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Bundesamt für Naturschutz

Lagenorhynchus acutus - Weißseitendelfin

Geschützt nach
Anhang IV FFH-Richtlinie
EU-Code
2031
Artengruppierung
Sonstige Säugetiere
Status Rote Liste Europa
(Braulik 2019): LC (Ungefährdet)

Beschreibung

Der Bunte aus dem Nordatlantik

Der Weißseitendelfin ist ein typischer Hochsee-Delfin und liebt kalte Gewässer. Die Weiten des nördlichen Nordatlantiks sind sein Zuhause. Er kommt nur von der Bretagne bis Spitzbergen und von der Kola-Halbinsel über Grönland bis nach Cape Cod an der US-amerikanischen Ostküste vor und ist daher – wie sein Bruder, der Weißschnauzendelfin – ein echter Nordatlantik-Delfin. Er besucht nur selten die südliche Nordsee und kann in deutschen Gewässern am ehesten auf der Doggerbank gesehen werden. In der Ostsee ist der Weißseitendelfin ein seltener Irrgast. Wegen seiner küstenfernen (pelagischen) Lebensweise ist über seine Biologie verhältnismäßig wenig bekannt. Mit seiner kontrastreichen Schwarz-weiß-grau-Färbung und dem gelben Flankenfleck ist der Weißseitendelfin weltweit eine der buntesten Delfinarten.

Verbreitung

Von den drei mittelgroßen, ozeanischen Delfinarten des Nordatlantiks ist der Weißseitendelfin derjenige, welcher am küstenfernsten lebt und die kältesten Wassertemperaturen bevorzugt. Sowohl der Weißschnauzendelfin als auch der Gewöhnliche Delfin sind eher in geringfügig bzw. deutlich höheren Wassertemperaturen und gelegentlich auch in Küstennähe zu finden. Die Vorliebe des Weißseitendelfins für die Kontinentalabhänge und Meeresgebiete mit starkem Relief (z.B. sea mounts) hängt vermutlich mit einem höheren Nahrungsvorkommen in sogenannten Auftriebsgebieten zusammen, wo aufsteigendes Tiefenwasser reichliche Nährstoffe an die Oberfläche bringt. Auch am Mittelatlantischen Rücken scheinen Weißseitendelfine Gebiete mit Unterwasserabhängen zu bevorzugen. Als Hauptbeutearten werden Heringe und kleine Makrelen, aber auch Sandaale sowie eine Vielzahl anderer Fischarten genannt, die manchmal auch kooperativ in großen Gruppen gejagt werden. Weißseitendelfine sind dabei sehr mobil: Nach achtmonatiger Pflege in Gefangenschaft legte ein mit einem Sender markierter Weißseitendelfin in 64 Stunden über 300 km zurück, was einer mittleren Geschwindigkeit von etwa 5 km/h entspricht (Mate & Stafford 1994).

Lebensraum

Der Weißseitendelfin ist ein echter Hochsee-Delfin, der oft am Rand des Kontinentalsockels und jenseits davon vorkommt, insbesondere dort, wo der Meeresboden ein starkes Relief oder tiefe, unterseeische Canyons aufweist. Nichtsdestotrotz kommt er auch auf den Schelfgebieten vor und erscheint manchmal sogar in Fjorden und ähnlichen Buchten. Meist zieht er Meeresgebiete mit 100-500 m Wassertiefe und mit relativ kaltem Oberflächenwasser von (1°-)6°-11°C vor (Selzer & Payne 1988, Reid et al. 2003). Dementsprechend erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet nordwärts auch bis nach Spitzbergen.

Fortpflanzung/Biologie

Wegen seines küstenfernen Lebensstils gibt es nur spärliche Kenntnisse über den Lebenszyklus des Weißseitendelfins. Auch ist er kaum jemals in Gefangenschaft gehalten worden und dann auch nur für wenige Monate. Auf See ist der Weißseitendelfin weniger zu sehen als andere ozeanische Delfine, er wirkt scheu und reitet selten auf Bugwellen. Als schneller Schwimmer fällt er oft durch akrobatische Sprünge und Schwanzschlagen auf. In großen Schulen können Dutzende oder gar Hunderte von Tieren (maximal beobachtet bis zu 2–4.000 Weißseitendelfine) zusammen auftreten. Normalerweise umfassen die Gruppen jedoch nur etwa 10 bis 140 Tiere (Camphuysen et al. 2006). Dabei vergesellschaften sie sich oftmals mit Finn- oder Buckelwalen oder Weißschnauzendelfinen. Im Alter von 6-12 Jahren werden die Tiere geschlechtsreif und bekommen nach einer Tragezeit von etwa elf Monaten meistens in der Zeit zwischen Mai bis August ihr Junges. Da die Kälber etwa im Alter von 18 Monaten entwöhnt werden, können erfolgreiche Weibchen höchstens alle zwei Jahre kalben. Genetische Untersuchungen ergaben bisher keinen Hinweis auf die Existenz von Familienverbänden, d.h. die Tiere scheinen nicht lebenslang in denselben Gruppen zu bleiben (Mirmin et al. 2011). Die bisher bekannt gewordenen Höchstalter betragen 22 Jahre für Männchen und 27 Jahre für Weibchen. Das Nahrungsspektrum der Weißseitendelfine ist relativ breit und umfasst sowohl Fische als auch Kalmare. Dabei handelt es sich in der Regel um schwarmbildende Fischarten wie Hering, Makrele, Dorsch, Stint, Pollack oder Sandaal.

Lokale Population

Morphologische Untersuchungen fanden keine Unterschiede in den Schädelmaßen zwischen Weißseitendelfinen von der Westküste und der Ostküste des Nordatlantiks (Mikkelsen & Lund 1994 zitiert in Evans & Teilmann 2009). Es gibt allerdings erste genetische Indizien für die Existenz einer diskreten Population (d.h. ein in sich geschlossener Bestand, der sich genetisch von benachbarten unterscheidet) entlang der Westküste Irlands (Mirmin et al. 2011). Eine eigenständige Population in der Nordsee scheint jedoch unwahrscheinlich. Aufgrund von Ergebnissen genetischer und Isotopen-Untersuchungen schlagen Evans & Teilmann (2009) folgende vier geographischen Einheiten zur Bestandspflege („management units“) für den Weißseitendelfin vor:

  • Nordost-Atlantik (einschließlich der Nordsee)
  • Zentraler Ost-Atlantik (einschließlich der Keltischen See und des westlichen Englischen Kanals)
  • Golf von Maine
  • Cape Cod

Gefährdung

Der Weißseitendelfin ist hauptsächlich durch Beifang, Umweltgifte und Unterwasserlärm gefährdet.

Fischereiwirtschaft

  • Weißseitendelfine werden in einer Vielzahl von Hochsee-Fischereien unbeabsichtigt beigefangen: in Kiemennetzen, Grundschleppnetzen und pelagischen Geschirren. Waring et al. (2009) bezifferten den Beifang vor der Ostküste Nordamerikas auf geschätzte 328 Tiere im Zeitraum 2003 bis 2007.

Sonstige

  • Die Einleitung von Schwermetallen und kaum abbaubaren organischen Giften führt zu einer ständigen Anreicherung dieser Stoffe. Im Fettgewebe der Weißseitendelfine wurden z.B. erhöhte PCB-Werte (insbesondere der Kongenere Nr. 153 und 138) und Pestizid-Werte (z.B. DDT und seine Metaboliten DDD und DDE, sog. ΣDDTs) festgestellt; im Lebergewebe kam es zu Quecksilberanreicherungen (Stein et al. 2003).
  • Weißseitendelfine besitzen wie alle Zahnwale ein sehr empfindliches Gehör, welches durch knallartige Unterwassergeräusche geschädigt werden kann. Selbst Lärm, der keinen bleibenden Schaden verursacht, kann sie nachhaltig schädigen, z.B. indem er die Kommunikation der sozialen Tiere erschwert oder verhindert. Auf hoher See führen insbesondere seismische Erkundungen mit sogenannten Airguns sowie Militärsonare zu starken Lärmbelastungen.
  • Der Weißseitendelfin wird weiterhin in Grönland und auf den Färöer-Inseln bejagt, nachdem die Jagd auf diese Art in Norwegen und Neufundland zum Erliegen gekommen zu sein scheint.

Erhaltungsmaßnahmen

  • Produktions- und Anwendungsverbot bekannter Umweltgifte (DDT, PCB) sowie Verhinderung der Emission neuer bioakkumulierender Gifte, wie z.B. bromierte Flammschutzmittel (HBCD, PBDE).
  • Erkundung der Hauptverbreitungsgebiete des Weißseitendelfins im Nordost-Atlantik und Schließung der Reproduktionsgebiete für seismologische Erkundungen und militärische Sonaranwendung.

Programme und Projekte

Finanzierungsinstrumente für Maßnahmen und Umsetzung von Managementplänen

Es gibt in der EU weder Managementpläne noch Finanzierungsinstrumente zur Umsetzung von Schutzmaßnahmen.

Projekte im Internet

  • Im Jahre 2006 hat der US-amerikanische National Marine Fisheries Service sein Atlantic Trawl Gear Take Reduction Team zusammengeholt, um den hohen Beifang von Weißseitendelfinen in der pelagischen Schleppnetzfischerei zu reduzieren (https://www.fisheries.noaa.gov/).

Autoren

Kontaktinformationen für weitere Auskünfte und Hilfestellungen

Für weitere Hinweise zur Art und Hilfestellungen für die Bewirtschaftung der Lebensräume wenden Sie sich bitte an die für Sie zuständige Naturschutzbehörde in Ihrer Region.

Experten

Bundesamt für Naturschutz
Fachgebiet Meeres- und Küstennaturschutz
Außenstelle Insel Vilm
18581 Putbus/Rügen

ASCOBANS-Sekretariat
UN Campus
Hermann-Ehlers-Str. 10
53113 Bonn

Deutsches Meeresmuseum
Katharinenberg 14-20
18439 Stralsund

Forschungs- und Technologiezentrum Westküste
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Hafentörn 1
25761 Büsum

Autor

Dr. Stefan Bräger

Unter Mitarbeit von

Karola Szeder

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