Bundesamt für Naturschutz

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Perspektivwechsel: Die Bedeutung der biologischen Vielfalt für urbane, sozialökonomisch benachteiligte Milieus und deren Lebensqualität

Hintergrund

„Ich hab hauptsächlich Natur fotografiert, weil ich Leipzig mag, weil das so viel Natur hat.“ (© Stiftung Naturschutzgeschichte)
Das Foto zeigt eine Seen oder Flusslandschaft in der Abenddämmerung.Im Hintergrund liegt die Stadt Leipzig.

Die Naturbewusstseinsstudien zeigen seit Jahren bei dem zentralen Indikator „Bewusstsein für biologische Vielfalt“ sehr markante Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Milieus. Während beispielsweise 2017 das ‚liberal-intellektuelle Milieu‘ einen Wert von 43% aufwies, betrug dieser im Milieu der ‚Prekären‘ nur 11%. Dies scheint die Einschätzung zu unterstützen, wonach sich sozial benachteiligte und bildungsferne Menschen durch eine Naturferne auszeichnen. Warum findet die Erhaltung der biologischen Vielfalt in diesen Kreisen aber nur so wenig Unterstützung? Warum erreicht Naturschutz diese Menschen überhaupt nur unzureichend? Ist dieser Zustand in Stein gemeißelt?

Das Projekt

„Natur ist super, ist ach, perfekt.“ (© Stiftung Naturschutzgeschichte)
Auf dem Foto sieht man ein taubehangenes Spinnennetz, dass in einem Strauch hängt.

Aus der historischen Forschung ist bekannt, dass Menschen jenseits der klassischen Naturschutzklientel anders angesprochen werden sollten. Dies wirft die Frage auf, ob unterbreitete Angebote den Bedürfnissen des Zielpublikums entsprechen. Davon ausgehend entstand das Konzept „Perspektivwechsel“: Bevor man Angebote unterbreitet, ist es ratsam, die Perspektive zu wechseln und zunächst einmal die potenzielle Nachfrage zu ergründen. Welche Bedürfnisse nach Naturerleben und -erfahrung liegen vor? Wo halten sich sozial benachteiligte Menschen in der Natur auf? Wie gehen sie mit der Natur um? Sind die biologische Vielfalt und deren Schutz oder das Insektensterben für ihr Leben relevant?

Ein interdisziplinär zusammengesetztes Team aus  den Sozialwissenschaften und der Biologie ist in den letzten drei Jahren im Rahmen einer qualitativen Studie diesen Fragen nachgegangen. In sozioökonomisch benachteiligten Quartieren der Städte Gelsenkirchen, Leipzig und Köln suchte das Team den Austausch mit Menschen in prekären Lebensverhältnissen. Eine zum Team gehörende Sozialarbeiterin vermittelte die Kontakte in die Stadtteile. Bei ersten vorbereitenden Gesprächen wurde Skepsis geäußert, ob für die anzusprechenden Menschen Natur und Naturschutz eine Rolle spielten. Diese Personen seien einfach zu sehr damit beschäftigt, ihre prekäre soziale Lage tagtäglich zu managen.

Über problemzentrierte Interviews, kommentierte Fotodokumentationen und Gruppendiskussionen generierte das Team konkrete Naturpraktiken, -erfahrungen oder -bedürfnisse in diesem Personenkreis und ermittelte das Wissen um die biologische Vielfalt bei sozial benachteiligten Menschen.


„War ich fasziniert, was für eine Kraft die Natur hat.“ (© Stiftung Naturschutzgeschichte)
Auf dem Foto sieht man Pflanzen, die an einer Mauer wachsen.

Zwischenergebnisse können das bisherige Bild von der Naturferne in diesem Personenkreis nicht bestätigen. Auch wenn die Bewältigung des schwierigen Alltags sehr viel Zeit und Kraft bindet, so heißt dies nicht, dass für diese Menschen Natur in ihrem Leben keine Rolle spielt oder dass sie dem Schutz der Natur generell und dem der biologischen Vielfalt im Speziellen keine Bedeutung einräumen würden. Die Bildbeschreibungen unter den Abbildungen – durchweg Zitate der Teilnehmenden zu ihren eigenen Fotos – spiegeln diese Sichtweise wider. Ihre Natur- und Wildnisvorstellungen sind durchaus nicht immer deckungsgleich mit den im Naturschutz üblichen. Sie eignen sich Natur auf ihre eigene sehr spezifische Art an. So tauchten ihre Vorstellungen von Natur und deren Schutz nicht in bisherigen Studien auf. 

Ausblick

„Schmetterling ganz normale, aber wunderschön, für mich ist die Farbe und so was, und, ja, ich sehe so Natur.“ (© Stiftung Naturschutzgeschichte)
Auf dem Foto ist ein Tagpfauenauge, ein Schmetterling aus der Familie der Edelfalter abgebildet. Markant sind seine vier Augen auf dem Rücken.

Die Fülle der gewonnenen Daten wird zurzeit intensiv ausgewertet. Die Ergebnisse der qualitativen Studie werden am 5. September 2019 im Rahmen einer internen Abschlusstagung im Bundesamt für Naturschutz vorgestellt. Dort werden auch Empfehlungen des Perspektivwechsels präsentiert: Wo liegen Andockpunkte für den Naturschutz, sozial benachteiligte Menschen besser zu erreichen? Wie kann man bestehende Angebote optimieren und neue generieren, um diesen Personenkreis zur Mitarbeit für den Schutz der Natur und der biologischen Vielfalt zu motivieren? Die Ergebnisse werden abschließend in der BfN-Skriptenreihe publiziert.

Publikationen / weiterführende Links

Bfn-Skripten 514 Hans-Werner Frohn & Frank Wichert (Hrsg.): Naturschutz: natürlich sozial, interkulturell und inkludierend?!

Laufzeit

07/2016 bis 11/2019

Förderprogramm

Forschungs- und Entwicklungsvorhaben

Projektnehmer

Stiftung Naturschutzgeschichte, Königswinter

Fachbetreuung im BfN

Dr. Lars Berger, Fg. I 2.2

Weitere Informationen

Titelbild Naturschutz: natürlich sozial, interkulturell und inkludierend?!
Auf dem Foto ist das Titelbild des BfN-Skriptes Naturschutz: natürlich sozial, interkulturell und inkludierend?! abgebildet.

Letzte Änderung: 01.07.2019

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