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Fischereimanagement in Meeresschutzgebieten


Naturschutzgebiete in Nord- und Ostsee innerhalb der deutschen AWZ. (Grafik: BfN)
Naturschutzgebiete in Nord- und Ostsee innerhalb der deutschen AWZ. (Grafik: BfN)

Ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zu einer ökosystemgerechten Fischerei ist aus Sicht des BfN die Umsetzung von Fischereimanagementmaßnahmen in den Naturschutzgebieten der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ). Die Maßnahmen sollten so gestaltet sein, dass negative Auswirkungen der Fischerei auf geschützte Arten und Lebensräume vermieden werden. Die Meeresschutzgebiete dienen primär dem Schutz bedrohter Arten und Lebensräume. Bei Umsetzung entsprechender Managementmaßnahmen könnten sie gleichzeitig als Rückzugsräume und letztendlich auch als Erholungsgebiete für bedrohte und überfischte Bestände wirken. Allerdings sind derartige fischereiliche Maßnahmen in den deutschen Meeresschutzgebieten bislang nur in sehr geringem Umfang realisiert worden, und zwar für die Freizeitfischerei. Regelungen für die Berufsfischerei können nur auf EU-Ebene im Rahmen der europäischen Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) getroffen werden.


Meeresschutzgebiete dienen als Rückzugsgebiete von vielen Fischarten, wie hier z. B. ein Steinbutt (Psetta maxima) am Adlergrund der Ostsee, NSG Pommersche Bucht – Rönnebank. Foto Markus Brand (BfN)
Meeresschutzgebiete dienen als Rückzugsgebiete von vielen Fischarten, wie hier z. B. ein Steinbutt (Psetta maxima) am Adlergrund der Ostsee, NSG Pommersche Bucht – Rönnebank. Foto Markus Brand (BfN)

Vorteile von Schutzgebieten für Fischerei und Meeresnatur

Meeresschutzgebiete haben nachweislich positive Auswirkungen auf die Fischbestände, sofern die Gebiete angemessen groß und langfristig etabliert sind sowie  einen ausreichenden Schutzstatus besitzen. Dies bedeutet einen hohen Anteil an Zonen ganz ohne Fischerei (sog. No-take-areas / zones) bzw. mit einem Verbot bestimmter schädigender Fangmethoden wie z. B. der Grundschleppnetzfischerei. Die Vorteile solcher Schutzgebiete sind:

  • Zunahme der Artenvielfalt
  • Zunahme der Anzahl, Biomasse und Größe von Arten, die Fischereidruck ausgesetzt sind
  • Schutz von gefährdeten Arten (z. B. Meeressäugetiere, Seevögel) und Lebensräumen (z. B. Sandbänke, Riffe)
  • Schutz spezifischer Lebensstadien (z. B. Jungfische in „Kinderstuben“ und Altfische mit besonderer Bedeutung für die erfolgreiche Fortpflanzung)
  • Schutz von Nahrungs- oder Laichgründen
  • Ausbreitungseffekt von juvenilen und adulten Fischen aus den Schutzgebieten in die umgebenden Meeresbereiche („spillover effect“).

Berufsfischerei - Konfliktanalyse als Basis für Management-maßnahmen

Zur Untersuchung der Möglichkeiten einer naturschutzgerechten Fischerei in den deutschen AWZ-Schutzgebieten hat das BfN bereits 2006 – 2008 in einem dreijährigen Forschungsvorhaben „Ökosystemverträgliche Fischerei in marinen Schutzgebieten“ (EMPAS) die Auswirkungen der Fischerei auf Arten und Lebensräume in den marinen Natura 2000-Gebieten in der deutschen AWZ der Nord- und Ostsee durch den Internationalen Rat für Meeresforschung (International Council for the Exploration of the Sea, ICES) untersuchen und Managementoptionen entwickeln lassen. Im Fokus standen dabei die Lebensraumtypen und Arten, die gemäß der europäischen Gesetzgebung der FFH- und Vogelschutzrichtlinie einen besonderen Schutzstatus genießen, also Sandbänke und Riffe sowie relevante Meeressäugetiere, Seevögel und bestimmte Fischarten. Dabei wurden folgende wesentliche Konfliktfelder zwischen Naturschutzzielen und den Effekten der Fischereiaktivitäten identifiziert:

  • Auswirkungen von mobilen grundberührenden Fanggeräten auf benthische Lebensraumtypen Sandbänke und Riffe und ihre typischen Artengemeinschaften (Nordsee)
  • Beifang von Seevögeln in passiven Fanggeräten, insbesondere in grundgestellten Kiemen- und Verwickelnetzen (Ostsee)
  • Beifang von Schweinswalen in passiven Fanggeräten, hauptsächlich in Kiemen- und Verwickelnetzen (Nord- und Ostsee)

Tauchende Seevögel, hier eine junge Gryllteiste (Cepphus gryllus), können sich in Stellnetzen verfangen und ertrinken. Foto Markus Veteema
Tauchende Seevögel, hier eine junge Gryllteiste (Cepphus gryllus), können sich in Stellnetzen verfangen und ertrinken. Foto Markus Veteema
Auch Schweinswale (Phocoena phocoena) sind durch die Stellnetzfischerei gefährdet. Foto Sven-Erik Arndt
Auch Schweinswale (Phocoena phocoena) sind durch die Stellnetzfischerei gefährdet. Foto Sven-Erik Arndt

Vorschläge für Management-maßnahmen in den Natura 2000-Gebieten in der deutschen AWZ

Basierend auf der o.g. EMPAS-Studie und der Konfliktanalyse zwischen Fischereiaktivitäten und den Schutzzielen sowie den Empfehlungen des ICES haben Wissenschaftler des BfN und des Thünen-Institut bereits 2011 gemeinsam räumlich und zeitlich differenzierte Managementmaßnahmen in den Natura 2000-Gebieten in der deutschen AWZ von Nord- und Ostsee vorgeschlagen. Hierzu gehört beispielsweise der Ausschluss von
Grundschleppnetzfischerei in empfindlichen Lebensräumen (Riffe, Sandbänke) ebenso wie zeitlich differenzierte Verbote von Stellnetzfischerei in Zeiten, in denen besonders viele Seevögel in einem Schutzgebiet rasten oder mausern. Für jedes deutsche AWZ-Schutzgebiet wurden nach eingehender Prüfung und Abstimmung individuelle Managementmaßnahmenvorschläge, auch zur Freizeitfischerei (Angelfischerei), entwickelt.

Die Regelungen für die Freizeitfischerei wurden 2017 in den Verordnungen für die Naturschutzgebiete festgelegt. Fischereiliche Maßnahmen für die Berufsfischerei werden derzeit in internationalen Abstimmungsprozessen erarbeitet.


Beispiel: Karte der Regelungen für die Freizeitfischerei im Naturschutzgebiet Sylter Außenriff – Östliche Deutsche Bucht (NSG SAR-Östl.Dt.Bt.). Die Regelungen im einzelnen finden sich in den Verordnungen der jeweiligen Naturschutzgebiete.
Beispiel: Karte der Regelungen für die Freizeitfischerei im Naturschutzgebiet Sylter Außenriff – Östliche Deutsche Bucht (NSG SAR-Östl.Dt.Bt.). Die Regelungen im einzelnen finden sich in den Verordnungen der jeweiligen Naturschutzgebiete.

Langwieriger Abstimmungs-prozess im Rahmen der GFP

Die Regulierungen der Berufsfischerei in den Schutzgebieten in der deutschen AWZ werden ausschließlich im Rahmen der europäischen Gemeinsamen Fischerei Politik (GFP) festgelegt und sind somit ein völlig separater Prozess unabhängig von den Regulierungen der anderen menschlichen Eingriffe wie der Freizeitfischerei. Gemäß der GFP muss Deutschland in einer sogenannten „gemeinsamen Empfehlung“ den Mitgliedsstaaten mit Fischereiinteressen (auch in den deutschen Schutzgebieten) Vorschläge für eine Regulierung der Fischerei in den Naturschutzgebieten der deutschen AWZ vorlegen. Alle betroffenen Mitgliedstaaten müssen den Vorschlägen zustimmen.

Für die Nordsee beraten die zuständigen Fischereiminister hierzu in der so genannten Scheveningen-Gruppe. Nach langwierigen Verhandlungen hat Deutschland eine in dieser Gruppe abgestimmte Empfehlung für das Fischereimanagement in den Naturschutzgebieten in der deutschen AWZ der Nordsee an die EU-Kommission übermittelt. Die EU-Kommission hat diese jedoch als unzureichend zurückgewiesen, so dass derzeit eine Überarbeitung und ein erneuter Abstimmungsprozess erfolgen. Eine abschließende Entscheidung steht noch aus.

Für die Schutzgebiete in der Ostsee hat das internationale Verfahren zur Umsetzung von Managementmaßnahmen noch nicht begonnen

Freizeitfischerei in den Naturschutz-gebieten

Dorsche (Gadus morhua) und andere auch kommerziell genutzte Fischarten suchen Schutz und Nahrung in den Riffbereichen von Schutzgebieten. Foto Carlos Minguell / Oceana
Dorsche (Gadus morhua) und andere auch kommerziell genutzte Fischarten suchen Schutz und Nahrung in den Riffbereichen von Schutzgebieten. Foto Carlos Minguell / Oceana

Durch die am 27. September 2017 in Kraft getretenen
Schutzgebietsverordnungen wird die Freizeitfischerei in Teilbereichen von fünf Schutzgebieten der deutschen AWZ der Nord- und Ostsee räumlich und zeitlich differenziert reguliert.

Riffe sind bedeutende Nahrungsgründe und Rückzugs-gebiete für Dorsche

Die Bereiche eingeschränkter Fischerei dienen primär dem Schutz der Riffe – sowie der hier typischerweise vorkommenden Dorsche als Bestandteil dieser Riffbiozönose – und damit dem Erreichen des von der FFH-Richtlinie geforderten "günstigen Erhaltungszustands" des Lebensraumtyps "Riffe" und seiner charakteristischen Arten. Riffe stellen für den Dorsch bedeutende Nahrungsgründe und Rückzugsgebiete dar. Dorsche, aber auch andere Fischarten, halten sich bevorzugt im Bereich von Riffstrukturen auf, weil dort das Nahrungsangebot erhöht ist und die dreidimensionalen Riffstrukturen besseren Schutz vor Fressfeinden bieten. Das erhöhte Nahrungsangebot wiederum beruht auf einer sehr hohen Anzahl ökologischer Nischen, die dieser Lebensraum bietet. In der westlichen Ostsee wird das Nahrungsnetz und seine ökologischen Beziehungen erheblich durch Dorsche beeinflusst: sie ernähren sich u.a. von kleinen Fischen (z. B. Grundeln, Stichlinge), die selbst wiederum überwiegend Algen konsumierende Kleinkrebse fressen. Ein intakter Dorschbestand ist somit wichtig für ein ausgewogenes ökologisches Gleichgewicht der Riffe. Sowohl der Schutz lokaler Dorschbestände als auch der Riffstrukturen sind deshalb wichtige Maßnahmen zum Erhalt der Ökosystemstruktur und -funktion der Riff-Lebensgemeinschaften im Sinne der FFH-Richtlinie.

Aufwand muss geregelt werden

Insbesondere das (Charter-) Kutterangeln in der Ostsee konzentriert sich im Bereich von Riffstrukturen und ist gezielt auf den Fang von Dorschen ausgerichtet. Vor allem in der Ostsee werden einzelne Schutzgebiete intensiv durch die Freizeitfischerei genutzt. In den letzten 10 Jahren ist eine signifikante Zunahme des Anteils der Fänge der Freizeitfischerei an den Gesamtdorschfängen in der westlichen Ostsee festzustellen.

2015 betrug die geschätzte Entnahme nur der deutschen Freizeitfischer 3.161 t und lag damit um 8% höher als die Dorschfänge der Berufsfischerei (Quelle: ICES 2016, Internationaler Rat für wissenschaftliche Meeresforschung).

Unter Berücksichtigung ihrer sozio-ökonomischen Bedeutung wurde die Freizeitfischerei nicht pauschal in den Schutzgebieten verboten, sondern räumlich und zeitlich abgestuft reguliert. Insgesamt wird die Freizeitfischerei ganzjährig nur auf ca. 8 % und temporär auf 4 % der Fläche des deutschen Meeresgebietes der Ostsee ausgeschlossen. Das bedeutet große Teile (ca. 88 %) des deutschen Ostseegebietes sind weiterhin für die Freizeitfischerei uneingeschränkt nutzbar. Es ist somit davon auszugehen, dass ein Ausweichen der Freizeitfischerei in die umliegenden Meeresgebiete ohne relevante Fangeinbußen möglich sein wird.

Zum Wiederaufbau des Bestands des Westlichen Dorschs hat der EU-Ministerrat seit 2017 ein so genanntes „Bag Limit“ beschlossen, welches jährlich analog zu den Fischereiquoten der Berufsfischerei festgelegt wird. Beispielsweise für 2020 wurde die maximale Tagesfangmengen pro Angler auf fünf Dorsche bzw. in der Laichschonzeit (Februar / März) auf zwei Tiere pro Angler begrenzt.


Angelfischerei auf Dorsche, Fotos links Photoshot / juniors@wildlife, rechts Christian Pusch (BfN)
Angelfischerei auf Dorsche, Fotos links Photoshot / juniors@wildlife, rechts Christian Pusch (BfN)