Bundesamt für Naturschutz

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Konzeptioneller Hintergrund

Generelle Überlegungen zu möglichen Alternativen

Geht man davon aus, dass die heutige Kulturlandschaft oder irgendeine historische Situation jeweils nur eine Momentaufnahme eines von den jeweiligen ökonomischen Rahmenbedingungen gesteuerten Entwicklungsprozessen in Raum und Zeit ist, dann wird es schwierig, eine konkrete Vorbildsituation der Landschaft zum naturschutzfachlichen Leitbild zu erklären.

Dies gilt vor allem deshalb, weil die ökonomischen, sozialen, aber auch die natürlichen Rahmenbedingungen ständiger Veränderung unterworfen sind. Zu nennen ist beispielsweise die flächenhafte Eutrophierung, die zu beobachtende Klimaveränderung oder die massiven Veränderungen des landschaftlichen Wasserhaushaltes. Diese Erkenntnisse implizieren ein hohes Maß an Kreativität und Flexibilität, wenn es darum geht, naturschutzfachliche Ziele, Konzepte und Maßnahmen abzuleiten, die einerseits den allgemeinen gesellschaftlichen Zielsetzungen des Naturschutzes gerecht werden sollen, andererseits jedoch auch umsetzbar bleiben müssen. Notwendig ist dabei eine starke Funktionsorientierung.

Aus diesen Überlegungen lässt sich der dargestellte konzeptionelle Ansatz für die künftige Entwicklung im Naturschutz ableiten.


Strukturdiagramm

War man bei bisherigen Leitbildern eher darum bemüht, einen wie auch immer definierten historischen Zustand durch Pflege oder "Renaturierung" wieder zu erreichen, sollten moderne Landschafts-Leitbilder konsequent auch die veränderten ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen berücksichtigen (FINCK et al. 1997). Die dadurch entwickelten Ziele müssen darauf abgestellt sein, die ursprünglichen Funktionen von Natur- und Kulturlandschaft wieder zu erreichen. Diese Ansätze sind "vorwärts gewandt" und führen somit zwangsläufig sowohl zu einer "Neuen Kulturlandschaft" wie auch zu einer "Neuen Wildnis" und sind durch entsprechend geeignete Konzepte in der Praxis zu realisieren. Sie bilden auch einen wichtigen Baustein für die Implemetierung eines Biotopverbundes.


Naturschutzfachliche Anforderungen

An alternative Konzepte des Naturschutzes für die Landschaftsentwicklung sind aus Sicht der Naturschutzpraxis folgende Anforderungen zu stellen:

  1. Sie müssen geeignet sein, die naturschutzfachlichen Zielsetzungen zu erreichen.
    Dabei geht es nicht nur um sektorale Einzelziele, sondern um die Umsetzung komplexer Leitbilder, die sich sowohl aus allgemeinen (§§ 1,2 BNatSchG), übergeordneten (Landschaftsprogramm, Landschaftsrahmenplanung usw.) und aus der konkreten Einzelfallbetrachtung abgeleiteten Zielen und Aufgabenstellungen herleiten müssen (vgl. z.B. FINCK et al. 1997). Zu den Zielen gehören im Zusammenhang mit der hier diskutierten Themenstellung u.a.: · der Erhalt wertvoller Offenlandökosysteme, · der Schutz von Arten und Artengemeinschaften, die auf dynamische Situationen bzw. Pionierstandorte angewiesen sind, · der Schutz von Arten und Artengemeinschaften, die auf Wald-Offenland-Übergänge spezialisiert sind, der Schutz von Arten und Artengemeinschaften, die besonntes Altholz besiedeln.
  2. Sie müssen aufgrund der gegebenen ökologischen Rahmenbedingungen realisierbar sein.
    Dieser Gesichtspunkt ist vor allem bei einer eher historisierenden Vorgehensweise von Bedeutung. Hier ist in jedem Fall zur Kenntnis zu nehmen, dass viele dieser Rahmenbedingungen so nachhaltigen anthropogenen Veränderungen unterzogen worden sind, dass manche Biotope als nicht oder kaum regenerierbar gelten müssen. Dies gilt beispielsweise für die Entwässerung von Hochmooren, den Ausbau und die Regulation der großen Ströme und die Eutrophierung der Landschaft.
  3. Sie müssen wirtschaftlich sein.
    Auch im Naturschutz spielt die Effizienz von Maßnahmen vor allem angesichts knapper Ressourcen eine besondere Rolle. Steuergelder müssen wirtschaftlich eingesetzt werden. Dies gilt jedoch um so mehr dann, wenn zur Erreichung der angestrebten Ziele land- und forstwirtschaftliche oder sonstige Bewirtschaftungen notwendig sind. Hier gilt es sowohl auf die allgemeinen ökonomischen Rahmenbedingungen als auch auf die geltende Förderpraxis Rücksicht zu nehmen. Andererseits ist es selbstverständlich auch dringend geboten, z.B. die Förderpraxis selbst im Sinne der anschließend zu diskutierenden Alternativen zu modifizieren. Da dies jedoch kaum im Rahmen konkreter Projekte möglich ist, soll hierauf nicht weiter eingegangen werden.
  4. Sie müssen Akzeptanz beim Naturschutz, bei politischen Entscheidungsträgern, betroffenen Nutzern und der Bevölkerung finden.
    Wobei es nicht um Akzeptanz um jeden Preis gehen kann: Grundvoraussetzung ist in jedem Fall, dass die Punkte 1.-3. erfüllt sind.

Alternative Konzepte

Folgende Alternativen zu traditionellen Ansätzen des Naturschutzes sind geeignet, die eben entwickelten Modelle in der Praxis umzusetzen:

Halboffene Weidelandschaft

Wildnisgebiete

Management durch massive Störungen

Insbesondere in den europäischen Nachbarländern sind vergleichbare Überlegungen bereits viel weiter fortgeschritten. Auch existieren dort bereits eine Reihe von Beispielprojekten. Diese wurden im März 2001 im Rahmen des vom Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit der Universität Lüneburg organisierte I. International Workshop on Pasture Landscapes and Nature Conservation auch dem deutschen Naturschutz bekannter gemacht.


Künftige Bedeutung alternativer Konzepte

Um nicht missverstanden zu werden: alternativ soll nicht im Sinne von "ersetzen", sondern von "ergänzen" verstanden werden. Das bedeutet konkret, dass von Seiten des Naturschutzes Entscheidungskonzepte entwickelt werden müssen, die unter Berücksichtigung bestehender Leitbilder und den im Einzelfall zur Verfügung stehenden Optionen eine optimale Auswahl treffen.

Letzte Änderung: 02.01.2006

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