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Bundesamt für Naturschutz

Lagenorhynchus albirostris - Weißschnauzendelfin

Geschützt nach
Anhang IV FFH-Richtlinie
EU-Code
2032
Artengruppierung
Sonstige Säugetiere
Status Rote Liste Deutschland
(Meinig et al. 2020): R (Extrem selten)
Status Rote Liste Europa
(Kiszka & Braulik 2018): LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit
(Meinig et al. 2020): Allgemeine Verantwortung

Beschreibung

„Naseweiß“ in der Nordsee

Der Weißschnauzendelfin ist – im Gegensatz zum Weißseitendelfin – eher in küstennäheren Gewässern und auf dem Kontinentalschelf anzutreffen. Deshalb kommt er auch in der südlichen Nordsee regelmäßig vor. Nach dem Schweinswal ist der Weißschnauzendelfin der zweithäufigste Wal in deutschen Gewässern. Großräumig ist er – genau wie der Weißseitendelfin – von Cape Cod (Neuengland, USA) über Grönland und Island bis in die Nordsee verbreitet. Im Gegensatz zum kleineren Bruder ist der Weißschnauzendelfin relativ häufig in der südlichen Nordsee, wie regelmäßige Strandungen an den Küsten Deutschlands, der Niederlande und Belgiens zeigen. Die kleinen Gruppen mit 3-10 Tieren begleiten oftmals größere Schiffe und können dann gut beobachtet werden. In die zentrale Ostsee kommt er allerdings nur sehr selten.

Der Weißschnauzendelfin ist die größte der drei ozeanischen Delfinarten des Nordatlantiks und wirkt deutlich massiger als der Weißseitendelfin und der Gewöhnliche Delfin. Mit dem Weißseitendelfin teilt er ein Verbreitungsgebiet bis ans arktische Eis, doch kommt er insbesondere von Juni bis Oktober häufiger in flacheren, küstennäheren Meeresgebieten, wie z.B. der südlichen Nordsee vor (Reid et al. 2003). Mit dem kleinen Bruder teilt er auch die Vorliebe für ein starkes Relief im Meeresboden, welches vermutlich für ein reichliches Nahrungsvorkommen sorgt. In den Mageninhalten von Weißschnauzendelfinen, die an der niederländischen Küste gestrandet waren, konnten zwar 25 verschiedene Fischarten identifiziert werden, doch machten darunter die Dorschartigen bei weitem die Hauptmenge aus. Insbesondere Wittling und Kabeljau waren gewichtsmäßig bedeutend; ein Tier hatte aber auch nur Schellfisch erbeutet. Zahlenmäßig waren kleine Grundeln am häufigsten vertreten, doch liefern diese am Boden lebenden Fische nicht viel Biomasse und somit gewichtsmäßig keinen großen Nahrungsanteil. Außerdem werden manchmal auch Kalmare gefressen. Die starke Bevorzugung der dorschartigen Fische scheint gleichermaßen auf Weißschnauzendelfinen beider Seiten des Atlantiks zuzutreffen (Jansen et al. 2010).

Auch wenn schon Delfingruppen von mehreren hundert Tieren beobachtet worden sind, so liegt die am häufigsten festgestellte Gruppengröße doch bei 3-10 Tieren.

Die Kommunikation zwischen Weißschnauzendelfinen findet – wie bei Delfinen üblich – mit Pfiffen statt, die sich z.T. im für Menschen hörbaren Frequenzbereich abspielen, wohingegen die Klicklaute zur Echoortung im Ultraschallbereich (115 kHz) liegen (Rasmussen & Miller 2002).

Lebensraum

Der Weißschnauzendelfin besiedelt meist die Schelfgebiete der Kontinentalsockel vorwiegend mit Wassertiefen bis 200 m, doch kommt er auch regelmäßig in tieferen Meeresgebieten vor. In schottischen Gewässern konnten Weißschnauzendelfine meist in kühlem und relativ flachem Wasser (13,4°C SST, 122,5 m tief) aber eher weit von der Küste entfernt (im Mittel 25,8 km) beobachtet werden (Weir et al. 2009). Das Meeresbodenrelief und die Wassertemperatur bestimmen zu einem großenTeil die Gruppengröße der Weißschnauzendelfine. Kleinere Gruppen kommen in wärmerem Wasser vor (Canning et al. 2008).

Fortpflanzung/Biologie

Weibliche Weißschnauzendelfine werden etwa mit 7-11 und männliche mit 10-13 Jahren geschlechtsreif. Der älteste bisher bekannte Weißschnauzendelfin wurde 37 Jahre alt. Die Kälber werden nach elf Monaten Tragezeit meist im Sommer geboren. Die neugeborenen Kälber sind etwa 1,2 m lang und 40 kg schwer (Kinze 2009).

Wie bei diversen anderen Delfinarten werden auch beim Weißschnauzendelfin jahreszeitliche Nord-Süd-Wanderungen vermutet, wobei die Tiere im Mittel Geschwindigkeiten von 6-12 km/h und ausnahmsweise bis zu 30 km/h erreichen. Die spärlichen Daten zum Tauchverhalten legen für flache Tauchgänge (bis zu 45 m tief) Durchschnittszeiten von einer halben Minute und nur ausnahmsweise länger als eine Minute nahe (Reid et al. 2003).

Vor der nordamerikanischen Küste gibt es nach einer Flugzeugzählung vom August 2006 evtl. nur 2000 Weißschnauzendelfine (Waring et al. 2007). Eine Zählung vom Juli 2005, genannt SCANS-II, erbrachte hochgerechnet etwa 22.700 Weißschnauzendelfine auf dem europäischen Kontinentalschelf, wovon etwa 10.600 für die Nordsee geschätzt wurden (Kock et al. 2003, Evans & Teilmann 2009).

Lokale Population

Vom Weißschnauzendelfin sind bisher keine eindeutig voneinander unterscheidbaren Populationen bekannt. Vielmehr scheint es in der erdgeschichtlichen Entwicklung der Weißschnauzendelfine einen genetischen Engpass („Flaschenhals“) gegeben zu haben, was die genetische Ähnlichkeit zwischen Individuen bzw. den Mangel an Populationsvielfalt erklärt. Es wurde nur festgestellt, dass sich die norwegischen Vorkommen von Weißschnauzendelfinen von denjenigen der Nordsee und Irlands unterscheiden (Evans & Teilmann 2009). Endgültige Ergebnisse der genetischen Untersuchungen liegen allerdings noch nicht vor.

Gefährdung

Über die Gefährdungsursachen des Weißschnauzendelfins ist wenig bekannt, doch ist davon auszugehen, dass Beifang, Umweltgifte und Unterwasserlärm dazu zu zählen sind.

Fischereiwirtschaft

  • Obwohl es an der nordamerikanischen Küste einzelne Nachweise für Beifänge in Fischfallen und Stellnetzen gibt, so sind doch bisher keine genauen Zahlen bekannt. Allerdings sind die dortigen Bestände so gering, dass die Höhe des biologisch vertretbaren Beifangs bei nur zehn Tieren pro Jahr liegt (Waring et al. 2007). Von der östlichen Atlantikseite gibt es bisher gar keine Erkenntnisse zum Einfluss der Fischerei auf die Bestände des Weißschnauzendelfins, doch sind Beifänge nicht unwahrscheinlich, da die Delfine und die Fischerei dieselben Fischarten bevorzugen.

Sonstige

  • Bei langlebigen Fischfressern kommt es fast immer zur Anreicherung von Umweltgiften, wie Schwermetallen und schwer abbaubaren halogenierten Kohlenwasserstoffen, wie z.B. PCBs sowie DDT und andere Insektenvernichtungsmittel.
  • Das extrem empfindliche Gehör der Weißschnauzendelfine kann leicht durch knallartige Unterwassergeräusche geschädigt werden. Selbst Lärm, der keinen bleibenden Schaden verursacht, kann sie nachhaltig schädigen, z.B. indem er die Kommunikation der sozialen Tiere erschwert oder andere überlebenswichtige Geräusche maskiert. Auf hoher See führen insbesondere seismische Erkundungen mit sogenannten Airguns sowie Militärsonare zu starken Lärmbelastungen. Darüber hinaus ist insbesondere die Nordsee auch stark mit dem Lärm von Öl- und Gas-Bohrinseln belastet.

Erhaltungsmaßnahmen

  • Produktions- und Anwendungsverbot bekannter Umweltgifte (DDT, PCB) sowie Verhinderung der Emission neuer bioakkumulierender Gifte, wie z.B. bromierte Flammschutzmittel (HBCD, PBDE).
  • Erkundung der Hauptverbreitungsgebiete des Weißschnauzendelfins im Nordostatlantik und Schließung derselben für seismologische Erkundungen und militärische Sonaranwendung.

Autoren

Kontaktinformationen für weitere Auskünfte und Hilfestellungen

Für weitere Hinweise zur Art und Hilfestellungen für die Bewirtschaftung der Lebensräume wenden Sie sich bitte an die für Sie zuständige Naturschutzbehörde in Ihrer Region.

Experten

Bundesamt für Naturschutz
Fachgebiet Meeres- und Küstennaturschutz
Außenstelle Insel Vilm
18581 Putbus/Rügen

ASCOBANS-Sekretariat
UN Campus
Hermann-Ehlers-Str. 10
53113 Bonn

Deutsches Meeresmuseum
Katharinenberg 14-20
18439 Stralsund

Forschungs- und Technologiezentrum Westküste
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Hafentörn 1
25761 Büsum

Autor

Dr. Stefan Bräger

Unter Mitarbeit von

Karola Szeder

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