bereiche bestehen. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass die Entwicklung und das Ergebnis nicht genau vorhersagbar sind.

Durch die natürliche Dynamik wird eine standorttypische biologische Vielfalt gefördert und gesichert. Insbesondere hier wird die natürliche Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen ermöglicht, was vor dem Hintergrund des Klimawandels immer mehr an Bedeutung gewinnt. Damit sind Wildnisgebiete sowohl Teil der Anpassungsstrategie gegenüber den Folgen des Klimawandels, als auch Baustein zur Minderung der Auswirkungen. Viele Lebensräume in Wildnisgebieten, wie intakte Moore und Auen, dienen als Kohlenstoffsenke. Weiterhin können die Erkenntnisse aus dem "Freilandlabor Wildnis" genutzt werden, um Anpassungsmaßnahmen abzuleiten.

Zu den vielfältigen Ökosystemleistungen, die Wildnisgebiete erbringen, zählt auch die Erfahrung von Wildnis. So spielen die Gebiete eine wichtige Rolle im Naturerleben und haben einen hohen Freizeit-, Erlebnis, und Erholungswert. Ergänzend zu Wildnisgebieten können auch siedlungsnahe "Naturerlebnisgebiete" eingerichtet werden, die ebenfalls der ungelenkten Dynamik überlassen bleiben und somit zumindest in Teilen Wildnischarakter aufweisen. So können die Erlebbarkeit und Zugänglichkeit gefördert werden, wobei der Erholungsdruck auf hochwertige Schutzgebiete vermindert wird. Daneben ergeben sich auch ethische Verpflichtungen gegenüber nachfolgenden Generationen und anderen Ländern im Hinblick auf die globale Gerechtigkeit im Naturschutz.

Definition von Wildnis

Wie ist der Begriff Wildnis definiert?

Bei dem Begriff Wildnis ist man spontan geneigt, zunächst an ausgedehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften zu denken, wie sie in Ansätzen in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. So hat sich denn auch dieser Begriff aus den Erfahrungen, dem Erleben der Urlandschaften der Neuen Welt im 18. und 19. Jahrhundert als Gegenpol zu den vertrauten Kulturlandschaften Mitteleuropas entwickelt. Die Ideen mündeten in einer regelrechten "Wilderness"-Bewegung in Nordamerika und führten dort beginnend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ausweisung der ersten Nationalparke. Dabei ist es selbstverständlich, dass es sich bei Wildnis um eine "typisch menschliche Denkfigur" handelt, die nur im Kontrast zur vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft bewusst wahrgenommen werden kann.

Internationale Begriffsbestimmungen für Wildnis sind stark auf ursprüngliche (primäre) Wildnis zentriert. So definiert z.B. die Weltnaturschutzunion (IUCN) Wildnisgebiete wie folgt (EUROPARC Deutschland 2010: Richtlinien für die Anwendung der IUCN-Managementkategorien für Schutzgebiete):

„Schutzgebiete der Kategorie Ib [Wildnisgebiete i. e. S.] sind i. d. R. ausgedehnte ursprüngliche oder (nur) leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren; Schutz und Management dienen dazu, den natürlichen Zustand zu erhalten“

Auch auf europäischer Ebene liegt in diesem Zusammenhang der Fokus vor allem auf ursprünglicher Wildnis. Im Zusammenhang mit einer „Wilderness Strategy“ der Europäischen Union wurde von der Wild Europe Initiative die folgende “working definition“ erarbeitet:

“A wilderness is an area governed by natural processes. It is composed of native habitats and species, and large enough for the effective ecological functioning of natural processes. It is unmodified or only slightly modified and without intrusive or extractive human activity, settlements, infrastructure or visual disturbance.”

Es ist unbestritten, dass es zumindest in weiten Teilen Mitteleuropas und speziell in Deutschland heute insgesamt fast keine Bereiche mehr gibt, die der ursprünglichen Wildnis entsprechen. Somit können nur noch in Einzelfällen Reste von ursprünglicher Wildnis im engeren Sinne erhalten werden. Im Rahmen einer vom Bundesamt für Naturschutz veranstalteten Expertentagung wurde daher eine für Deutschland operable Begriffsdefinition für Wildnis erarbeitet:

„Wildnisgebiete  i. S. der NBS sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.“

Für Wildnisgebiete im Sinne der NBS wird keine neue Schutzgebietskategorie angestrebt, sondern die Erlangung einer Zusatzqualifikation bzw. eines Prädikats. Damit Flächen übergreifend als Wildnisgebiete eingestuft werden können, wurde ein Kriterienset entwickelt. Dieses Kriterienset bezieht sich ausschließlich auf großflächige Wildnisgebiete als Beitrag für die Erreichung des 2 % - Wildnisziels im Sinne der NBS. Kleinere Flächen leisten ebenfalls einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung wichtiger Wildnisziele der NBS, insbesondere dem 5 % - Waldwildnisziel, und ergänzen das System großflächiger Wildnisgebiete im Sinne eines Biotopverbundes.  Unabhängig davon werden alle Kernzonen von Nationalparken sowie großflächige, zusammenhängende Kernzonen der Biosphärenreservate als Wildnisgebiet i. S. der NBS eingestuft.

Die Kriterien zur Auswahl von großflächigen Wildnisgebieten im Sinne des 2 %-Ziels der NBS wurden auf der Grundlage eines gutachterlichen Vorschlags von Europarc Deutschland e.V. vom Bundesamt für Naturschutz in Zusammenwirken mit der Fachabteilung im Bundesumweltministerium erarbeitet und mit den Länderfachbehörden für Naturschutz abgestimmt.

Wildnisgebiete in Deutschland

Wildnisgebiete im Sinne der NBS existieren heutzutage hauptsächlich in Kernzonen von Nationalparken (vgl. § 24 Abs. 2 BNatSchG), auf Flächen des "Nationalen Naturerbes" und in einigen großen Naturschutzgebieten. Nach aktuellen Einschätzungen machen sie aktuell ca. 0,6 % der Landfläche aus. Es geht also darum, weitere Gebiete zu identifizieren, die für eine Wildnisentwicklung geeignet sind. Hierfür kommen insbesondere Wälder der öffentlichen Hand, Moorgebiete, Flussauen, Küstenabschnitte und Hochgebirgsregionen in Frage. Aber auch ehemalige militärische Liegenschaften und Bergbaufolgelandschaften können zu Wildnisgebieten werden.

Mit der Übertragung großer Flächen des Nationalen Naturerbes an die Länder und Naturschutzeinrichtungen wie Verbände und Stiftungen leistet der Bund einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Wildnisziele aus der NBS. Neben dem Bund liegt ein wesentlicher Teil der Verantwortung für die Umsetzung bei den Ländern. Die Länder sind dabei mit der Entwicklung von Länderstrategien zur biologischen Vielfalt und deren Umsetzung auf einem guten Weg.

Förderung

Ein wesentliches Förderinstrument zur Entwicklung und Sicherung von Wildnisflächen stellt der Wildnisfonds dar. Mithilfe des seit 2019 etablierten Förderprogramms soll das Erreichen des 2 %-Wildnisziels unterstützt werden.

Der Wildnisfonds ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Mit seiner Betreuung ist der bundeseigene Projektträger ZUG gGmbH beauftragt. Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Internetseite der ZUG.

Ausgewählte Publikationen

BfN Schriften 599 - „WildnisArten“ Bedeutung von Prozessschutz- bzw. Wildnisgebieten für gefährdete Lebensgemeinschaften und Arten sowie für „Verantwortungsarten“

Gert Rosenthal, Angelika Meschede, Ewald Langer, Jens Sachteleben, Vincent Aljes, Julia Schenkenberger, Nils Stanik, Thomas van Elsen und Caroline Wandke
BfN-Schriften
2021
Die in der Kulturlandschaft selten gewordenen Habitatqualitäten von unzerschnittenen Wildnis- und Prozessschutzgebieten und die auf sie... mehr lesen

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Meike Schulz
FG II 2.3 Nationales Naturerbe, dynamische Systeme und Klimawandel
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Stefanie Heinze
FG II 2.3 Nationales Naturerbe, dynamische Systeme und Klimawandel
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