Schutz für die Tiefsee
Lebensraum Tiefsee: extrem und faszinierend
Von den Ozeanen gehören weniger als 10 Prozent den flacheren Meeresgebieten (bis 200 m Tiefe) an. Unter dem Großteil von über 90 Prozent erstreckt sich die Tiefsee.
Die Tiefsee ist ein extremer Lebensraum: Kein Licht dringt in die Tiefen der Meere. In völliger Dunkelheit müssen sich Tiere auf andere Weise orientieren. Oft sind Augen zurückgebildet oder Tiere haben ihre eigenen Lichtquellen. Der Anglerfisch hat einen leuchtenden Fortsatz, die Angel, mit der er Beutetiere anlockt. Hervorgerufen wird das Leuchten durch Bakterien, sogenannte Photobakterien. Ohne Licht können auch Pflanzen in den tiefsten Tiefen nicht existieren. So sind ganz andere Nahrungsnetze entstanden, an deren Anfang keine Pflanzen stehen.
Aber nicht nur die Dunkelheit macht die Tiefsee zu einem einzigartigen Lebensraum: in den Tiefen bis 11.000 Metern herrscht ein extrem hoher Druck. Dazu kommt noch die Kälte, die Wachstum, Stoffwechsel und Vermehrung sehr verlangsamt. Der Mangel an pflanzlicher Biomasse deutet schon darauf hin, dass Nahrung für viele Lebewesen äußerst knapp ist.
Um unter diesen Umständen zu überleben, bedarf es ganz besonderer Anpassungen. Einige Tiere steigen nachts aus der Tiefsee in Richtung Wasseroberfläche auf, um in höheren und produktiveren Wasserschichten im Schutz der Dunkelheit Nahrung zu finden. Diese nächtliche Wanderung vieler Tiefseebewohner gehört zu den größten Tierwanderungen auf der Erde.
Schwarze Raucher
Zudem gibt es in der Tiefsee Regionen mit weiteren extremen Bedingungen: Heiße Quellen stoßen schweflige Gase und Metalle in hohen Konzentrationen aus, die für viele Lebewesen giftig sind. Die austretenden Substanzen reagieren mit dem kalten Meerwasser zu Metallsulfiden, die imposante Schlote, die sogenannten „Schwarzen Raucher“ bilden. Die heißen Quellen weisen Temperaturen bis 400° C auf und zählen dennoch aufgrund von chemosynthetisch aktiven Bakterien zu den am dichtesten besiedelten Lebensräumen der Tiefsee. Hochspezialisierte Arten von Muscheln, Röhrenwürmern, Schnecken und Krebstieren sind lokal an den Quellen teils massenhaft vorhanden – mit vielen Arten, die es nur dort gibt.
Manganknollen und Unterwasserberge
Manganknollen in der Tiefsee bieten einen wichtigen Besiedlungsraum auf dem ansonsten eher weichen Boden der Tiefsee und beherbergen eine ganz eigene biologische Vielfalt. Unterwasserberge sind meist vulkanischen Ursprungs und erheben sich mehrere hundert Meter vom Tiefseeboden. Auch sie bieten wichtige Besiedelungsflächen für Tiefseelebewesen. Hier bilden sich Hotspots der Biodiversität. Aufgrund ihrer ökologischen Bedeutung auch als Ausgangsort für Wiederbesiedlungen, der Empfindlichkeit ihrer Tierwelt, ihrer Unterschiedlichkeit und bislang noch zu geringer Kenntnisse über die Wechselwirkungen untereinander gelten Unterwasserberge als Meeresökosysteme, die besonders geschützt werden sollten.
Die Tiefsee als gemeinsames Erbe der Menschheit
Nach dem Seerechtsübereinkommen ist der internationale Meeresboden jenseits der Grenzen nationaler Hoheitsbefugnisse einschließlich dort vorkommender Ressourcen das gemeinsame Erbe der Menschheit. Im Rahmen des Übereinkommens wurde die Internationale Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) geschaffen, die den Tiefseebergbau auf dem internationalen Meeresboden regeln und Maßnahmen zum Schutz der Meeresumwelt vor den negativen Auswirkungen des Tiefseebergbaus sicherstellen soll.
Aktuell findet der Tiefseebergbau noch nicht kommerziell statt und Lizenzen beschränken sich auf die reine Exploration. Aber Regeln für den angewandten Tiefseebergbau sind bereits in Ausarbeitung und Lizenzen für den Rohstoffabbau in der Diskussion. Um sich wirtschaftlich zu lohnen, müsste ein Abbau je nach Substrat riesige Gebiete von bis zu mehreren Hundert Quadratkilometern Meeresboden pro Jahr umfassen. Das Bundesamt für Naturschutz ist besorgt, dass hier demnächst Entscheidungen getroffen werden, die zu irreversiblen Schädigungen mit dramatischen Folgen führen.
Das Bundesamt für Naturschutz empfiehlt deshalb unter Verweis auf das Vorsorgeprinzip, international keinen Tiefseebergbau zuzulassen, solange die Risiken für die Meeresumwelt, die Biodiversität und die Menschheit nicht ausreichend erforscht, verstanden und zu managen sind. Es gilt, die Tiefsee als gemeinsames Erbe der Menschheit mit ihrer biologischen Vielfalt und ihren Funktionen zu erhalten – global und auch für zukünftige Generationen.
Unerforschte Schätze
Die Umwelt in den Tiefen der Meere ist nur mit großem Aufwand zu erkunden. Erst ein Bruchteil der Tiefsee ist überhaupt erforscht. Die Vielfalt an Lebensformen in der Tiefsee ist trotz oder wegen ihrer extremen Lebensbedingungen enorm. Laufend finden Forschende hier neue Arten. Schätzungen zufolge gibt es in der Tiefsee noch weit mehr als eine Million neuer Arten zu entdecken. Viele Lebensformen konnten in der Abgeschiedenheit der Meerestiefen lange Zeiträume unbeschadet überstehen. Die Tiefsee ist ein Refugium und Reservoir einzigartiger ursprünglicher Lebensformen. Auch einige der am längsten lebenden Lebewesen auf unserem Planeten kommen in der Tiefsee vor, zum Beispiel bestimmte langsam wachsende Tiefseekorallen, die über 1.000 Jahre alt werden können. Manche Arten erreichen in der Tiefsee im Vergleich zu anderen Vertretern ihrer Gruppe gigantische Größen; ein Beispiel sind die bis zu einem halben Meter langen Riesenasseln.
Es wird vermutet, dass in den sauerstofffreien Sedimenten der Tiefsee große Kohlenstofflager liegen, die durch das Herabsinken von organischem Material entstanden sind.
Gefahr Tiefseebergbau
Der Rohstoffreichtum der Tiefsee weckt zunehmend Begehrlichkeiten. Insbesondere Manganknollen sind aktuell im Fokus von Rohstoffinteressen. Die polymetallischen Knollen enthalten neben Mangan und Eisen unter anderem Kupfer, Nickel und Kobalt. Auch die EisenManganKrusten in tieferen Bereichen von Unterwasserbergen werden als wichtige Rohstoffquellen angesehen. Ebenso sind die Schwarzen Raucher mit ihren polymetallischen Verbindungen, die unter anderem auch Kupfer, Zink, und in Spuren auch Gold und Silber enthalten, von wirtschaftlichem Interesse.
Sollte sich ein Abbau der Tiefseerohstoffe in großem Stil durchsetzen, würden wertvolle Ökosysteme auf absehbare Zeit zerstört und mit ihnen hochspezialisierte Arten für immer verschwinden. Diese sind über geologische Zeiträume von bis zu Jahrmillionen entstanden und bilden sich auch erst wieder über entsprechende Zeitspannen neu – wenn überhaupt. Durch Abbau und Aufwirbelung entstehen großflächig Sedimentwolken, die sich im Wasser ausbreiten. Zudem können beim Tiefseebergbau Schadstoffe und langfristig gebundener Kohlenstoff freigesetzt werden, der dann als CO2 in die Atmosphäre entweichen kann. Der Abbau selbst ist auch mit Lärm, Vibrationen und künstlichem Licht verbunden, was viele Tiere schädigen und stören kann.
Aktuell ist die Tiefsee bereits durch die seit einiger Zeit praktizierte Tiefseefischerei belastet, die schon gravierende Spuren hinterlassen hat. Ganze Riffe von Tiefseekorallen wurden durch Fischereigeräte zerstört. Die Ölindustrie, Müll und Schadstoffe sowie der Klimawandel stellen weitere Belastungen für die Tiefsee dar. Ein zusätzlicher, großflächiger Eingriff wie der Tiefseebergbau hat das Potential, dieses einzigartige Ökosystem in großen Bereichen unwiederbringlich zu zerstören.
Gerade die hohe Spezialisierung, das verstreute Vorkommen von nur an bestimmten Orten vorkommenden Lebewesen, die Langsamkeit von Stoffwechsel, Wachstum, Vermehrung und anderen Prozessen machen die Tiefseelebewesen und ihre Ökosysteme sehr empfindlich gegenüber Störungen und Eingriffen und erschweren die Regeneration.
Insgesamt gelten die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus nach heutigem Kenntnisstand als gravierend und langfristig bis unumkehrbar.