Wildpflanzen-Inhaltsstoffe auf dem deutschen Markt
Als eines der wichtigsten Länder im weltweiten Handel, der Verarbeitung und dem Verbrauch wildgesammelter pflanzlicher Inhaltsstoffe ist Deutschland in einer besonderen Verantwortung zur Erhaltung und zur nachhaltigen Nutzung dieser natürlichen Ressourcen.
Inhaltsstoffe aus Wildpflanzen auf dem deutschen Markt
Inhaltsstoffe aus Wildpflanzen sind Basis und Bestandteil vieler alltäglicher Produkte. Die Herkunft dieser Rohstoffe aus natürlichen Pflanzenbeständen wird oft unterschätzt oder ist generell nicht bekannt. Einige wichtige Produktsektoren und Beispiele werden im Folgenden aufgezeigt und die bedeutende Rolle Deutschlands auf dem globalen Markt für Pflanzenrohstoffe beschrieben.
Deutschland ist weltweit eines der wichtigsten Import- und Exportländer für pflanzliche Rohstoffe. Dies liegt unter anderem an der historischen Rolle, die Deutschland, und vor allem Hansestädte wie Hamburg und Bremen, im globalen Handel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen spielte. In Deutschland sind einige Weltkonzerne und viele mittelständische Unternehmen angesiedelt, die pflanzliche Rohstoffe aus aller Welt importieren, diese weiterverarbeiten und dann Zwischen- oder Endprodukte vermarkten oder wieder exportieren.
Der Wert der weltweit gehandelten pflanzlichen Rohware, die für medizinische, aromatische oder andere inhaltsstoffbezogene gewerbliche Zwecke genutzt wird, hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht. Er betrug im Jahr 2022 mindestens 3,9 Milliarden US Dollar und umfasste mehr als 880.000 Tonnen Ware. Das jährliche Handelsvolumen stieg im Zeitraum von 2013 bis 2022 leicht an.
Deutschland ist nach China und den USA das drittwichtigste Importland solcher Pflanzenrohware und importierte zwischen 2013 und 2022 insgesamt 689.118 Tonnen Pflanzenrohstoffe im Wert von 321 Millionen USD. Dies entspricht ca. 9% der weltweiten Importe in diesem Zeitraum. Aufgrund des erheblichen Datenmangels über den Handel mit wildgesammelten Pflanzen ist es schwierig, ihren Anteil an diesen Handelsmengen zu bestimmen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Wildsammlung in diesem Sektor eine sehr bedeutende Rolle spielt.
Pflanzen werden aus verschiedenen Gründen wild gesammelt: Viele eignen sich nicht für den Anbau, wie zum Beispiel Paranüsse. Andere Pflanzen ließen sich zwar leicht kultivieren, doch ihr Anbau lohnt sich im Vergleich zur Wildsammlung wirtschaftlich nicht. Das gilt in Europa beispielsweise für Lindenblüten, Bärlauch und Brombeerblätter. Manche wildgesammelten Pflanzenrohwaren weisen zudem eine höhere Qualität auf. Das gilt insbesondere für Pflanzen, die zu medizinischen Zwecken oder als Aromastoffe verwendet werden. Und schließlich stellt die Wildsammlung in vielen Gegenden weltweit, vor allem in ländlichen und abgelegenen Regionen, auch heute noch eine Lebensgrundlage für viele Menschen dar.
Der Markt für Pflanzenstoffe aus Wildsammlung in Deutschland ist bedeutend. Die wichtigsten Industriesektoren für die Nutzung von Wildpflanzen in Deutschland sind die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, der Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel- und der Kosmetiksektor. Viele pflanzliche Bestandteile aus Wildsammlung finden jedoch auch Verwendung als Industrierohstoffe für die Herstellung von Haushaltsprodukten, Farbstoffen und Lacken, Fungiziden, Insektiziden und Vorratsschutzmitteln sowie von Futterzusätzen.
Arzneimittel aus Pflanzen (auch als Phytopharmaka oder Naturheilmittel bekannt) sind in Deutschland beliebt: Im Jahr 2002 nahmen 72% der Deutschen regelmäßig Naturheilmittel ein. Arzneitees stellen ein typisches pflanzliches Arzneimittel dar.
Bekannte Beispiele für wildgesammelte Pflanzen in Arzneimitteln sind Arnika (Arnica montana), die aufgrund ihrer entzündungshemmenden Eigenschaften als Schmerzsalbe z.B. bei Prellungen beliebt ist, oder das Isländische Moos (Cetraria islandica), das als traditionelles Hustenmittel bekannt ist. Die Afrikanische Teufelskralle (Harpagophytum spp.), die im südlichen Afrika wild gesammelt wird, hat entzündungshemmende und knorpelschützende Eigenschaften und wird bei der Behandlung von Arthrose eingesetzt.
Auch in Nahrungsergänzungsmitteln und vor allem als „Superfoods“ kommen Wildpflanzen zum Einsatz. Beispiele für vornehmlich wild gesammelte Pflanzeninhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln sind Baobab-Produkte (Adansonia spp.), Weihrauchextrakt (Boswellia spp.), oder Açai-Beeren (Euterpe oleracea) aus Südamerika.
Die Deutschen sind Weltmeister im Genuss von Kräuter- und Früchtetees: 2021 lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum bei rund 43 Litern. Zur Herstellung von Kräuter- und Früchtetees werden etwa 400 verschiedene Pflanzenteile von rund 300 unterschiedlichen Pflanzenarten verwendet. Zwei Drittel dieser Arten stammen aus Wildsammlung. Typische wild gesammelte Arten sind unter anderen: Hagebutten, Wildapfel, Süßholz, Brennnessel, Brombeerblätter und Lindenblüten.
Auch in kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken findet man wilde pflanzliche Inhaltsstoffe. Sanddorn (Hippophae rhamnoides) oder Holunderblüte (Sambucus nigra) sind als Geschmacksrichtungen von Limonaden bekannt. Im Gegensatz dazu wird Gummi arabicum (Senegalia senegal und Vachellia seyal) in Zutaten-Listen häufig als E 414 aufgeführt und kann deswegen leicht übersehen werden. Es wird vielen Erfrischungsgetränken beigefügt, da es das Entgasen verzögert und Farbstoffe in der Schwebe hält. In Wein verhindert das Gummi Trübungen durch Schwermetalle und Weinstein und sorgt für ein angenehmeres Mundgefühl.
Pflanzliche Inhaltsstoffe aus Wildsammlung finden auch häufig Verwendung in der Herstellung von Süßwaren. Gummi arabicum wird u.a. als Stabilisator für sprühgetrocknete Aromen, Kristallisationsinhibitor in Süßwaren, Glanzüberzug für Dragees, oder Schutzkolloid in Emulsionen und Schäumen verwendet. Candelillawachs (häufig als E 902 aufgeführt) aus dem mexikanischen Candelillastrauch (Euphorbia antisyphilitica), dient ebenfalls als Überzugsmittel und ist ein gängiger Bestandteil u.a. von Kaugummi. Sheabutter (Vitellaria paradoxa) kommt in der Schokoladenherstellung häufig als Ersatz für Kakaobutter zum Einsatz. Ein weiteres Beispiel für Inhaltsstoffe aus Wildsammlung, die sich in unseren Supermarkt-Regalen finden, ist Süßholzwurzel (Glycyrrhiza glabra) aus Zentralasien.
Darüber hinaus kommen pflanzliche Inhaltsstoffe aus Wildsammlung in der Lebensmittelbranche auch als Konservierungsmittel, Farbstoffe, Emulgatoren, oder als natürliche Aromastoffe zum Einsatz.
Deutschland hat den größten Kosmetik- und Pflegeproduktmarkt in Europa. Einen bedeutenden Anteil des deutschen Kosmetikmarktes stellt die so genannte Naturkosmetik dar.
Etwa 800 verschiedene Pflanzen und Pflanzenteile werden für kosmetische Zwecke verwendet. Die Verwendung vieler pflanzlicher Inhaltsstoffe zu kosmetischen Zwecken geht auf ihre Wirkstoffkomplexe zurück; daneben spielen aber auch Duft- und Aromastoffe eine wichtige Rolle. Zusätzlich werden aus Pflanzen gewonnene Hilfs- und Zuschlagstoffe wie Zucker, Stärke, Proteine oder Fette und Öle für Kosmetika genutzt.
Arganöl (Argania spinosa), Sheabutter (Vitellaria paradoxa) oder Wildrosenöl aus den Kernen wildwachsender Rosenarten (vornehmlich Rosa canina und R.rubiginosa), die in hochwertiger Naturkosmetik aufgrund ihrer weichmachenden, hautregenerierenden und Anti-Aging-Effekte eingesetzt werden, sind nur einige Beispiele für Produkte, die größtenteils von Pflanzen aus Wildsammlung stammen.
Wildgesammelte Pflanzen kommen auch in Industriezweigen zur Verwendung, die man eigentlich nicht mit Naturprodukten in Verbindung bringt: Candelillawachs ist häufig Bestandteil von Autopolituren, Gummi arabicum findet als Bindemittel in Farben oder Klebstoffen Verwendung, und wird in der Herstellung von Streichhölzern und Keramik genutzt. Pflanzliche Inhaltsstoffe aus Wildsammlung können auch als biogene Schmierstoffe und Ersatz für Mineralöle verwendet werden. Weitere pflanzliche Harze, die aus Wildsammlung stammen können, sind z.B. Terpentin, Sandarak, Elemi, Mastix, Copal oder Benzoe.
Nachhaltige Nutzung von Wildpflanzen und die Verantwortung deutscher Unternehmen
Die Herkunft der wildgesammelten Pflanzen ist entlang komplexer Lieferketten nicht immer nachvollziehbar. Es ist meist wenig darüber bekannt, unter welchen Bedingungen Pflanzen gesammelt werden, wie sich die Wildsammlung auf den Bestand der jeweiligen Arten auswirkt und welche Rolle die Wildsammlung für die Existenzsicherung der Sammlerinnen und Sammler spielt.
Erfolgt die Wildsammlung nachhaltig, kann sie dazu beitragen, Pflanzenbestände dauerhaft zu sichern und den Lebensraum der Pflanze zu erhalten. Davon können auch andere Tier- und Pflanzenarten und ganze Ökosysteme profitieren. Nicht-nachhaltige Wildsammlung jedoch kann den Bestand der betroffenen Pflanzenpopulation und in extremen Fällen sogar der gesamten Art gefährden.
Deutschland ist eines der wichtigsten Länder im weltweiten Handel, der Verarbeitung und dem Konsum von Wildpflanzen-Produkten. Deutsche Unternehmen, die Wildpflanzen verarbeiten, sind von ihrer Verfügbarkeit abhängig und tragen als wichtige Nutzer eine globale Verantwortung für die Erhaltung und nachhaltige Nutzung dieser natürlichen Ressourcen.
Die größten Bedrohungen für viele Pflanzenarten sind der Verlust von Lebensraum, Übernutzung, die Verbreitung von invasiven Arten und Krankheitserregern, und der Klimawandel. Diese Faktoren können einander verstärken und somit enormen Druck auf lokale Pflanzenpopulationen ausüben.
Nicht-nachhaltige Wildsammlung kann zur Übernutzung und damit zum lokalen Zusammenbruch der jeweiligen Population führen oder, im Extremfall, ein Aussterberisiko für die Art darstellen. Die nachhaltige Nutzung von wilden Arten spielt eine zentrale Rolle für die Erreichung des 15. Globalen Nachhaltigkeitsziels (Leben an Land bzw. intakte Ökosysteme).
Die wichtigste Maßgabe für nachhaltige Wildsammlung lautet, dass nicht mehr entnommen wird als nachwachsen kann. Wird über längere Zeiträume zu viel Material entnommen, oder zum falschen Zeitpunkt, können sich die Bestände auf lange Sicht nicht regenerieren und es kommt zum lokalen Aussterben der Population. Je nach Pflanzenart, den entnommenen Pflanzenteilen und den angewandten Erntemethoden, sind Pflanzenbestände unterschiedlich anfällig für Übernutzung.
Die Sammler und Sammlerinnen können eine Schlüsselrolle für die Nachhaltigkeit der Wildsammlung spielen. Nachhaltige Wildsammlung stützt sich stark auf das Wissen über die Pflanzenarten, deren Ökologie und Lebensräume, nachhaltige Sammelmengen, Zeitpunkt und Ort des Sammelns und das Ressourcenmanagement von Wildpflanzen. In manchen Fällen ist dieses Wissen traditionell überliefert, aber auch die moderne Wissenschaft trägt dazu bei. Neben diesem Wissen ist auch ein regelmäßiges Monitoring wichtig für ein gutes Bestandsmanagement.
An manchen Orten trägt das Einkommen durch Wildsammlung erheblich zum Lebensunterhalt der Sammlerinnen und Sammler bei. Doch die Zahl der Wildsammler und -sammlerinnen nimmt ab. Die Hauptgründe sind das niedrige Einkommen und schlechte Perspektiven. Aber auch die teilweise harte körperliche Arbeit oder die Saisonalität der Arbeit sind Faktoren, die die Attraktivität des Wildsammlerberufes negativ beeinflussen.
Die Rückverfolgbarkeit der Pflanzenrohstoffe entlang der Lieferketten spielt für die Sicherstellung der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit der Wildsammlung eine bedeutende Rolle. Ohne Informationen zur Herkunft der Rohstoffe ist es nicht möglich, ökologisch nicht-nachhaltige, unsoziale und menschenrechtswidrige Praktiken in den Lieferketten der Waren auszuschließen. Die Lieferkettentransparenz und der Datenmangel für Wildsammlung sind Herausforderungen, der sich Unternehmen aus allen Wildpflanzen verarbeitenden Branchen, u.a. anlässlich neuer Regulierungen wie dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) oder dem EU-Lieferkettengesetz stellen müssen.
Handels- und Produktionsunternehmen können Einfluss entlang der Lieferketten nehmen, indem sie beispielsweise von Lieferanten Zertifizierungen verlangen oder die Sammlerinnen und Sammler oder Lieferanten in den Sammelregionen dabei unterstützen, Managementpläne zu erarbeiten, Kooperativen zu bilden oder Nachhaltigkeitszertifizierungen zu erlangen.
Eine wichtige Strategie gegen den Artenrückgang ist „Schutz durch Nutzung“: Die langfristige monetäre Inwertsetzung der Ressource bietet der lokalen Bevölkerung Anreize für ihren Erhalt. Sammler und Sammlerinnen können in Vereinen oder Kooperativen verbindliche Vereinbarungen eingehen, um ein nachhaltiges Management der Bestände durch Wildsammlung zu gewährleisten. Diese beinhalten z.B. Verhaltenskodexe, die nachhaltige Erntemengen und -zeiten festlegen, oder eine regelmäßige Inventur und Kontrolle der Bestände.
Nachhaltigkeitszertifizierungssysteme und -standards sind ein etabliertes freiwilliges Instrument der verantwortungsvollen Unternehmensführung. Sie ermöglichen es Unternehmen, ökologischen und sozialen Risiken entlang ihrer Lieferketten zu begegnen. Gleichzeitig signalisieren sie damit den Verbraucherinnen und Verbrauchern, dass ihre Produkte nachhaltig sind. Solche Standards müssen in der Regel anspruchsvollen wissenschaftlichen Kriterien genügen und haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Nur sehr wenige sind jedoch gezielt für die Wildsammlung entwickelt worden, wie z.B. der FairWild-Standard.
Im Juni 2024 organisierte das BfN zusammen mit TRAFFIC einen Runden Tisch zum Thema „Pflanzenrohstoffe aus Wildsammlung - Nachhaltigkeit in Beschaffung, Handel und Konsum auf dem deutschen Markt“. Rund 30 Teilnehmer aus Industrie und Handel, u.a. im Lebensmittel-, Kosmetik- und Arzneimittelbereich, sowie Behörden, Verbraucherschutzorganisationen, Nachhaltigkeitsinitiativen und NGOs diskutierten über bisherige Maßnahmen, mögliche Hindernisse, Erfolge oder Ideen, die zu mehr Nachhaltigkeit in den Lieferketten von pflanzlichen Inhaltsstoffen aus Wildsammlung führen sollen. Der Artenschutz vor Ort durch den Erhalt des Wildsammlerberufes war ein zentraler Diskussionspunkt.
Vielen Verbrauchern und Verbraucherinnen ist nicht bewusst, wie viele Zutaten in ihren täglichen Konsumgütern aus Wildsammlung stammen. Zunächst wäre es wichtig, die Herkünfte dieser „wilden“ Zutaten für die Endverbraucher und -verbraucherinnen sichtbar zu machen.
Unternehmen können „wilde“ Inhaltsstoffe in ihren Produkten durch Zertifizierung kommunizieren. Für dieses Ziel wäre eine gegenseitige Anerkennung der verschiedenen freiwilligen Standards und Zertifizierungen hilfreich, damit sich die Verbraucherinnen und Verbraucher besser im „Zertifizierungsdschungel“ zurechtfinden.
Unternehmerische Interessensgruppen können zudem durch gezielte Informationskampagnen Fehlinformationen und Halbwissen über Wildsammlung und Zertifizierungen bei den Endverbraucherinnen und -verbrauchern regulieren und die Wildsammlung ins öffentliche Bewusstsein bringen.