Bundesamt für Naturschutz

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Auswirkungen auf die marine Lebensvielfalt


Auf der Meeresoberfläche treibendes Öl gefährdet besonders tauchende Seevögel wie die Trottellumme (Uria aalge, hier ein jüngeres Tier), wenn das Gefieder mit dem Öl in Berührung kommt und verklebt. Foto: Karsten Bergmann (lizenzfrei Pixabay)
Auf der Meeresoberfläche treibendes Öl gefährdet besonders tauchende Seevögel wie die Trottellumme (Uria aalge, hier ein jüngeres Tier), wenn das Gefieder mit dem Öl in Berührung kommt und verklebt. Foto: Karsten Bergmann (lizenzfrei Pixabay)

Vorerkundungen können marine Lebensvielfalt belasten

Der eigentlichen Förderaktivität gehen verschiedene Vorerkundungen voraus. So werden zunächst umfangreiche seismische Untersuchungen durchgeführt, um die Ausdehnung und den Aufbau der Lagerstätten zu erkunden. Mit sogenannten Airguns (Druckluftpulsern) werden in rascher Folge Schallwellen mit sehr hohen Pegeln ausgesendet – Reflektionen von den unterschiedlichen Schichten des Meeresuntergrundes geben Auskunft über Beschaffenheit der tieferen Schichten und somit möglicher Lagerstätten. Die einzelnen Druckluftpulser erzeugen dabei je nach Volumen unterschiedliche Schallpegel, deren Zusammenspiel zu einer Bündelung tieffrequenter Schallanteile nach unten führt. Hohe Anteile von Störgeräuschen werden auch bis in hohe Frequenzen emittiert und mit starken Schalldruckpegeln seitlich abgestrahlt. In der Öl- und Gasindustrie werden zwischen 12 und 48 Druckluftpulser gleichzeitig eingesetzt. Durch Überlagerung der Schallwellen der einzelnen Pulser verstärken sich die Schallpegel. In Anordnungen mit 24 Pulsern wurden kumulative Spitzenschalldruckpegel von bis zu 272 dB ermittelt. Zum Vergleich: der bei der Rammung von Offshore-Windkraftanlagen einzuhaltende Grenzwert zum Schutz der Schweinswale liegt für eine einmalige impulshafte Beschallung bei einer Schallenergie von ca. 164 dB re 1 µPa2s bzw. einem Schalldruckpegel von 200 dB re 1 µPap-p.

Vor allem Schweinswale, aber auch andere Meeressäugetiere und selbst Fische können daher durch den Impulsschall seismischer Untersuchungen erheblich beeinträchtigt werden. Die negativen Auswirkungen auf Schweinswale reichen von Störung und Vertreibung über Maskierung der innerartlichen Kommunikation oder der Echolokation bei der Nahrungssuche bis hin zu Schädigungen des Gehörs.

Neben kontinuierlichen Schalleinträgen z.B. durch Schiffsverkehr sowie den Impulsschalleinträgen beim Bau von Plattformen (Öl-, Gas-, Offshore-Windkraft) gehören seismische Untersuchungen zu den stärksten anthropogenen Belastungen der Meere mit Unterwasserschall.


Schweinswale (Phocoena phocoena), hier mit Jungtier, können durch die massiven Schalleinträge bei seismischen Untersuchungen vertrieben werden, gerade für Jung- und Muttertier bedeutet das den Verlust wichtiger Ruhe- und Nahrungszeiten. Foto: Sven Gust
Schweinswale (Phocoena phocoena), hier mit Jungtier, können durch die massiven Schalleinträge bei seismischen Untersuchungen vertrieben werden, gerade für Jung- und Muttertier bedeutet das den Verlust wichtiger Ruhe- und Nahrungszeiten. Foto: Sven Gust

Seismische Untersuchungen in den NSG der deutschen AWZ möglich

Auch in den Naturschutzgebieten (NSG) in der deutschen AWZ der Nordsee wurden in der Vergangenheit solche seismischen Untersuchungen durchgeführt. Für das NSG Sylter Außenriff / Östliche Deutsche Bucht sind die Konzessionen zur Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen inzwischen erloschen. Für die NSG Doggerbank und Borkum Riffgrund bestehen noch Konzessionen zur Exploration für die dortigen Erdgasfelder, in den dort ausgewiesenen Erlaubnisfeldern für die Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen. Daher ist hier mit weiteren Anträgen für seismische Erkundungen zu rechnen.
Nähere Informationen finden sich in den Gebietsbeschreibungen, Skript 477.

Auch Erkundungs-bohrungen können problematisch sein

Nach den seismischen Untersuchungen zur Erkundung von neuen Lagerstätten oder auch in bekannten Lagerstätten erfolgen vielfach weitere Erkundungsbohrungen. Die Bohrungen erfolgen mittels mobiler oder fester Förderplattformen, wobei wasser- oder ölbasierte Bohrspülungen zum Einsatz kommen. Bei wasserbasierten Methoden werden das Bohrklein und das Spülwasser wieder im Meer entsorgt (wobei Grenzwerte einzuhalten sind, allerdings können darin auch kleinste Ölrückstände enthalten sein). Bei den ölbasierten Verfahren werden Bohrklein und Spülwasser aus Umweltschutzgründen an Land entsorgt.

Durch die Rammungen der Führungsrohre (Konduktoren) entstehen starke Schallemissionen, die weiträumige Auswirkungen auf Meeressäugetiere haben können (siehe oben).

Eine Vertreibung von Meeressäugetieren, Fischen und Vögeln ist durch die Arbeitsschiffe und die genannten Schallbelastungen ebenso möglich.

Förderung ist immer mit Risiken behaftet

Die Gewinnung von Erdöl und Erdgas erfolgt von fest installierten Produktionsplattformen aus, der Abtransport mittels Rohrleitungen oder Schiffen. Im Normalbetrieb fällt auf Produktionsplattformen eine Reihe von Schadstoffen an (Öl, Chemikalien, natürlich vorkommende radioaktive Substanzen), die zusammen mit dem Produktionswasser und dem Bohrgut kontinuierlich ins Meer entsorgt werden (dürfen) (s. Gebietsbeschreibung Nordsee, Skript 477).

Im Jahr 2012 enthielt das in die gesamte Nordsee eingeleitete Produktionswasser insgesamt 4.052 t Öl (OSPAR Commission 2014).

Ölrückstände schwimmen zunächst auf der Wasseroberfläche, verklumpen aber auch und sinken zu Boden, wo sie die Lebensgemeinschaft der Bodenlebenwesen beeinträchtigen. Die Schadstoffe, radioaktiven Substanzen und Bestandteile des Öls reichern sich in der Nahrungskette an und wirken sich so negativ auf das gesamte ökologische Gleichgewicht der Meereslebensräume aus.


Schon kleinere Ölverschmutzungen können Seevögeln wie dieser Eiderente (Somateria mollissima) das Gefieder verkleben. Foto: Sven-Erik Arndt
Schon kleinere Ölverschmutzungen können Seevögeln wie dieser Eiderente (Somateria mollissima) das Gefieder verkleben. Foto: Sven-Erik Arndt
In nahezu jedem Spülsaum entlang der Küste finden sich Ölklumpen, ob aus dem Schiffsverkehr oder aus Rückständen der Ölförderung. Foto: (lizenzfrei, Pixabay)
In nahezu jedem Spülsaum entlang der Küste finden sich Ölklumpen, ob aus dem Schiffsverkehr oder aus Rückständen der Ölförderung. Foto: (lizenzfrei, Pixabay)

Im Rahmen des Trilateralen Wattenmeer-Monitoring-Programms erfolgt seit vielen Jahren ein Spülsaum-Monitoring an der Wattenmeerküste. Hierbei werden auch Totfunde von Seevögeln mit Ölverschmutzungen untersucht und die Ölrückstände sowie deren Herkunft bestimmt. Die Ergebnisse fließen in den Qualitäts-Zustandsbericht zum Wattenmeer ein (Wadden Sea Quality Status Report).

Obgleich die Haupt-Öleinträge aus dem Schiffsverkehr stammen, tragen auch Ölunfälle und die Rückstände aus der Ölförderung zur chronischen Ölverschmutzung der Nordsee bei. Vor allem Arten, die auf hoher See überwintern, wie z.B. die Trottellumme, sind hier besonders gefährdet, wie die Ergebnisse aus dem Monitoring-Programm zeigen. Obwohl die Verölungsrate von Seevögeln kontinuierlich sinkt, sind die Ökologischen Qualitätsziele der OSPAR (OSPAR Ecological Quality Objectives EcoQO) noch nicht überall erreicht, insbesondere bei der Trottellumme noch nicht.

Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen zur Unfallverhütung in den letzten Jahren stetig verbessert wurden, bleiben nach wie vor Risiken von Leckagen oder gar eines Ölunfalls an den Bohrinseln, Pipelines oder Transportschiffen bestehen. Die Auswirkungen eines Ölunfalls wären gravierend für alle Meeresorganismen.


Ölfilm nach einem Ölunfall. Foto: Dennis Larsen (lizenzfrei, pixabay)
Ölfilm nach einem Ölunfall. Foto: Dennis Larsen (lizenzfrei, pixabay)

Selbst das Abfackeln von anfallenden, nicht nutzbaren Gasen kann sich negativ auf die Biodiversität auswirken: der Lichtschein der „Fackel“ kann bei schlechter Sicht oder bei Nacht für Zugvögel einen Anlockeffekt haben. Dies könnte bei Massenzugereignissen zu Beeinträchtigungen führen, wenn die Vögel möglicherweise mit den Bohranlagen kollidieren.