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Bundesamt für Naturschutz

Muscardinus avellanarius - Haselmaus

Geschützt nach
Anhang IV FFH-Richtlinie
EU-Code
1341
Artengruppierung
Sonstige Säugetiere
Status Rote Liste Deutschland
(Meinig et al. 2020): V (Vorwarnliste)
Status Rote Liste Europa
(Temple & Terry 2007): LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit
(Meinig et al. 2020): Allgemeine Verantwortlichkeit

Beschreibung

Nachtaktiver Kletterkünstler

Die Haselmaus zählt zu den Schläfern oder Bilchen, einer Nagetiergruppe, die einen großen Teil des Jahres im Winterschlaf verbringt. Während dieser Zeit zehren die Tiere von den Fettvorräten, die sie sich im Herbst angefressen haben. Die Haselmaus besiedelt Wälder und Gebüsche. Dort bewegt sie sich während der Nacht geschickt von Ast zu Ast auf der Suche nach Blüten, Früchten, ölhaltigen Samen, aber auch Insekten. Den Tag verbringen die Tiere in selbst gebauten Nestern in Baumhöhlen oder versteckt angelegt in dichtem Pflanzenbewuchs.
Für die Haselmaus wird bundesweit eine Gefährdung angenommen. Aus großen Teilen des deutschen Verbreitungsgebietes liegen allerdings keine aktuellen Daten zur Bestandsentwicklung der Art vor, was hauptsächlich auf die heimliche Lebensweise der Tiere zurück zu führen ist.
Obwohl die Haselmaus eigentlich keine Ähnlichkeit mit einer anderen heimischen Kleinsäugerart aufweist, wird sie oft mit Rötel-, Wald- oder Gelbhalsmaus verwechselt, mit denen sie häufig ihren Lebensraum teilt.

Merkmale der Haselmaus

Trotz ihres eigentlich unverwechselbaren Aussehens wird die Haselmaus häufig mit anderen Kleinsäugerarten verwechselt.

Verbreitung

Die Haselmaus kommt in Deutschland überwiegend im Vorbergland, in den Mittelgebirgen und in den Alpen vor. Weite Teile der Tiefebenen sind nicht besiedelt (Juškaitis & Büchner 2010). Im Sommer werden kunstvoll gefertigte Schlaf- und Wurfnester freistehend in Stauden, Sträuchern und Bäumen verschiedenster Art oder in Baumhöhlen angelegt. Ein Tier baut pro Sommer 3-5 Nester (Storch 1978). Den Winter verbringen Haselmäuse in Nestern am Boden oder zwischen Wurzelstöcken. Die Tiere sind sehr ortstreu und nur in unmittelbarer Umgebung des Nests aktiv.

Haselmäuse ernähren sich je nach Angebot der Saison von Knospen, Blüten, Pollen, Blättern, Früchten und Samen. Im Frühsommer können bis zu 50 % Insekten und -larven aufgenommen werden. Wintervorräte werden nicht angelegt (Storch 1978, Richards et al. 1984). Im Herbst frisst sich die Haselmaus einen Fettvorrat an, von dem sie während ihres echten Winterschlafes zehrt. Haselmäuse können Zellulose nur sehr eingeschränkt verdauen. Im Gegensatz zu Echtmäusen oder Wühlmäusen ernähren sie sich deshalb nicht von Baumwurzeln.

Von hoher Bedeutung für die Haselmaus ist eine gut entwickelte Strauchschicht, die zahlreiche Blüten und Früchte trägt. Dazu ist ein ausreichendes Lichtangebot für die Sträucher die wichtigste Voraussetzung.

Aus Untersuchungen mit Nistkästen ist bekannt, dass das Höhlenangebot im Wald ein begrenzender Faktor für die Art ist. Haselmäuse nutzen neben den klassischen Spechthöhlen auch Rindentaschen, Baumgabelungen (Zwiesel) oder Astanbrüche für die Anlage ihrer Nester.

Haselmäuse können im Freiland ein Höchstalter von bis zu 6 Jahren erreichen (Juškaitis 1999). In guten Lebensräumen kommen sie mit Dichten von rund 3 Tieren je Hektar vor. Das ist im Vergleich zu den meisten anderen Kleinsäugern vergleichbarer Größe extrem wenig. So können Gelbhals-, Wald- oder Rötelmäuse in Mastjahren der Waldbäume Individuendichten von 100 je Hektar überschreiten.

Lebensraum

Die Haselmaus gilt als streng an Gehölze gebundene Art.

Sie bevorzugt Lebensräume mit einer hohen Vielfalt Arten- und Strukturvielfalt. Dies sind meist Laubwälder oder Laub-Nadel-Mischwälder mit gut entwickeltem Unterholz. Die geeignetsten Lebensräume haben eine arten- und blütenreiche Strauchschicht (Juškaitis & Büchner 2010). Haselnüsse sind eine sehr begehrte Nahrung, Haselmäuse kommen aber auch in Wäldern und Hecken vor, in denen es keine Haselsträucher gibt.

Bei der Auswahl des Lebensraumes durch die Haselmaus gibt es regionale Unterschiede: zum Beispiel kommt die Art im Teutoburger Wald, im Solling, im Reinhardswald oder im Osterzgebirge in Buchen-Altholzbeständen vor, wo der Unterwuchs von untergeordneter Bedeutung ist. Dagegen existieren Vorkommen beispielsweise in den nördlichen Kalkalpen und im Alpenvorland höchstens zeitweise im reinen Hochwald. Die Schwerpunktvorkommen sind dort auf Kahlschlag- und Jungwuchsflächen mit nicht zu hohem Pflanzenbewuchs (Storch 1978, van Laar 1984) zu finden. Die Art wird nur sehr selten als Kulturfolger festgestellt (Storch 1978).

Fortpflanzung/Biologie

In Deutschland ist die Haselmaus von Anfang Mai bis Ende Oktober aktiv. Den Winterschlaf verbringen die Tiere in selbstgebauten Nestern am Boden im Laub, zwischen Wurzeln oder an Baumstümpfen (Storch 1978). In der Regel werden zwei Würfe pro Jahr geboren (Anfang Juni bis Anfang Juli und Ende Juli - Mitte September). Die Wurfgrößen liegen im Durchschnitt bei 4 Jungtieren (Löhrl 1960, Storch 1978, Schulze 1986).

Die Tiere bewegen sich überwiegend im Gezweig von Bäumen und Sträuchern fort, nur selten am Boden (Bright & Morris 1992). In der Oberlausitz (Sachsen) überwanden einzelne Jungtiere Flächen über 250 m ohne Gehölze, dies sind aber sehr seltene Ereignisse, die großräumig einen optimalen Lebensraum voraussetzen (Büchner 1997, Büchner 2008). Für erwachsene Tiere wirken bereits 20 m ohne „Astbrücken“ trennend. Waldwege oder Schneisen ab 6 m Breite ohne Kronenschluss wirken bereits als deutliche Barriere.

Im Lebensraum der Haselmaus spielen drei Faktoren eine Hauptrolle: Licht für die Strauchschicht, ein reichhaltiges Höhlenangebot und eine durchgängige Verbindung zwischen den verschiedenen Lebensstätten mittels Gehölzen. Daher sollten Durchforstungen nur in kleinen Parzellen von max. 2 ha Größe und unter Schonung von Strukturen stattfinden, die zur Nestanlage oder als Zufluchtstätte für Haselmäuse geeignet sind (Höhlenbäume, Efeu- und Geißblatt-Ranken, Brombeerdickichte usw., Bright & Morris 1996). Waldwege sollten nur so breit angelegt werden, dass sich über ihnen noch Zweige und Äste von beiden Wegseiten überlappen. Ein Belassen von Höhlenbäumen und Totholz im Bestand ist notwendig. Regional ist die naturschutzgerechte Nutzung von Mittel- und Niederwäldern wünschenswert. Von Bedeutung ist die Pflege artenreicher und gestufter Waldränder.

Lokale Population

Die Haselmaus tritt in großen Waldgebieten „geklumpt“ auf. Trotzdem ist in solchen Gebieten keine direkte Abgrenzung einer lokalen Population möglich, da sich die Hauptvorkommensgebiete im Laufe der Zeit entsprechend der Ausstattung mit den benötigten Lebensraumbestandteilen (Nahrungspflanzen, Baumhöhlen) verschieben können. Fließgewässer, Waldwege und Straßen, über denen keine Astbrücken bestehen wirken isolierend auf die Haselmaus und begrenzen die lokale Population. Bereits 20 m breite Streifen Offenland wirken trennend; Waldwege oder Schneisen ab 6 m Breite ohne Kronenschluss wirken bereits als deutliche Barriere. Unter ca. 800 m ü. NN stellen Nadelholzforste eine Barriere dar, über ca. 800 m ü. NN gibt es Haselmaus-Vorkommen in Fichtenforsten (Juškaitis & Büchner 2010). Als Mindestgröße muss für eine dauerhaft überlebensfähige Population ein Areal von mindestens 20 ha mit Gehölzen bestandene Fläche zur Verfügung stehen (Bright 1993). Erwachsene Haselmäuse sind standorttreu und nutzen Streifgebiete von bis zu 1 ha Ausdehnung. Geringfügige Verschiebungen des Streifgebietes sind aber möglich (Juškaitis & Büchner 2010). Jungtiere sind nach dem Selbständigwerden mobiler und vermögen in Einzelfällen auch mehrere Kilometer innerhalb eines Waldes zurückzulegen (Juškaitis & Büchner 2010).

Eine lokale Population der Haselmaus lässt sich über zusammenhängende Waldgebiete definieren, die sich aus Teilflächen zusammensetzen, die für die Tiere erreichbar sind. Die räumliche Abgrenzung erfolgt durch Offenland, Straßen sowie Waldwege und Fließgewässer, die so breit sind, dass sich über ihnen keine Astbrücken ausbilden können.

Gefährdung

Die Haselmaus ist besonders durch Eingriffe in artenreiche und dichte Gehölzbestände und durch Verinselung ihrer Lebensräume gefährdet.

Land- und Forstwirtschaft

  • Lebensraumverlust durch Rodung von Wäldern
  • Rodung von Knicks und Hecken bzw. zu starker Rückschnitt
  • Rodung und Schnitt von Waldrändern
  • Bewirtschaftung als Dauerwald ohne das Zulassen früher Wiederbewaldungsstadien (fehlende Strauchschicht)
  • Großräumiges Befahren mit Rücketechnik im Winter
  • Ausräumen der Wälder zur Energieholznutzung (Schreddern von Kronenholz, Schwachholz)
  • Entnahme von Bäumen mit Baumhöhlen
  • Mulchen von Jungwaldbeständen
  • Durchforstungsmaßnahmen, bei denen die Strauchschicht entfernt wird (Verlust an Vielfalt von Lebensraumelementen z.B. durch Entfernung von Unterholz oder Minderung der Gehölzartenvielfalt)
  • Zu starker Verbiss der Strauchschicht (möglich bei sehr hoher Schalenwilddichte)
  • Waldwegebau (Isolation von Teillebensräumen innerhalb eines Reviers aber auch von Teilpopulationen durch zu breite Waldwege und eine zu große Wegedichte)
  • Ersetzen von Mischwäldern durch artenarme Nadelholzforste (vor allem unterhalb von 800 m ü. NN)
  • Beweidung von Waldrändern durch Rinder

Sonstige

  • Straßenbau
  • Rückschnitt von Straßenbegleitelementen und Gehölzsäumen
  • Bau von Siedlungen und Gewerbegebieten
  • Ungünstige Witterungsbedingungen
  • Konkurrenz durch Siebenschläfer / Aussetzen von Siebenschläfern
  • Streunende Hauskatzen

Erhaltungszustand

  • Atlantische Region: ungünstig - unzureichend,
  • Kontinentale Region: ungünstig - unzureichend,
  • Alpine Region: ungünstig - unzureichend

Programme und Projekte

Finanzierungsinstrumente für Maßnahmen und Umsetzung von Managementplänen

  • Internetseite des BfN zu Finanzierungsoptionen von Maßnahmen im Rahmen der FFH- und Vogelschutzrichtlinie
  • Finanzierungsmöglichkeit der EU zur Förderung von Umwelt- und Naturschutz-Projekten in Europa, LIFE+
  • In Sachsen derzeit Artenschutzprojekte über die Richtlinie Wald und Forstwirtschaft (WuF) innerhalb des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER Programms) möglich.

Projekte im Internet

  • Die Seite zur großen Nussjagd stellt ein Projekt vor, das in fast allen Bundesländern gelaufen ist bzw. noch läuft. Grundbotschaft ist der Aufruf zum Suchen von Haselnüssen mit den charakteristischen Fraßspuren der Haselmaus. Die Lebensweise der Haselmaus wird vorgestellt. Für einige Bundesländer gibt es aktuelle Verbreitungskarten
  • Deutsche Umwelthilfe und Telekom Deutschland unterstützen im sächsischen Naturschutzgebiet Rotstein ein Artenschutzprojekt des Deutschen Verbands für Landschaftspflege für artenreiche Waldstruktur und neue Lebensräume für die streng geschützte Haselmaus

Autor*in

Kontaktinformationen für weitere Auskünfte und Hilfestellungen

Für weitere Hinweise zur Art und Hilfestellungen für die Bewirtschaftung der Lebensräume wenden Sie sich bitte an die für Sie zuständige Naturschutzbehörde in Ihrer Region.

Experten

Sven Büchner
Ortsstr. 174
02829 Markersdorf, OT Friedersdorf

Hessen Forst, FENA
Europastr. 10-12
35394 Gießen
landesbetriebhessenforst@forst.hessen.de

Autoren

Holger Meinig, Sven Büchner

Unter Mitarbeit von

Dietrich Dolch, Julia Eggermann, Karola Gießelmann, Malte Götz, Susanne Jokisch, Gesa Kluth, Ute Köhler, Matthias Simon, Jens Teubner, Manfred Trinzen, Ulrich Weinhold, Marco Zimmermann

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