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Bundesamt für Naturschutz

Adenophora liliifolia - Becherglocke

Geschützt nach
Anhang II FFH-Richtlinie
Anhang IV FFH-Richtlinie
EU-Code
4068
Artengruppierung
Farn- und Blütenpflanzen
Synonyme
Lilienblättrige Drüsenglocke, Wohlriechende Becherglocke, Pendelglöckchen, Lilienglöckchen, Schellenblume
Status Rote Liste Deutschland
(Metzing et al. 2018): 1 (Vom Aussterben bedroht)
Status Rote Liste Europa
(Bilz et al. 2011): LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit
(Metzing et al. 2018): In besonderem Maße für hochgradig isolierte Vorposten verantwortlich (Vorkommen an der unteren Isar)

Beschreibung

Rarität an der Isar

Die Becherglocke ist ein auffälliges Glockenblumengewächs. Sie zählt zu den seltensten und am stärksten gefährdeten Pflanzenarten Deutschlands. Man findet sie nur mehr im Isar-Mündungsgebiet und im unteren Isar-Tal bei Wallersdorf. Die mehrjährige Staude besiedelt in Deutschland v.a. Auenböden mit mäßiger Nährstoffversorgung. Auffällig ist, dass das Erscheinungsbild der Becherglocke sowohl hinsichtlich Blattform wie auch Wuchshöhe sehr stark schwanken kann. Je nach Umweltbedingungen kommen Zwergexemplare mit nur 30 cm Höhe vor, oder aber bis zu 2 m hohe imposante Exemplare mit über 100 Blüten pro Stängel.

Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet umfasst in Europa v. a. den östlichen Raum und besteht aus mehreren Teilgebieten. Die Becherglocke findet man in Deutschland in Pflanzengesellschaften der Auen. Sie ist auf eine gute Wasserversorgung angewiesen und gedeiht sowohl im vollen Sonnenlicht als auch im Halbschatten. Zu starke Beschattung verträgt sie jedoch nicht. Für die Art stellt nicht nur die Ausdunkelung der Wuchsorte eine Bedrohung dar, sondern auch die Verdrängung durch konkurrenzkräftigere Pflanzenarten.

Fortpflanzung/Biologie

Ökologie der Art

In Mitteleuropa beschränken sich die Vorkommen der Becherglocke auf Wald- und Gebüschsäume, Gehölzlücken, Waldlichtungen, lichte Wälder und beschattete Staudenfluren, Feuchtwiesen und steile, felsige Grashalden.

Die deutschen Vorkommen befinden sich vor allem auf Auenböden mit mäßiger Nährstoffversorgung in lichten Auenwäldern und in Nasswiesen auf Pseudogleien (Scheuerer & Späth 2005, Ssymank & Scheuerer 2005).

Die ursprünglichen Standorte sind vermutlich lichte Wälder, von denen aus die Becherglocke Feuchtwiesen und Säume besiedelte. Die Becherglocke bevorzugt als Waldsteppenpflanze Wuchsorte mit kontinentalem Klima – d.h. warme Sommer und harte, frostreiche Winter. Sie kann sowohl im vollen Sonnenlicht als auch im Halbschatten gedeihen. In dichten, schattigen Wäldern kümmert die Becherglocke, kann jedoch unter der Erde als Wurzelspross noch viele Jahre überdauern, bevor sie abstirbt.

In Deutschland beschränken sich die aktuellen Vorkommen auf Standorte im Halbschatten von Gebüsch und lichtem Wald. Am besten gedeiht die Becherglocke auf „sommerwarmen, wechselfeuchten (bis wechselnassen), nährstoff- und basenreichen (kalkhaltigen), sandigen Lehm- und Tonböden“ (Oberdorfer 2001).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Becherglocke ist eine mehrjährige, krautige Staude mit einer oberflächennahen, rübenartigen Wurzel, aus welcher jedes Jahr Ende April/Anfang Mai zumeist mehrere Sprosse austreiben (Hegi 1981). Die hohe Mahdunverträglichkeit deutet darauf hin, dass diese Wurzel im Sommer nur geringe Energiereserven speichert und daher nach der Mahd nicht neu austreiben kann (Scheuerer & Späth 2005). 

Die einzigen deutschen Vorkommen an der Isar blühen von Mitte Juli bis Anfang September. Bei der Bestäubung ist die Becherglocke auf Insekten angewiesen – beobachtet wurden an den Pflanzen hauptsächlich Honigbienen, Hummeln, andere Wildbienen und Schwebfliegen (Scheuerer & Späth 2005). Um die Insekten anzulocken, setzt die Becherglocke sowohl auf Duft als auch auf optische Signale. Die Insekten werden zum einen durch den angenehmen Geruch der Blüten angelockt, welcher vor allem gegen Abend weithin wahrnehmbar ist. Zum anderen werden die Insekten durch die weit aus den Blüten herausragenden, lila gefärbten Griffel angelockt. Eine Selbstbestäubung wird dadurch verhindert, dass die Blüten zuerst ein „männliches Stadium“ durchlaufen, d.h. die Pollen aus den Staubbeuteln freigeben, während die Narben sich erst öffnen und bestäubt werden können, wenn die Staubbeutel bereits abwelken. Die Samen fallen nach Windstößen aus den Fruchtkapseln und haben keine Möglichkeit sich über größere Strecken auszubreiten.

Da die Pflanze keine Ausläufer bilden kann, erfolgt ihre Vermehrung ausschließlich über Samen (Scheuerer & Späth 2005). Daher ist es für den Fortbestand der Art wichtig, günstige Bedingungen für die Keimung und das Wachstum der Jungpflanzen zu schaffen. Der Rückgang der Becherglocke ist häufig eine Folge des Übergangs von der nicht mehr rentablen Mittelwaldwirtschaft zur Hochwaldwirtschaft (Gaggermeier 1991). Der regelmäßige Einschlag unterständiger Gehölze im Mittelwald führte zu Offenbodenstellen, die die Becherglocke zur Keimung benötigt und zu erhöhter Lichtverfügbarkeit. Anders als viele typische Waldarten, kann die Becherglocke aufgrund ihrer höheren Lichtansprüche dem Wandel zur Hochwaldwirtschaft nicht folgen. Lebensräume, wie sie durch die Mittelwaldwirtschaft geboten wurden, d.h. halbschattige Standorte lichter Wälder und Gebüsche, fördern die Becherglocke hingegen (Ssymank & Scheuerer 2005).

Lokale Population

Abgrenzung der lokalen Population

Da die Becherglocke sich nicht über Ausläufer ausbreiten kann, ist sie auf die Vermehrung durch Samen angewiesen. Diesen fehlen effektive Fernausbreitungsmechanismen. Sie fallen aus den Kapseln unmittelbar oder nach Windstößen nur wenige Meter von der Mutterpflanze entfernt auf den Boden und keimen dort, wenn die Bedingungen für sie günstig sind (Scheuerer & Späth 2005). Dadurch konzentrieren sich die Pflanzen i.d.R. in räumlich sehr begrenzten Gruppen. Eine Ausnahme können Vorkommen an Waldwegen sein. Dort können die Samen durch Menschen und Tiere, anhaftend an Sohlen, Klauen und Rädern, entlang der Wege ausgebreitet werden, und so stärker verstreute Vorkommen ausbilden.

Ab einer Entfernung von mehr als 300 Metern zwischen zwei Vorkommen ist daher nach Experteneinschätzung von getrennten lokalen Populationen auszugehen. Befinden sich Barrieren wie Äcker, Straßen etc. zwischen den Vorkommen, ist auch bei einem Abstand von weniger als 300 Metern von lokalen Populationen auszugehen.

Aktuell kommen Becherglocken in Deutschland in zwei Gebieten vor. Die ca. 20 aktuellen Fundorte sind als jeweils eine lokale Population anzusehen.

Gefährdung

Die Becherglocke ist vor allem durch die Umwandlung von Grünland, Aufforstung und die Verbrachung ihrer Wuchsorte gefährdet. Auch Veränderungen in der Waldbewirtschaftung, vor allem die Aufgabe der Mittelwaldbewirtschaftung, haben ihre Bestände stark beeinträchtigt. Grundsätzlich wirken sich folgende Punkte nachteilig auf das Überleben der Becherglocke aus:

Land- und Forstwirtschaft

  • Aufforstung und Intensivierung bzw. Umbruch von Frisch-, Feucht- und Streuwiesen
  • Zunehmende Ausdunklung in den Wäldern:
    • durch fehlende Nutzung der unteren Gehölzschichten nach Aufgabe der Mittelwaldwirtschaft
    • durch standortfremde Nadelholzanpflanzungen (Fichten)
    • durch Ausbleiben der natürlichen Auendynamik
  • Nährstoff- und Pestizideintrag aus angrenzendem, regelmäßig gedüngtem Grünland führt zur Verdrängung der Becherglocke durch stickstoffliebende, konkurrenzstärkere Pflanzenarten
  • Nährstoffanreicherung und Verunkrautung im Umfeld von Wildfutterstellen entlang von Waldrändern
  • Nutzungsaufgabe und Verbrachung von Streuwiesen, Waldsäumen und Mittelwäldern
  • Fehlen von Keimbetten im Oberboden durch dichten Pflanzenschluss (Nährstoffeintrag, Nutzungswandel)
  • Ablagerungen von Astgut aus Durchforstungen
  • Massiver Wildverbiss durch zu hohe Wilddichte (Reh und Hase)
  • Trockenschäden durch abgesenkten Grundwasserspiegel im Isar-Tal und durch erhöhten Wasserentzug durch standortfremde Fichtenbestände
  • Lebensraumzerstückelung bzw. Lebensraumeinengung: zunehmende Isolation der Vorkommen und Verkleinerung der Bestände führen zu Fitnessverlusten aufgrund genetischer Verarmung durch Inzucht

Sonstige

  • Verdrängung durch Massenbestände eingeschleppter Arten, wie z.B. die Goldrute (Solidago canadensisS. gigantea), welche die gleichen Lebensräume wie die Becherglocke besiedeln
  • Sammeln von Becherglocken durch Botaniker als Herbarbeleg oder gar Ausgraben von ganzen Pflanzen

Erhaltungsmaßnahmen

Handlungsempfehlungen zur Erhaltung der lokalen Population der Becherglocke

Nutzungsbedingte Beeinträchtigungen der Becherglocke gehen vor allem von Land- und Forstwirtschaft aus. Um Beeinträchtigungen durch Bewirtschaftung zu verhindern bzw. zu minimieren, werden folgende Maßnahmen empfohlen:

Landwirtschaft

  • Pflege der Pfeifengraswiesen durch Mahd ab Anfang November:
    • Mähgutbeseitigung mit einem tief eingestellten Schwader um Keimstellen zu schaffen
    • Zusätzlich bzw. alternativ gelegentliche Verwendung von Schleppeggen nach der Mahd bzw. im Winterhalbjahr
  • Verringerung des Nährstoffeintrags in Becherglocken-Bestände aus angrenzenden Äckern durch Umwandlung in wenig bis nicht gedüngtes Grünland
  • Pflege von Rainen und Böschungen durch gelegentliches Freischneiden bzw. Mähen im Spätherbst oder Winter

Forstwirtschaft

  • Mittelwaldwirtschaft, d.h. häufige Durchforstung vor allem des Unterwuchses (Hasel, Hartriegel, Weißdorn etc.), fördert die Becherglocke
  • Umwandlung von Fichten- und Pappelkulturen in lichte, standorttypische Laubwälder aus Esche, Stiel-Eiche, Hainbuche, Flatter-Ulme
  • Verzicht auf dichte Schonungen. Auch Schonungen von standorttypischen Laubbäumen (Esche) sind frühzeitig (spätestens im 3. Jahr) und mehrfach (innerhalb der ersten 10 Jahre mindestens dreimal) zu durchforsten
  • Verzicht auf Kahlschläge, da sich dort bevorzugt konkurrenzstarke Hochstauden ausbreiten und die Becherglocke verdrängen. Stattdessen Einzelstammentnahme, Aufasten, Unterholzauslichtung etc.
  • Vermeidung von Rückeschäden bei der Waldbewirtschaftung am Fundort
  • Kein Einsatz von schweren Maschinen am Fundort
  • Verringerung der Wilddichte, Verzicht auf Wildfütterungen und auf Wildäcker im Wald oder am Waldrand
  • Einzäunungen bzw. Ausbringen von Verbissschutzmitteln: dreimaliges Ausbringen während der Wachstumsperiode (Mitte/Ende Mai, Ende Juni, Ende Juli/Anfang August) im 2-5 m Umkreis um die Pflanzen

Allgemein gilt für bewirtschaftete Flächen

  • Schutzmaßnahmen müssen in erster Linie dem hohen Lichtbedarf der Becherglocke sowie ihrer Konkurrenzschwäche gerecht werden. Daher sollten die Maßnahmen zur Erhaltung bestehender Bestände zunächst der Auflichtung dienen durch Ausasten von Bäumen, Auflichten des Unterholzes, Durchforsten und Abtransport des Astwerks, Mahd und Entbuschung von Pfeifengraswiesen. Durch diese Maßnahmen gewinnen Becherglocken, wie frühere Untersuchungen zeigten (Scheuerer & Späth 2005), schnell an Vitalität und Blühfreudigkeit
  • Durch die Auflichtungsmaßnahmen kam es in der Vergangenheit jedoch auch zur Zunahme des Wildverbisses. Daher empfiehlt sich nach der Auflichtung das Ausbringen von Verbissschutzmitteln bzw. Einzäunungen

Sonstige Maßnahmen

  • Jährliche Bestands- und Fitnesserfassung der bekannten Vorkommen
  • Ankauf privater Flächen mit Artvorkommen und Gestaltung zur Bestandssicherung
  • Schaffung von Rohboden für die Keimung
  • Bekämpfung der eingewanderten konkurrenzstarken Arten (Neophyten) durch Ausreißen (nicht durch Mähen, da die Becherglocke mahdunverträglich ist)
  • Anwendung von Wald-Vertragsnaturschutz
  • Wegen Gefahr des Aussterbens am natürlichen Standort wurden aus Samen der deutschen Pflanzen Erhaltungskulturen in Botanischen Gärten angelegt (Botanischer Garten der Universität Regensburg)
  • Ausbringung von Samen und vorgezogenen Jungpflanzen an geeigneten Standorten
  • Aufnahme von Saatgut der deutschen Vorkommen in eine Samenbank („Genreserve Bayern“)

Erhaltungszustand

  • Kontinentale Region: ungünstig - schlecht

Programme und Projekte

Finanzierungsinstrumente für Maßnahmen und Umsetzung von Managementplänen

  • Internetseite des BfN zu Finanzierungsoptionen von Maßnahmen im Rahmen der FFH- und Vogelschutzrichtlinie
  • Förderwegweiser des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) und Kulturlandschaftsprogramm (KULAP)
  • Förderwegweiser von Agrarumweltmaßnahmen (AUM) des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV): Vertragsnaturschutzprogramm (VNP/EA). 

Projekte im Internet

  • Kontinuierliche und jährliche Überwachung im Rahmen eines Artenhilfsprogrammes des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. Dokumentation von Bestandesveränderungen und potentielle Gefährdungsursachen.

Autoren

Kontaktinformationen für weitere Auskünfte und Hilfestellungen

Für weitere Hinweise zur Art und Hilfestellungen für die Bewirtschaftung der Lebensräume wenden Sie sich bitte an die für Sie zuständige Naturschutzbehörde in Ihrer Region.

Experten

Martin Scheuerer
Büro für Angewandte Botanik
Peter-Rosegger-Str. 10
93152 Nittendorf

Autoren

Juliane Drobnik, Martin Scheuerer, Peter Poschlod

Unter Mitarbeit von

Christina Meindl, Burkhard Beinlich, Matthias Dolek

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